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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-09 · Heft 19 (9.5.1871) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 19 (9.5.1871)
Date
1871-05-09
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
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Antheil an jener Weigerung und Ausschließung, sondern allein der Archidiakonus Kannegießer. Vielleicht nun hatte dieser Mann eine persönliche Idiosynkrasie gegen Judenkinder, so daß er mit solchen nicht gern zusammenkäme. Es wäre dann auch nichts dawider zu sagen, denn ein Individuum Hai auch seine Freiheit, und es kann sagen: dies ist nicht nach meinem Geschmacke, und wenn diesem zuwidergehandelt wird, so gehe ich. Das Urtheil über ein solches Individuum Vorbehalten, geht dies doch die Allgemeinheit nichts an, und der sonderbaren Käuze giebt es ja auf Erden viele. Aber dies ist nicht der Fall, sondern der Herr Archidiakonus Kannegießer erklärte: „Eine Schule, in welcher ein evangelischer Geistlicher Unterricht ertheilt, könne Kinder jüdischen Glaubens nicht aufnehmen." Ties ist ein Allgemeinsatz, das klingt wie ein kirchliches Dogma, und wäre dieser Archidiakonus, Kannegießer in Suhl ein Papst, so würden hiermit aus allen Schulen, in welchen evangelische Geistliche Unterricht ertheilen, und dieö ist die überaus größte Zahl in Protestant. Landern, die Kinder jüdischen Glaubens ausgeschlossen. Dies ist er nun glücklicher Weise nicht, aber er maßt sich doch an, im Namen aller evangelischen Geistlichen ein solches Berbannungödecret zu erlassen, das bei dieser Schule auch ausgeführt wurde; er erklärt es für eine Pflicht jedes evangelischen Geistlichen, so zu verfahren, und nach seiner Erklärung handelt jeder evangelische Geistliche gegen sein Amt, wenn er nicht so verfährt. Wenn ein in seiner Kirche in Amt und Würden stehender Geistlicher eine solche Erklärung abgiebt, nicht als eine persönliche Meinung, sondern als einen Grundsatz, der allgemein feststehe, und welchen er vor aller Welt ausspricht und ihm Folge leistet: so sind wir nicht berechtigt, dies eben nur als eine persönliche Ansicht anzusehen, sondern müssen annehmen, daß er es im Einverständniß mit, wenigstens vielen Amtsgenosien thut und aus deren Geist und Gesinnung heraus. Dies wird nicht wenig dadurch bestätigt, daß wir von keiner Entgegnung gegen das obige Inserat weder von dem p. Kannegießer, noch von seinen Amtsgenoffen, soweit das „Henneberger Kreisblatt" geht, erfahren haben. Wir wollen nun nicht untersuchen, wie weit sich dieser enorme Geist der Intoleranz bei den gegenwärtigen evangelischen Geistlichen verbreitet hat, so viele Anzeichen auch vorhanden, daß er wirklich leider weithin bei diesen Fuß gefaßt hat; denn nicht oft wird diese Ausschließungssucht sich auch factisch Raum schassen, da das Staatsgesetz bei den öffentlichen Anstalten und der eigene Bortheil bei vielen Privatanstalten dies unmöglich machen wird. Wir wollen auch nicht untersuchen, obgleich wir es behaupten, daß diese weitreichende Ausschließungösuckt mit dem wahren Wesen und Charakter der protestantischen Kirche übereinstimme; denn wir wollen uuS nicht der Gefahr aussetzen, daß man uns vorwerfe, wir kennten die protestantische Kirche nicht, und müßten das Urtheil, wie weit sie human und tolerant sein könne, den Geistlichen als Lehrern und Dienern derselben überlassen, obgleich hiergegen zahllose Protestanten protestiren werden, daß nämlich in der protestantischen Kirche eine solche unbedingte Autorität einer Anzahl Geistlicher nicht bestehe. Mögen wir es hier nicht mit der Kirche, sondern mit deren Geistlichen zu thun haben: es ist dies schlimm genug. Wir wollen nur auf eine Seite aufmerksam machen, welche in diesein eigemhümlichen Borgang sich factisch kundgiebt, nämlich, um es kurz zu sagen, daß die evangelischen Geistlichen es ausgegeben und nicht mehr die Ansicht haben, durch ihren Unterricht bei der jüdischen Jugend Proselyteu zu machen. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß diese Herren die Lust nach Proselytenmacherei nicht verloren haben; aber sie sehen, daß ihr Unterricht und ihre persönliche Einwirkung nach dieser Richtung hin keine Wirkung haben und keine Früchte tragen. Sie verzichten also hierauf und finden sich durch ihre Lehrthätigkeit bei jüdischen Kindern darum compromittirt, weil sie diese eben doch nicht zu ihrer Kirche heranziehen können. Du bist Geistlicher, Du lehrst diesen Judenkindern, und obschon sie von Dir, in welchen Fächern Du auch unterrichtest, recht viel lernen, prallt doch Deine geistliche Lehre von ihnen ab; dadurch ist diese, ist Dein Amt compromittirt. Dies ungefähr muß das Raisonnement dieser Herren sein, weil sich sonst die Erklärung, daß ein evangelischer Geistlicher in einer Schule, wo Judenkinder sind, nicht lehren dürfe, ganz unerklärbar wäre. Diese vermeintliche Compromittirung der pietistischen protestantischen Lehre durch jede Berührung imt Juden ist denn auch die Erklärung dieser protestantischen Intoleranz gegen die Juden überhaupt. Die eigentliche protestantische Kirche besitzt außer ihren Dogmen nicht-, waS ihr eigenthümlich wäre, nichts Besonderes, was ihre Existenz ausfülle. Die beiden katholischen Kirchen, die römische wie die griechische, besitzen einen großen Apparat von hierarchischen, gottesdienstlichen und Rechtsmomenten, und sie haben hieran für die Massen und für ihre 19*

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