Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
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352 beanspruchen, so lange das Idiom trennend dazwischen tritt? Wie sehr endlich werden selbst die gewerblichen Verhältnisie beschränkt sein, so lange man sich nicht unmittelbar zu verständigen vermag? Von Innen heraus ebenso wie aus den äußeren Umständen, vom geistigen, wie vom materiellen Standpuncte aus waren und sind daher die Juden immer angewiesen, die Sprache des Landes zu ihrer eigenen zu machen, und wie die Geschichte erweist, haben sie es überall gethan, ohne damit die Treue und Anhänglichkeit an ihre Religion irgendwie zu verringern. Dies ist Alles klar und einsichtlich, und läßt es keinen Augenblick bezweifeln, daß es die höchste Pflicht und das größte Bedürfniß auch der Juden im russischen Reiche ist, sich mit aller Energie die russische Sprache anzueignen. Allerdings, fragen wir nach den Ursachen, warum die polnischen und russischen Juden bis zur jüngsten Zeit ihren Jargon noch beibehielten, so giebt sich die Ursache gerade aus der Vergleichung mit der entgegengesetzten Erscheinung in den übrigen europäischen Ländern zu erkennen. Die Ausschließung der Juden von allem nationalen und politischen Leben, die Beschränkungen ihrer industriellen Thätigkeit, und zugleich, was sehr wesentlich, die verhältnißmäßig immense Anhäufung derselben durch die Abgrenzung innerhalb gewisser Provinzen und wiederum daselbst innerhalb der Städte, isolirten daselbst die Juden in einem Maße, warfen sie derart auf sich selbst zurück und ließen sie so sehr nur unter sich selbst athmen, daß sie nicht dazu kommen konnten, sich dem übrigen Volke des Landes und dem Staate anzunähern, daß sie in Sitte und Sprache ganz so bleiben mußten, wie sie waren. Wie in allen Erzeugnissen des Lebens, ist das Product auch hier nicht von einer Seite und aus einer Richtung hervorgegangen, sondern entsprang aus der Wechselwirkung, aus dem gegenseitigen Verhältniß. Daß die Juden sich abschlofsen und auch ihre Mundart behielten, kam nicht, weil sie es durchaus so wollten, sondern weil man sie dazu verurteilte, weil man es so haben wollte. Weil dies aber Jahrhunderte lang geschehen, darf man sich nicht wundern, daß es nicht anders ist und nicht auf das erste Gebot anders wird, daß es vielmehr Zeit und Arbeit kostet, um es umzugestalten. Die polnischen und russischen Juden waren ursprünglich ebenso wenig hartnäckig, wie die Juden der anderen Länder, und sie brachten ja nicht daS Idiom Palästinas, sondern das deutsche Idiom mit sich. Aber man hat sie hartnäckig gewollt und gemacht. Aber dies beseitigt nicht die Pflicht und das Bedürfniß, daß die russischen Juden sich nunmehr ernstlich der russischen Sprache zuwenden, so wenig wie die Gefahren die daraus für sie entspringen müßten, wenn sie es nicht thäten. Die Zeiten haben sich geändert, und die Intentionen der Staatsregierungen und der Völker sind andere geworden. In den Staaten ist das Streben nach innerlicher Einheit, nach gleichmäßiger Organisation vorherrschend geworden, und in den Nationen ist das Bewußtsein und das Gefühl der Nationalität mit großer Energie erwacht. Vor diesen beiden großen und tatkräftigen Richtungen tritt schneller oder langsamer alles Andere zurück, und cs kann keinem Zweifel unterworfen sein, daß sie auch im russischen Reiche und Volke wirksam sind. Schon die Pflicht, um nur Eines hervorzuheben, im Heere zu dienen, und noch mehr, wenn diese zur allgemeinen Wehrpflicht geworden, ohne Unterschied der Nationalität und Confession, ist ein vollgültiger Beweis dafür. Ist dies aber der Fall, thut der Staat immer weitere Schritte, um den Bann, der aus den Juden lag, zu heben und zu beseitigen: so wird die Pflicht und das Bedürfniß, die russische Sprache zur ihrigen zu machen, immer größer für die russischen Juden; und umgekehrt wird der Staat, je mehr dieses Streben in den Juden erwacht und sich äußert, ihre bürgerlichen und staatsbürgerlichen Verhältnisse immer günstiger gestalten. Das wesentlichste Mittel bleibt aber hier immer die volle Freizügigkeit. Andrerseits wird das Sprachenverhältniß vor dem wachsenden Nationalitätsgefühl der Rüsten für die dortigen Juden zu einerwahrhaften Gefahr, wenn sie nicht rechtzeitig durch die Sprache das nationale Band fest und eng schließen. Eine Mißachtung und eine Feindseligkeit würde ihr Loos sein und bleiben, welche eines geringen Anstoßes bedürften, um zum Verderben der Juden auszuschlagen. Ich brauche nichts weiter hinzuzufügen und glaube, daß in der obigen Auseinandersetzung, so weit es an mir ist, eine dringende Mahnung an alle jüdischen Aeltern im großen Czaarenreiche enthalten ist, ihre Kinder so in der russischen Sprache erziehen zu lasten, daß sie ihnen zur Muttersprache wird. Ich sage die Aeltern, denn es darf nicht übersehen werden, wie es den älteren Menschen schwer, unzähligen Individuen umöglich ist, im späteren Lebensalter sich der alt gewohnten Sprache zu entschlagen und eine andere sich anzugeignen. Dies wäre eine Forderung, deren vollständige Erfüllung unmöglich ist. Dagegen müssen die Uebelstände, die im