Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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351 Crom well plattete ton holländischen Juden, nach England überzu siedeln, und in kurzer Zeit wurden sie hier vollständige Engländer, die jede andere Sprache erst schnlmäßig erlernen müssen. Nur die nach der Türkei verpflanzten spanischen Inden haben zmn Thei! diese ihre Mundart bewahrt und sprechen spaniolifch. Anders verhielt es sich mit den deutschen Inden Bon ihnen ging eine zahlreiche Bevölkerung nach Polen, Ungarn und Nußland, eine geringere nach den nordischen Ländern aus, und überall bewahrten sie daselbst die dentscbe Sprache in Familie und Hans, freilim in einem verderbten und mit vielen Wollen des Hebräiffbui und der Landessprachen vermischten Jargon, Gebt dieser Iv.g durch die letzten Jahrhunderte, so brachte doch die moderne Zeit einen theilweisen Umschwung. In Dänemark und Schweden ist ihnen seit einem halben Jahrhundert die deutsche Sprache entfremdet, und die jüdischen Kanzeln in Kopenhagen, Stockholm und Gothen bürg werden schon ganz oder doch größtentheils von der dänischen und schwedischen Sprache eingenommen. Bon der nationalen Gesinnung spreche ich hier gar nicht, welche z. B. seit dem dänisch-deutschen Kriege lI5t'.1> die dänischen Juden selbst gegen die deutschen Inden fast feindselig stimmte. AusZerordentliche Fortschritte macht die magyarische Sprache bei den Inden Ungarns, so daß auch hier eine baldige Verdrängung der deutschen Sprache durch die magyarische bei den'Inden iu sicherer Aussicht steht. Selbst in dem, den Juden so feindlich gesinnten Rumänien ist jetzt die rumänische Sprache die Unterrichtssprache in den jüdischen 'Schulen geworden, z. V. in Bottuschan, wo Vorzügliches darin geleistet wird. Die Folgerungen ans dieser eigenthnmlichen Erscheinung, wenn wir bei den polnischen und russischen Inden die "Aneignung der Landessprache bis jetzt weniger Fortschritte machen sehen, werde ich weiter unten ziehen. Wo die Geschichte und die Thatsachen so unzweideutig sprechen, da ist die Erklärung teicht, da sind die bestimmenden Motive unschwer zu finden, uno es stellen sich die materiellen, bürgerlichen, socialen, politischen und nationalen Momente schnell vor das geistige Auge. Am Eingänge der verhängnißvollen Wegführung des jüdischen Volles ans dem Vanbc seiner Väter und seiner Zerstreuung über das ganze Erdenrund steht ein entscheidendes Wort, das Wort des Propheten Jeremias (2N, 1 ss.i, gerichtet nicht blos „an die übrig gebliebenen Aeltesten der Weggefährten, an die Priester und die Propheten," sondern auch ,,an das ganze Volk," und es lautet: ,,Bauet Häuser, und wohnet darin, und pflanzet Gärten, und verzehret ihre Frucht. Nehmet Weiber, und zeuget Söhne und Töchter, und nehmet euren Sehnen Weiber, und eure Töchter gebet Männern, daß sie Söhne und Töchter gebären, und mehret euch dort, und mindert euch nicht. Und suchet das Heil des Landes, wohin ich euch geführt, und stehet für dasselbe zum Ewigen: denn in seinem Heile wird euch Heil sein/' Dies ist das heilige Gesetz, welches der Prophet, derselbe, der blutige Thränen ans den Trünnnern Jerusalems geweint, im Rainen Gottes seinem Volke mitgab in die Länder der Erde. Sein Wort umfaßt Alles. Wo man Häuser baut und Gärten pflanzt und seine Familie Ge schlecht nach Geschlecht fortführt, wo die Wiegen der Kinder und die Gräber der Aeltern stehen, da ist das vaterländische und bürgerliche Interesse gegeben; wo man das Heil des Landes mit allen Kräften zu fördern hat, da ist das politische, das staatliche, wofür man die Stimme seines Herzens zu Gott im Himmel zu erheben hat, da ist das nationale Interesse in seinem ganzen Umfange, in seiner Höhe und Tiefe gegeben. Denn wenn der Prophet spricht: „bete!" so meint er nicht irgend eine mit Worten sirirte Formel, sondern die innersten Regungen des Herzens, die Identisieirnng mit dem, was uns das Thenerste und Heiligste ist, die unmittelbarste Bereinigung mit Gott und allem Göttlichen Und wie leimte cs anders sein? Wo wir die Heimath unserer Familie seit Jahrhunderten, wo wir selbst die Stätten unserer Kindheit, unserer Jugend und unserer männlichen Thätigkeit, aller unserer Geschicke, unserer Hoffnungen und Täuschungen, unserer Freuden und Leiden haben, wie sollten wir nicht mit allen Fäden des Geistes daran gebunden sein? Der wesentlichste Ausdruck, der eigentliche Boden alles dessen ist aber die Sprache. So wenig wie der Ursprung der Sprache überhaupt dem Berstande allein zu geschrieben werden kann, so wenig ist auch die Sprache eines Volkes und seiner Individuen lediglich Sache eines verstandesmäßigen Motives. Und gerade darum ist sie auch einerseits der Ausfluß, andrerseits die Ernährerin des Patriotismen und nationale» Lebens. Aber die rationellen Gründe gesellen sich ihm zu. Wie kann man von einem Staate nnd einem Bolle erwarten, daß es einen Brucbtheil der Bevölkerung vollständig in sich anfnehme und ihn als einen gleichgearteten Theil seiner selbst betrachte, so lange jener die Sprache des Bolkeö und des Staates nicht spricht? Wie kann man einen socialen und gesellschaftlichen Berkchv 15*