Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 367 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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367 sehr fühlbar mache. In Hannover und, wie mir Dein Bruder schrieb, auch in BreSlau, hat man sich zur Abhülfe dieses Uebelstandes Mühe gegeben, ob mit Erfolg, darüber habe ich später Nichts erfahren. Doch praktisch gelöst habe ich jene Frage dieser Tage gefunden. Die großherzoglich hessische Division besitzt einen jüdischen Feldgeistlichen in der Person des Herrn Ehrmann. Beim Ausbruch des Krieges in militairpsiichtigem Alter, trat derselbe in die Armee ein, wurde auf seinen Wunsch als Feldrabbiner angestellt und hat als solcher die Campagne in Frankreich mitgemacht. Nicht als Kämpfer mit Chasiepot oder Zündnadel, sondern als achter Nachkomme Israels, als wahrer Gottesstreiter. Daß er seinen Beruf in richtiger Weise zu erfassen gewußt, das bewies mir die Liebe, mit der alle jüdischen Soldaten der Armee an ihm hingen, das bewies mir die Achtung, die ihm von allen Commandos gezollt wurde, und das wurde mir auch selbst klar in den kurzen Tagen unseres Zusammenseins. So jung derselbe ist, so warm schlägt sein Herz für das Iudenlhum und für ächte Frömmigkeit. Mein Dienst führt mich jetzt fast alle Tage nach dem von hier 15 Kilometer entfernten Chaumont. Dort erfuhr ich von einem Bekannten, daß für die Soldaten jüdischer Confession während der Feiertage daselbst Gottesdienst stattsinden würde und zwar in Folge Vermittlung eines Feldgeistlichen der hessischen Division. 3ch begab mich darauf zu dem Genannten und dieser theilte mir mit, daß durch Sammlungen, die zu diesem Zwecke von deutschen Glaubensgenossen veranstaltet wurden, er in Stand gesetzt sei, den jüdischen Soldaten während der Feiertage koscheres Essen zu verschaffen, ebenso, daß er einen regelmäßigen Gottesdienst in der Synagoge abhalten werde. Jetzt erfuhr ich erst, daß in Chaumont eine Synagoge sei, daß dort Juden wohnten, während ich auf Befragen bei Einwohnern das Gegentheil annehmen mußte. Leider steht es mit dem im Innern Frankreichs ticfgesunkenen jüdischen CultuS derart, daß an Plätzen, wo früher das Studium jüdischer Literatur blühte, man heute die Juden nur auf der Mairie erfragen kann. Auch Herr Ehrmann klagte mir über die Uncoulanz der dortigen Juden und erzählte mir, daß erst, nachdem er ihnen Bezahlung verheißen, sie sich zur Aufnahme jüdischer Soldaten bereit finden ließen. Natürlicherweise folgte ich der Einladung des Letzteren, nahm mir Urlaub und siedelte nach Chaumont über, und hatte auch dort noch die Freude, mit ihm zusammenzuwohnen. Wie wohlthuend es für uns Alle war, nach so langer Zeit wieder unter Juden leben, in Gemeinschaft mit Juden unsere Gebete verrichten zu können und das Peßachfest nach gutem alten Ritus zu feiern, das kann eigentlich nur der beurtheilen, der wie wir solange von jüdischen Gewohnheiten und Familien getrennt gelebt hat. Herr Ehrmann erfreute uns besonders noch durch zwei deutsche, religiöse Vorträge, von denen er einen am 2., den andern am 5. Feiertage hielt. . Zu ersterem wählte er sein Thema aus Ezechiel 16. und wußte daS beilnmajicli diajidi sehr hübsch auf die politische Wiedergeburt Deutschlands anzuwenden. Neu ausgerüstet mit geistiger Kraft verließen wir Chaumont und ich darf sagen, es war ein hübsches Peßachfest, daS wir auf fremder Erde verlebt, das Andenken daran wird mir eine Erinnerung für Lebenszeit sein. Und wem sind wir Dank dafür schuldig? In erster Reihe dem Streben deS wackern Herrn Ehrmann; doch nicht minder seinen braven Landsleuten, den hessischen Glaubensgenossen, die durch ihre Opferwilligkeit für die jüdische Sache ihn dazu in Stand gesetzt haben. Mit einem Dank ihm, und Dank jenen, schließe mein Heutiges. Füsilier 3. Hannoversch. Jnf.-Reg. Nr. 79. Neustadt bei Pinne (Provinz Posen) im April 187 t. Heimgekehrt unter Gottes gnädigem Schutze von dem letzten glorreichen Kriege gegen die Franzosen geführt, nach dem Danke gegen Gott für seinen gnädigen Schutz, auch unser tiefgefühlter Dank dem jüdischen Feldseelsorger Herrn Rabbiner Dr. pliil. Adolf Lewin aus Pinne. Es sii hiermit gethan, indem wir der Welt zeigen, was wahre Frömmigkeit zu Stande bringen kann und dieselbe zugleich ausfordern, nur solche Männer zu ihren Lehrern zu wählen, die nach den Worten Gottes ihre Wege wandeln und die Lehren desselben zu verbreiten suchen. Die großen Schlachten waren geschlagen und an Leib und Seele müde erfrischte uns ein Armeebefehl, daß auch für die jüdischen Soldaten Feldseelsorger gesandt werden. Endlich nach langem Sehnen traf Herr Dr. Lewin bei uns ein und drang bei den betreffenden Commandeuren auf die Anberaumung der Gottesdienste, dem auch sofort Folge gegeben wurde. Er schilderte nun in seinen Predigten die Wunder und Wohlthaten, die Gott an unsern Voreltern gethan, und verglich dieselben mit unseren eben vollendeten Thaten, ermahnte und bestärkte uns festzuhalten an unserem ererbten und uns von Gott gebotenen Glauben. Die Wirkung war so groß, daß nicht ein Tag verging, wo ein jüdischer Soldat vergessen hätte seine Gebetriemen aufzulegen und sein Gebet zu verrichten. Auch in seinen Thaten ging er uns mit seinem Beispiel voran. Mancher Tag ging hin, wo Dr. Lewin nur seinen Kaffee, auf seiner eigenen Maschine gekocht, zum Labsal, Stärkung und Nahrung, nebst einem Stückchen trocknen Brode hatte. Wie so feurig lief er in den meilenweit von Versailles belegenen Lazarethen umher, um den dort befindlichen verwundeten jüdischen Soldaten geistige Spenden sowohl, als auch Spenden an Geld mitzutheilen. Wahrlich, wer so etwas nicht gesehen, der kann den Charakter und die Herzensgüte des Herrn Dr. Lewin nicht beurtheilen. Darum Dank und tausendmal Dank ihm für die guten Thaten und die Liebe, die er uns bewiesen