Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1871)
- Date
- 1871-05-02
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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langer Zeit in der Behandlung solcher Gegenstände als der zweckmäßigste erschienen ist. lassen Sie mich das Ergebnis; meiner Erwägungen mit klaren, einfachen Worten voranstellen und es dann nach Möglichteir erhärten. Meine Ueberzeugung geht dahin,!) daß es die Pflicht und das dringende Bedürfniß der russischen Juden ist, die russische Sprache zu ihrer Muttersprache, zur Sprache der Familie und des Hauses zu machen; und 2-daß es die Pflicht und das dringende Bedürfnis; der russischen Juden ist, zugleich die Pflege der hebräischen Sprache als die ihrer religiösen Urkunden, ihres religiösen Cchrisnhums und ihres Gottesdienstes zu üben und zu erhalten. Betrachten wir nun den ersten dieser beiden Grundsätze zunächst vorn geschichtlichen Standpunete ans. Bis zur Zerstörung des ersten Tempels war die hebräische Sprache die israelitische Volkssprache «vgl. 2 Lion. IS, 20). Aber bereits während des babylonischen Exils begann die dortige Landessprache, die chaldäische oderaramäische, das Hebräische zu verdrängen, und wir sehen schon einen großen Theit des hBnä'ws Daniel und des Buches Esra aramäisch abgefaßt, ohne daß, was gewiß bezeichnend, dies die Aufnahme dieser Schriften in den Marion behinderte. Ebenso machte sich bei den durch die griechische und römische Welt zerstreuten Indern die griesüsche Sprache so heimisch, daß nicht allein die heilige Schrift ins Griechische .Septuaginta^ schon im dritten Jahrhundert vor der zweiten Zerstörung Jerusalems übersetzt ward, sondern sich auch eine sehr umfassende jüdisch-griechische Literatur in Philosophie, Geschichtschreibung und Poesie, und zwar letztere in Dramen, Epen, Hymnen und Gnomen entwickelte. Außerhalb Palästina hörte die hebräische Sprache aus, sogar die Sprache der jüdischen Theologie zu sein, und die umfangreiche babylonische Gemara, diese große Schatzkammer der indischen Tradition, ist in der, trenn auch eigenthümlich entwickelten mit) nicht reinen aramäischen Sprache abgesagt. 'Wurde es doch sogar eine verbindliche Eilte für die Inden, die Abschnitte der Thora auch in der aramäischen llebersetzung «Targum) zu lesen. Bon da ab sehen wir, selbst als LaS Hebräische sich wieder zur jüdischen Gelehrtensprache gemacht, ..in jedem Lande, wo die Juden ansässig waren, nicht allein die jüdische Bollsmasse die Landessprache sich als Muttersprache aneignen, sondern auch die jüdischen Gelehrten in profanen wie theologischen Fächern sich dieser Landessprache zur Abfassung ihrer wichtigsten Werke bedienen, so daß diese später erst ins Hebräische übersetzt werden mußten, und eine Reihe solcher llebersetzer durch ihre Ucberlraguugen ins Hebräische sich e'nen verdienten Flamen erwarb. Uebertrug nicht der große Saadja die h. Schrift ins Arabische uns faßte sein, die jüdische Religionsphilosephie des Mittelalters begründendes Werk arabisch ab? Hat nicht der grösste Geist des jüdische Mittelalters Maununi seinen „Führer der Irrenden" und seinen Mischnaeomrnentar arabisch geschrieben? Der fleißige llayserling hat eine umfangreiche Bibliographie über die von Juden in spanischer Sprache geschriebenen Werke zusannueugestettt, und ein bedeutender Theit dieser ist erst von den nach Holland geflüchteten spanisch-portugisischen Inden nach ihrer Niederlassung in Holland geschrieben. So in allen Ländern, in Italien, Frankreich, Holland. England, Deutschland u. s. w. lieberall sprechen die Inden die Landessprache als ihre Muttersprache und zeichnen sich in der nationalen Literatur vielfach rühmlich ans. Die jüdifch-denrsche llebersetzung der h. Schrift ging der luherischen voran, und der vorzüglichste Führer der Juden zur modernen Enlurr, Mendelssohn, gehörte zu den ersten Deutschen, welche ihrer Sprache einen neuen und classjschen Aufschwung gaben. So ist Inichts sicherer, als daß die Zndcu seit ältester Zeit, seit dem erstell Falle Zeinsolcms in jedem Lande, wo sic dauernde B'iederlassnng erlangten, und wo ihnen die Verhält ttissc nur irgend günstig waren, die Landessprache annahmen, zu ihrer Muttersprache, zur Sprache bei* Familie und des Hauses machten, so daß also weder von einem religiösen, noch von einem nationalen Bedenken die Rede sein kann. Wir können jedoch diesen Boden nicht verlassen, ohne unseren Blick .noch ans eine geschichtliche Erscheinung fallen zu lassen. Sehen wir von dem Böllernnv Sprachengenr.-ngsel dos Orients ab, wo die Juden persisch, arabisch, türkisch, die sg. Frankensprache und außerdem unter einander ein schlechtes Hebräisch sprechen, so gab es in Europa, außer Italien, wo die Inden seit dem Entstehen der italienischen Sprache dieser ganz augehörten, zwei große Heerde des Ausgangs für die jüdische Bevölkerung: Spanien und Deutschland. Tie I!i>2 aus Spanien, bald auch ans Portugal vertriebenen -Inden gingen nach Südfrantreich, Holland, Nordasrika und der Türkei. In Frankreich und Holland sind sie längst Franzosen und Holländer geworden, tmd sprechen diese Sprache auch von ihren Kanzeln. Noch mehr,