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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-05-02 · Heft 18 (2.5.1871) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 18 (2.5.1871)
Date
1871-05-02
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 K des JahreS 1860, wo leider ein Menschenleben zn beklagen war, zu wiederholen. Schon vorgestern den ganzen Tag waren unangenehme Scenen neben der griechischen Kirche und den anliegenden Straßen vorgefallen. Aber da die Behörde die Sache als sehr geringfügig betrachtete und keine Maßregel traf die Ordnung wieder herzustellen, so trat die immer mehr Heranwachsende Masse, der sich auch viele Russen anschlosscn, drohender auf, durchzog brüllend und tobend die Straßen, zerschlug in vielen südischen Häusern die Scheiben und begann am hellen Tage in Gegenwart der Polizeiorgane auf dem alten Markte die armen jüd. Händler zu plündern und zu berauben, ohne daß gegen sic eingeschritten wurde. Run ging der Spektakel los, die wilde Rotte zog nach der jüdischen Straße, plünderte mehrere Geschäfte und zerstörte die Fenster und Scheiben in den beiden Synagogen. Nachmittag gegen 5 Uhr zählte die aufgehetzte, wilde Masse nach Tausenden und zog zum prachtvollen Hause des Bangniers David Rafsalovich, wo man dessen Comptoir im buchstäblichen Sinne des Worres demolirte, die Tische und das übrige Möbel zerbrach, die Handlnngsbücher, Papiere und Briefe in Stücke riß, die ans der Straße von dessen Hause bis fast zur Stroganowbrücke, leine ziemlich weite Strecke) zerstreuet lagen; sämmtliche Scheiben des großen Hauses waren zertrümmert. Cs war ein schrecklicher Anblick diese Verwüstungen zn sehen, welche diese Vandalen angerichtet hatten!. .. . Erst jetzt, nachdem dies alles geschehen, sah sich die Behörde veranlaßt 50 bis loO Mann auf den Schauplatz der Zerstörung zu commaudiren! Sowohl am gestrigen, als am vorgestrigen Tage sind arge Beschädigungen an Menschen vorgekommen; ob auch bei dieser traurigen Geschichte Menschenleben zn beklagen sind, konnte Referent bis jetzt nicht in Erfahrung bringen. Gegen Abend wurde vor dem Hause Rasfalovich von der Militärbehörde ein Grieche festgenommen und nur mit schwerer Mühe gelang es, den niederträchtigen Schurken zu bewältigen. Ans dem alten Markte traf ein Stein in das Auge einer christlichen Frau, die schwer verletzt worden ist; außerdem sind viele schwer verwundet worden und liegen noch jetzt darnieder. Hätte die Behörde noch am Vorabend der Feiertage Vorsichtsmaßregeln getroffen, so hätte man allen diesen traurigen und betlagenswerthen Ereignissen vorgebeugt! Und wir leben im aufgeklärten 19. Jahrhundert und nennen uns gebildete Menschen, und doch sind ähnliebe Ereignisse möglich! Wahrlich mit der so hochgepriesenen Humanität und Toleranz unseres goldenen Zeitalters ist es leider bei uns noch sehr traurig bestellt. Wir tviederhoken, daß nicht religiöser Fanatismus, wie im Mittelalter, sondern Neid und dann die Gelegenheit zum Rauben und Plündern, einzig und allein die Ursache und der Zweck der gestrigen schrecklichen Ereignisse waren. Möge es überall und recht bald Licht werden und möge eS uns vergönnt sein, von hieraus stets nur Erfreuliches zu berichten. Veritas. Mittwoch, 31. April 1871. Als wir gestern in der Morgenstunde unfern Aufsatz schrieben, waren wir fest überzeugt, daß der. gräßliche Eravall sein Ende erreicht und daß wir demselben nichts mehr hinzuzufügen haben würden. Leider aber sollte cs nicht also sein. Der gestrige Tag war der schrecklichste von den „Schreckenstagen Odessas"; das Rauben und Plündern wurde im großartigsten Maßstabe fortgesetzt; fast die sämmtliche jüdische Bevölkerung der Stadt nebst den Borstädten, nur mit wenigen Ausnahmen, hat bedeutenden Schaden gelitten, so daß der Verlust die Höhe von mehreren Milioncn beträgt. In diesem Augenblicke ist es noch nicht möglich den Schaden genau anzugeben, doch haben wir gewiß nicht zu hoch gegriffen, weitn wir jene Ziffer bezeichnctcn. Mehrere Synagogen wurden gänzlich zerstört, die heilige Schrift zerrissen, und die Silbergerälhe geraubt .... Hunderte von Familien wurden zum Bettlestabe gebracht und sind in diesem Augenblicke obdachlos; Menschen, die vor wenigen Tagen noch zu den Bemittelten und selbst zu den Neichen gezählt wurden, sind zu Bettlern geworden. Biele Dutzende von Häusern wurden ans barbarische Weise dcmolirt, unzählige Lager mit Waaren wurden ge plündert, Privatwohnungen verwüstet, Möbel und Spiegel in Stücke zerschlagen und dem Verderben preisgcgeben! Die Feder sträubt sich alle jene Gräuel wiederzugeben, die vor unfern Augen stattfanden, und wenn ich an jene gräßliche Scene denke, so erstarrt mir das Blut und ich bin nicht im Stande meine Gedanken zu fassen. Der gestrige Tag hat leider viele, viele Menschenleben gekostet. Erst heute entschloß sich endlich die Behörde euer- 18*

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