Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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353 häuslichen Kreise aus einer solchen Uebergangsperiode notwendig entstehen , ertragen, und können bei gutem Willen auch überwunden werden. Neben dieser Aneignung der russischen Sprache als Muttersprache muß die Pflege der hebräischen, d. i. der Ncligionssprache der Juden kräftig erhalten werden. Es liegt dies durchaus nicht im Widerstreit. Im Gegentheil führt die Ausbildung in einer Sprache um so leichter zur correcten Erlernung der andern, und stets ist mit dein eifrigen Studium der Muttersprache auch das Bedürfniß, andere Sprachen zu erlernen, verbunden gewesen. Saadja und Maimuui wie viele Andere schrieben ebenso correct und flüssig das Arabische wie das Hebräische; Menasse ben Israel neben dem Holländischen und dem Spanischen das Hebräische und lateinische; Mendelssohn, der elegante deutsche Stilist, schrieb ein sehr schönes Hebräisch im reinsten Stil, und sein Freund Wessely war ein Muster in der hebräischen Poesie und Prosa. Ja, unsre modernen Hebraisten müssen, um Beifall zu erhalten, ein viel correcteres Hebräisch schreiben als die Nabbinen der vorhergegangenen Jahrhunderte. Die Frage an sich löst abermals die Geschichte. Es gab Zeiten, wo die Juden die hebräische Sprache vernachlässigten, indem sie sich ganz den von ihnen gesprochenen Landessprachen widmeten; ich erinnere z. V. an die griechische Epoche der Juden. Aber es ist nicht zu verkennen, daß sie in solchen Zeiten von flacherem und seichterem Geiste waren, als ob ihnen ein innerer geistiger Nerv erschlafft wäre. Gerade dies aber erweckte gewöhnlich eine neue liebe, einen verdoppelten Eifer für ihre religiöse Sprache wieder, denn das wahre Bedürfniß des Geistes schlummert zwar bisweilen, wacht aber dann wie gestärkt von Neuem auf. So hat die hebräische Sprache unter den Juden ein dauerndes leben geführt, ohne ihnen seit fast zwei Jahrtausenden eine lebende, eine Mutter- und Bolkösprache zu sein. Aber cs ist auch nicht schwer, die Gründe für diese merkwürdige Erscheinung aufzufinden, und iiv diesen Gründen liegen auch die dauernden Motive, die Vernachlässigung derselben zu verhüten. Das Hebräische mit seinen Nebendialekten ist die Sprache der religiösen Urkunden, des ganzen religiösen und theologischen Schriftthums der Juden. Die Unkenntniß jenes bringt demnach die Unkenntniß aller geschichtlichen Grund- und Unterlagen des Judenthums zu Wege, beschränkt jede tiefere Erkenntniß auf eine kleine Anzahl Gelehrter und wirft die Masie in eine Seichtigkeit und Hohlheit, welche sie in ihrem gebildeten Theile zur Beute eines oberflächlichen Ratio nalismus, eines sich selbsttäuschenden Deismus oder deS Unglaubens und des Materialismus, in ihrem ungebildeten Theile zur Beute deS Fanatismus, der Stabilität oder des wundersüchtigen Chassidismus macht. Die Kenntnis; und das Studium der religiösen Urkunden dagegen stärkt und läutert zugleich den Geist, befestigt und klärt in ihm die Ueberzeugung, veredelt und erwärmt das Herz und die Gesinnung, und die Vernachlässigung jener beraubt die Masse der köstlichsten Güter des Geistes, der festesten Stützen des innern Lebens. Dann bildet auch die hebräische Sprache namentlich als geheiligte Sprache des Gottesdienstes das Band, welches die zerstreuten Glieder des Judenthnms noch zusammenhält, und zwar gerade in dem Elemente, welches mit irgend welchen politischen und nationalen Interessen in keiner Weise eollidirt. Denn da eben die hebräische Sprache nirgends Mutter- und Volkssprache ist, da sie nur von einer verhältuißmäßig geringen Zahl so weit erlernt wird, um sich darin schriftlich und mündlich ausdrücken zu können, da sie der großen Mehrzahl nur zum Berständniß der religiösen Schriften und der Gebete dient, hat sie allein nach dieser Richtung hin einen bestimmenden Einfluß und in keiner andern Beziehung. Niemand kann auf diese Gründe hin die Wichtigkeit verkennen, welche für die Juden die Pflege des hebräischen Unterrichts hat und wie unentbehrlich sie zu einer wahren Volksbildung der jüdischen Maste ist, wenn sie Hand in Hand mit der Erlernung des correcten Russischen geht. Lasten Sie mich, geehrter Herr Nedactcur, hiermit schließen. Ich weiß sehr wohl, daß diese Auseinandersetzung nur skizzenhaft ist, daß sie im Detail noch weit ausgeführt werden kann, daß noch manche und sehr bedeutungsvolle Motive hinzugefügt werden mögen. Aber der in Anspruch zu nehmende Raum setzt mir angemessene Grenzen. WaS ich geschrieben, ist ein Ausfluß meiner innigsten Ueberzeugung und vieljähriger Beobachtung und Erfahrung. Möge dies der Grund sein, sie nicht ganz ohne Auftuerksamkeit zu lasten. Die Soldaten jüdischer Religion in den deutschen Heeren. Wir erhielten fernere ^Verzeichnisse auS den Gemeinden: Bocholt, Emmtrich, Bieriiadc, Barel (Cl;