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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-09 · Heft 19 (9.5.1871) · p. Seite 374

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 19 (9.5.1871)
Date
1871-05-09
Page
Seite 374 (sequence 6)
Language
German
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374 außen hin so viel Staub aufgewirbelt wird, wenn ihre Redacteure, Korrespondenten u. s. w. auf Mittel sinnen, wie irgend ein Schein von Kampf zu erhalten wäre, so geschieht es bloß, um der Welt da draußen Sand in die Augen zu streuen; indessen geht Alles hier seinen ruhigen Gang, gicbt eS weder Zank noch Streit, so daß fast in keiner Gemeinde mehr Ruhe und Frieden herrscht, als in der hiesigen. Jeder Unbefangene sieht cs auch ein, daß das neuaufgerichtete, nach außen glänzend angestrichene Gebäude der hiesigen Orthodoxie, im Innern morsch und auf hohlem Grunde gebaut ist, da selbst seine Gründer und Träger, die Gemeinde-, Schul-, Vereins- und sonstige Vorsteher, sich nur da als unfehlbar orthodox ausgeben, wo cs an die große Glocke kommt, um eben ein solches Amt,, das ihnen bei der Gemeinde nicht zugänglich ist, in diesem kleinen Kreise wenigstens cruud behalten zu können; im llebrigen aber, mit nur verschwindender Ausnahme, am Sonnabend ebenso die Börse besuchen, ebenso-ihre Geschäfte und Fabriken in Thätigkeit halten, ebenso nicht koscher speisen, wie ihre uichtorthodoxen Brüder. Daß es diesen Leuten um die innere Ucberzcugung nicht zu thun ist, beweist ihr Streben, den vor nicht langer Zeit im „Israelit" verketzerten Dr. Cassel als Lehrer für das Pseudoseminar zu gewinnen, um wenigstens mit einem Manne der Wissenschaft prunken zu können, welcher aber in richtiger Würdigung solcher mißlichen Berhältltisse die ihm angebotene Ehre abgelchnr hat. Das ganze Wesen der hiesigen Orthodoxie ist also, wie Sie sehen, nichts weiter als ein Humbug, deren erkünstelten und aufgeschraubtcn Halt ich hier in einer der Orthodoxie allein eigcnthümlichen Sprache, gleichwohl aber in einem wahren, sehr wahren Lichte dargestellt und nicht Wenigen aus der Seele gesprochen zu haben mir bewußt, bin. ir. Berlin, Ende April. Die Stadtverordnetenversammlung hatte den Blagistrat unterm 9. März eine gegen den bekannten Erlaß des tönigl. Consistoriums der Provinz Brandenburg vom 27. Deeember v. I., den Uebertritt zum Jndenthum betreffend, gerichtete Petition mit dem Ersuchen um Berücksichtigung übersandt. Der Magistrat antwortete hierauf: „Es bedarf kaum der besonderen Erwähnung, daß auch wir den Geist und den Sinn beklagen, in welchem jener Erlaß über Andersgläubige sich ausspricht. Da cs sich aber um eine rein interne Kirchensache handelt, so halten Wir uns zu weiteren Schritten in dieser Angelegenheit nicht für competent." Unter dem vierten Verzeichnisse der bei dem deutschen Reichstage eingegangenen Petitionen befindet sich eine von Franke zu Cößnitz, welche beantragt, zu beschließen, daß fortan die Inden ebenso wie die Bekenner anderer <5onfcffioiicn zum Officierdienst der Linientrnppen des deutschen Heeres zugelassen werden, und ihnen bei der Ofsicierswahl ihres Glaubens wegen kein Hinderniß entgegenstehen soll.*) Aus dem Posen'schen, im April. (Privatmitth.) Wie allenthalben in uusereln großeil detitschen Vaterlaude, so haben auch in hiesiger Provinz während des eben beendeten Krieges die Juden ihren Patriotismus, wie ihre humane Gesinnung überhaupt, wieder aufs Glänzendste bewährt. So manche haben hierin sogar sich ausgezeichnet, und zu diesen gehört ganz besonders ein Herr Louis Still mann, welchen die Gemeinde Rawitsch zu ihren Mitgliedern zählt. Derselbe hat nicht bloßim ganzen Verlaufe des Krieges an allen, zu patriotisch > wohltätigen Zwecken veranstalteten, Sammlungen re. mit großer Freigebigkeit sich betheiligt, sondern auch — was allen seinen Thaten noch die Krone aufsctzt — die Freude über den endlich errungenen Frieden durch einen hochherzigen Act verherrlicht. Dieser besteht nämlich darin, daßHerr Stillmann eine „Stiftung" fundirte von viertausend Thalern, deren Zinsen armen Invaliden zu Gute kommen sollen. An vier Tagen des Jahres, und zwar an den Geburtstagen des kaiserlichen wie des kronpriuzlichen Ehepaars, sollen — nach der besondern Bestimmung des Herrn Stillmann — die Zinsen von je tausend Thalern vertheilt werden. Verdient solche Handlung nicht ganz besondere Hervorhebung? In Rackwitz (Kr. Bomst) haben am 18. v. M. *) Diese Petition ist vollständig überflüssig. Gesetzlich steht der Ernennung von Juden zu Officieren nichts entgegen, wie man schon aus der ziemlichen Anzahl jüdischer Reserveofficiere ersieht. Aber weder kann man Se. Maj. den Kaiser zwingen, Juden zu Linienofficiercn zu ernennen, noch die Officierscorps, Juden in sich anfzunehmen und kameradschaftlich zu behandeln. Die Redact.

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