Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1871)
- Date
- 1871-05-16
- Page
- Seite 390 (sequence 2)
- Language
- German
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390 werde. 3it dem obigen Borgang, in der Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät, deren Kosten aus Staatsmitteln bestritten, liegt ein zwiefaches Moment. Voran die vollständige Gleichberechtigung der Culte, so daß der Staat in gleicher Weise für die wissenschaftliche Entwickelung der jüdischen Theologie und für die Ausbildung der jüdischen Ncligicnslehrer Sorge trägt, wie er dies bereits feit Jahrhunderten für die katholische und evangelische Geistlichkeit thut. Daß diese Gleichberechtigung gerade in der Einrichtung der höchsten theologischen Institution geschieht, erhöht die Energie des Beweises. Es ist hiermit anerkannt, daß die jüdische Theologie sich durch die Arbeiten und während des letzten halben Jahrhunderts aus die Höhe der Wissenschaft erhoben und sich hierin den andern Confesstonen ebenbürtig gemacht hat, wobei aber nicht zu übersehen ist, daß nach der geistigen Tendenz des Judenthums, besonders bei der geringen Dogmatisirung desselben, seiner wissenschaftlichen Behandlung eine viel freiere Bewegung gestattet ist, als den Theologien der verschiedenen Kirchen. So macht, um Eines anzuführen, auf dem Grunde der jüdischen Literatur, also nicht etwa aus modernem Gelüste , die „Religionsphilosophie" einen integrirenden Theil der jüdischen Facultätsdisciplinen aus, und wären diese ohne jene unvollständig. Das zweite Moment liegt aber darin, daß man die neue Institution einfach und unumwunden dem Namen und der Sache nach als „jüdisch-cheologische Facultat" und als nichts Anderes hinstellt, und sie in allen Eigenschaften einer Facultat mit der Universität zu Wien verbindet; daß man also sie nicht als ein getrenntes und isolirtes Institut, als ein für sich bestehendes, abgeschlossenes Rabbinerseminar aufsaßt und gestaltet, auch nicht sonst einen besonder» Titel für sie erfindet, worin sich immer wieder eine gewisse Ausschließung, sei es von christl., sei es von jüd. Seite, charakterisirt und Luft macht. Die unmittelbare Verbindung mit der Universität, die Wirksamkeit der Wissenschaft des Judenthums auch nach außen hin, da diese Wissenschaft nun nicht mehr als eine abgesonderte Existenz, sondern als ein bedeutendes Glied des großen wissenschaftlichen Lebens erscheint, und die Hörsäle der jüdischen Professoren auch den Studirenoen jeder anderen Confcssion offen stehen, sind hiermit constatirt. Dies ist es vor Allem, was wir seit dem Jahre 1837 ununterbrochen gewünscht und erstrebt haben; diesen Charakter wollten wir von Anfang an einer clchen Anstalt gegeben haben, und wir gestehen offen, daß es uns eine große Befriedigung gewährt, den Gedanken, ganz wie wir ihn vor 34 Jahren gefaßt und angestellt haben, jetzt der Verwirklichung nahegebracht zu sehen. Freilich mit einem Unterschiede. Damals konnte man noch nicht so kühn sein zu glauben, daß ein Staatsministerium die Kosten einer solchen Facultät übernehmen, daß überhaupt ein Unterrichtsministerium die Errichtung einer solchen in die Hand nehmen werde. Man wandte sich daher an die Glaubensgenossen selbst und hoffte von diesen die Mittel ebenso gut zu erhalten, wie man sie für Kranken- und Waisen-, für Taubstummen- und andere Häuser zu aller Zeit reichlich erhalten hat. Hierin sah man sich bis auf den heutigen Tag getäuscht, und so ist es um so erfreulicher, daß es jetzt von der Seite geschieht, von welcher man es bis jetzt nicht erwartet hatte. Denn selbst in Frankreich konnte man vom Staate nur ein gesondertes jüdisches Seminar erhalten, das lange Zeit nur ein schwächliches Dasein in einer Provinzialstadt (Metz) verlebte, bis es endlich durch die vereinigten Anstrengungen Ullmanns, Munk's und Albert Cohn's nach Paris verpflanzt wurde. Run sage man aber nicht, daß wir hierdurch eine Staatsanstalt erhalten, welche immerhin von den Intentionen der Staatsregierung abhängig sei. Einerseits wird dieser Einwirkung durch die Jnstituirung eines jüdischen Curatoriums wesentlich vorgebeugt, und gerade die jüdische Theologie ist für einen christlichen Minister eine solche terra incognila, daß er von diesem Curatorium abhängiger bleibt, als er es für die christliche Theologie ist. Andrerseits ist unsere Zeit nicht mehr dazu angerhan, derartige Einflüffe von oben her zu tief eingreifen zu lassen, und der Geist, der diese Anstalt schasst, giebt für sich selbst Bürgschaft genug. Es bleibt uns vielmehr ein anderer Wunsch übrig, daß der Theil unserer Glaubensgenossen, der sich gern den orthodoxen nennt, zur Einsicht käme, daß eine solche Anstalt wie eine jüdisch-theologische Facultät gerade für seine Tendenzen am geeignetsten ist. Denn in einem abgeschlossenen Seminar wird stes mehr oder weniger ein bestimmter, in sich geschlossener Geist einseitig herrschen, während innerhalb einer Facultät, wo jeder Professor aus seiner Ueberzeugung und von seinem Standpunkte aus lehrt, die orthodoxe Richtung ebenso gut ihre Vertretung finden kann, wie jede andere, und auch sicherlich findet, sobald die sg. orthodoxe Partei sich darum bemüht und daran betheiligt. Dies ist augenscheinlich, und man hat cs ihr oft genug gesagt. Aber sie glaubt nun einmal ihr Heil nur in einer völligen