Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1871)
- Date
- 1871-05-09
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 einzelne Fälle, welche der Kirche als solcher und im Ganzen nicht zur Last geschrieben werden können. Der Grund, auf welchem sie sich erhob, war die Freiheit der Forschung, die Selbstständigkeit der Ueberzcugnng; nur durch diese konnte sie beanspruchen, sich der Tradition und Hierarchie zu entziehen. Allerdings suchte sie, nachdem sie sich consolidirt und constituirt hatte, diese ihre Grundlage zu umschreiben und abzugrenzen. Allein es gelang ihr dies niemals vollständig und auf immer, und der Streit hierüber wogte seitdem in ihr hin und her. Wir sehen deshalb in verschiedenen Epochen ihrer Geschichte auch einen sehr verschiedenen Geist in ihr herrschen, und in den letzten Jahrzehnten des vorigen und dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts zeichnete sich die protestantische Kirche durch einen Geist der Duldsamkeit und Humanität aus, der ihr zur höchsten Zierde gereichte, und welcher auch uns Juden sehr zugute kam. Eine Reihe der hervorleuchtendsten Namen protestantischer Geistlicher, an ihrer Spitze Herder, eiferte für Gewissensfreiheit und Duldsamkeit unter den verschiedenen Religionsgenosienschaften und bethätigte dies auch im Leben. Mit den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts änderte sich dies, allerdings vorher schon ziemlich vorbereitet. Seit dem Ministerium Eichhorn sank in Preußen die protestantische Kirche immer mehr in den Pietismus zurück, und ein wesentliches Zeichen des letzteren ist stets die Ausschließlichkeit, die Unduldsamkeit, ein abstoßendes und feindseliges Wesen gegen andere Confessionen. Freilich nahm das Leben selbst eine ganz entgegengesetzte Richtung, wurde in allen Beziehungen von den confessionellen Fesseln immer freier, und triumphirte besonders in der Gesetzgebung aller Staaten, wir sagen aller, denn selbst Spanien, Tyrol und Norwegen konnten sich dieser Entlastung nicht entziehen. Dieser Umstand, daß nämlich das wissenschaftliche, politische, industrielle und sociale Leben die confessionellen Schranken immer mehr und zum Theil vollständig durchbrach, mochte aber auf die pietistisch gewordene Kirche um so mehr wirken, daß sie, den Einbruch in ihr Heiligthum fürchtend, immer intoleranter und abstoßender wurde. Eine Erklärung hierfür wird sich uns weiter unten ergeben. Was uns zunächst zu den obigen Bemerkungen veranlaßte, ist kein großer Vorgang, nicht etwa eine Kundmachung eines Oberkirchenrathcs oder Consistoriums oder dergleichen, es ist nur ein ganz kleiner, örtlicher Vorgang. Aber im Kleinen spiegelt sich oft der Charakter des Ganzen erkennbarer ab, als in größeren Dingen, und es ist da die ganze Spitze herausgewendet. Was aus oberen Regionen hervorgeht, kann öfters auf diese selbst und ihre eigenthümliche, bisweilen zufällige oder persönliche Gestaltung beschränkt sein. Was aber so im Kleinen und Einzelnen zum Dorschein kommt, zeugt von der weiten Verbreitung und Schärfe desselben Geistes. Deshalb, und nicht etwa um, selbst kleinlich, das Kleinliche aufzulesen und zu sammeln, bringen wir das Folgende zur Sprache. Es wurde uns in diesen Tagen Nr. 81 des „Henneberger Kreisblatteß", das in Schleusingen erscheint, vom 19. April, zugesendet. Am Schluffe der Nummer sindet sich folgendes Inserat: „Die Aufnahme unserer Kinder in die hiesige Privatschule, von Herrn Rector Damm bereitwilligst zugesagt, ist von dem Herrn Archidiakonus Kannegießer verweigert worden, weil eine Schule, in welcher ein evangelischer Geistlicher Unterricht ertheilt, Kinder jüdischen Glaubens nicht aufnehmen könne. So gern wir nunmehr auch darauf verzichten, unsere Kinder von einem Manne unterrichten zu lasten, welcher noch in gegenwärtiger Zeit mit solchen Ansichten das Schulwesen betreibt, so fühlen wir uns doch um so mehr veranlaßt, unserer Entrüstung hiermit öffentlich Ausdruck zu geben, als wir um Aufnahme unserer Kinder in die hiesige Privatschule nur auf Veranlastung hiesiger Bürger, deren eigene Kinder diese Schule besuchen, nachgesucht haben und die Zurückweisung unserer Kinder aus dieser Schule, mit der Hmnanität nicht vereinbar, das Aergerniß unserer Mitbürger erregt hat. Suhl, im April 1871. Louise Simson. Louise Meyer." Dieses Inserat bietet so vieles Charakterische, daß wir es etwas näher ins Auge fassen mögen. Daß eine Privatschule das Recht habe, Zahl und Beschaffenheit der aufzunehmenden Schüler festzustellen und davon nicht abzugehen, wird Niemand bestreiten. Es geht aber aus Obigem hervor, daß die qu. Privatschule jüdische Kinder nicht aufzunehmen, nicht zu ihren Bedingungen rechnet, weil sonst der die Schule leitende Rector die Aufnahme solcher nicht hätte „bereitwilligst Zusagen" können. Daß die Acltern der die Schule besuchenden Kinder nichts gegen die Aufnahme jüdischer Kinder einznwenden hatten, ja daß sie dieselbe gern sahen, erkennt man aus dem Umstande, daß sie die jüdischen Aeltern selbst dazu aufgefordert. Also weder die Bewohner Suhl's, noch die Schule an sich, noch deren Rector, hatten irgend einen