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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-09 · Heft 19 (9.5.1871) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 19 (9.5.1871)
Date
1871-05-09
Page
Seite 387 (sequence 19)
Language
German
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sendete Circular „Gedenkbuch an den deutsch-französischen Krieg von 1S70—1871" betreffend, erlaube auch ich mir, Ihnen einige nicht uninteressante Erlebnisse aus dem vergangenen Kriege mitzutheilen, und Ihnen dieselben als einen Beitrag zu dem Gedenkbuche zur Verfügung zu stellen. Im Jahre 1869 trat ich als einjähriger Freiwilliger in das Jnfanterie-Leib-Regiment ein und marfchirte in dieser Eigenschaft am 20. Juli v. I. mit ins Feld. Ich nahm Theil an den Schlachten von Wörth, Sedan, Orleans, Culmiers und an der zweiten Einnahme von Orleans (außerdem noch an zehn kleineren Gefechten). In einer der dieser Einnahme vorhergehenden Schlachten, bei Orgeres am 2. December, wurde ich nicht unbedeutend verwundet, bin jetzt jedoch so ziemlich wiederhergestellt und für mein tapferes Verhalten am 1. Decbr. (Gefecht bei Patay» mit dem Verdienstkreuze des bayerischen Militärverdienstordens ausgezeichnet worden; schon im Monate November wurde ich zum Landwehrjunker befördert. Mein Tagebuch von Mitte*) August besagt: Nachdem wir schon um 4 Uhr. Morgens aufgebrochen waren, langten wir gegen Mittag vollständig durchnäßt in dem kleinen Städtchen Diemeringen an. ' Während meine Division Bivouak bezog, erhielt ich den Befehl, mit meinem Zuge als „Ortswache" in dem Städtchen zu bleiben und ein Haus. als Wachlocal zu bestiminen. Ich wählte hierzu ein am Ende des Städtchens sich besindendes Haus, dessen Eigenthümer, ein Lehrer Namens Bloch, mir die Erlaubniß gegeben hatte. Nach kurzen einleitenden (in deutscher Sprache geführten) Worten wurde ich in die Wohnstube geführt und der Familie vorgestellt. Mir die Einrichtung betrachtend, fällt mein Blick auf einen großen Bücherschrank; ich trete näher, besehe mir den Inhalt desselben und entdecke zu meiner nicht geringen Freude — fast nur Werke und Gebetbücher in jüdischer Sprache. Nun stieg in mir der Gedanke auf, daß mein Quartierherr vielleicht ein Jude sei; ich frage deshalb und hatte mich nicht getäuscht. Als nun auch ich mich zu erkennen gegeben, waren die anfangs etwas mürrisch aussehenden Familienglieder von freundlichster Stimmung beseelt. Eine herzliche Unterhaltung enspann sich und bald war Feind und Freund (Herr Bloch war ein treuer Anhänger Napoleons damals — ob heute?) verschwunden, und es blieb nur die jüdische Lehrerfamilie mit einem deutschen jugendlichen Gaste. Aber nicht ich allein, sondern auch alle Soldaten meines Zuges, waren von dem Moiuente an herzlich willkommen, ja selbst für meinen Hauptmann wurde Kaffee und Zucker besorgt, so daß er mir schalkhaft sagte, „wie angenehm ein Jude zu sein." Dies war 387 j mein erstes Zusammentreffen mit Juden und ich muß mit Vergnügen constatiren, daß die so viel besungene jüdische Gastfreundschaft sich auch im Kriege und gegen Feinde bewähre. Wenige Tage später kam ich wieder in eine kleine Stadt, in welcher Juden wohnten. Als ich mich einem derselben, bei welchem mein Oberst wohnte, vorstellte, wurde ich sofort zu Tische geladen und in jeder Weise freundschaftlich behandelt, auch mein Brodsack mit sehr angenehmen Ingredienzen versorgt. Mein drittes Zusammentreffen mit Juden fand in Epernay statt. Während ich auf der Straße gehe, kommt mir ein Freund entgegen, mir mittheilend, daß er mich schon lange suche, indem alle in Epernay (bei der deutschen Armee) sich befindenden Juden zu einem Kaufmann auf heute, Freitag Abend, eingeladen wären. Mit Freuden nahm ich es an, und so versammelten sich Punkt 7 Uhr vier jüdische deutsche Soldaten bei dem französischen Kaufmann. Auch hier war die engere Nationalität vergeben und die ältere Gemeinschaft kam zu ihrem Rechte. Am nächsten Tage bat ich um einige Flaschen Wein für meinen Hauptmann und gegen Bezahlung; den Wein erhielt ich wohl — doch die Bezahlung wurde nicht angenommen. Unter den herzlichsten Wünschen der Familie für mein ferneres Wohlergehen verließ ich das gastliche Haus meines Glaubensgenossen. (Gottesdienst fand zu dieser Zeit wegen Mangel an Betheiligung nicht statt.) Meine letzte und am längsten dauernde Bekanntschaft mit Israeliten in Frankreich machte ich in Orleans. Kurz nach Einnahme der Stadt, am 12. October, bezogen wir in derselben Quartier und ich, einen längeren Aufenthalt voraussehend, erkundigte mich sofort, ob und wo Juden in der Stadt wohnen und erfuhr zu meiner Freude, daß die jetzt sehr kleine Gemeinde sogar einen Rabbiner in der Person des Herrn Bernhard Flasckmer habe. Ich ging sofort zu demselben und wurde freundlich st ausgenommen. Herr Flaschner ist ein Deutscher, aus Ungarn gebürtig, und lebt schon seit mehreren Jahren mit seiner Frau und zwei Töchtern in Orleans. Die sehr gebildeten Mädchen geben in den ersten Häusern Unterricht; die ältere war sogar zur Zeit ineiner Anwesenheit als „Dolmetsch" auf der Mairie an gestellt. Bei dieser Familie verlebte ich und noch einige Juden manche schöne Stunde während unseres vierwöchentlichea Aufenthalts, und wir schieden mit dem Versprechen, in steter Correspondenz zu bleiben. Zwei Mal konnte Gottesdienst abgehalten werden, der von fast allen in Orleans sich befindenden Juden besucht war. Die Synagoge ist zwar unansehnlich, doch' nicht minder heiß stiegen die Gebete Aller um baldigen Frieden zu Gott empor. Herr Flaschner hat sich mehrmals nach mir erkundigt und ich ihm in einem Schreiben gedankt. ') Da8 Datum habe ich gerade nicht zur Hand.

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