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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-25 · Heft 17 (25.4.1871) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 17 (25.4.1871)
Date
1871-04-25
Page
Seite 346 (sequence 18)
Language
German
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346 Individuen ansangen, die derartige Briefe, die natürlich den Acten beigelegt wurden, erhalten. Von gleicher Bedeutung waren die Correspondenzen, deren man in Böhmen in dieser Angelegenheit Habhaft wurde. Der Schulsinger in Jungbunzlau hatte von seinem Bruder in Hagenau, im Elsaß, einen Brief erhalten, in welchem auch vom Synhedrion die Rede ist. Der Rabbiner Popper in Mainz schrieb an seinen Vetter in Teplitz, als Napoleon in Mainz war, habe ihm die Judenschaft daselbst die Aufwartung gemacht, und er und seine Generäle setzten solange, als die Thora aufgestellt war, nicht den Hut aus. Schließlich, der Rabbiner Jeiteles in Prag habe von dem Deputirten David Sinzblei einen Brief erhalten, der einige Personen schildert, welche bei der Versammlung in Paris anwesend sind. Nur der letzte der verzeichneten Falle erregte Bedenken, und Herr v. Sumerau gab Auftrag, daß man Jcileles wohl den Brief zustelle, ihn jedoch genau beobachte und sehe, was er nun thun werde. Eine directe Einladung, nach Paris zu kommen, erhielt in ganz Oesterreich bloß Herr v.. Eskeles in Wien. In dem Einladungsschreiben heißt es: Die Versammlung bedarf Personen,, die, wie Sie, ausgezeichnet durch ihre Geistesgaben, durch ihre Tugend und durch ihren Reichthum, jenen Einfluß besitzen, damit die Beschlüsse derselben von der Gesammtjudenheit angenommen werden. Herr v. Eskeles war sehr loyal. Kaum hatte er den Brief erhalten, machte er sofort der löblichen Polizeidirection die Anzeige davon, und zum Dank dafür wurde er zum Chef der Polizeihofstelle gebeten, um persönlich Bericht zu erstatten. Korrespondenz. Wien, 11. April. 1871. Das israelitsche Blindeninstitut. Sie haben in diesem Blatte bereits wiederholt Nachrichten über das von Br. Ludwig August Frankl prozectirte und durch einen raschen großartigen Erfolg bereits begründete israelitische Blindeninstitut, die erste jüdische Anstalt dieser Art berichtet. Diese neue Schöpfung der Wohlthätigkeit der jüdischen und christlichen Wiener Bevölkerung, denn auch von christlicher Seite sind reichliche Beitrage geflosien, tritt nunmehr ins Leben, und wird in diesen Tagen eine Aufforderung an alle jüdischen Gemeinden Oesterreichs und Deutschlands zum Beitritt versendet werden, denn die Anstalt soll weder provinziell noch staatlich begrenzt werden. Am 10. Marz c. fand die constituirende Versammlung statt, und bei dem Interesse, welches das segensreiche Unternehmen verdient, gestatten Sie wohl einen ausführlichen Bericht über diese Versammlung. Der Vorsitzende des provisorischen Curaioriums, Herr L. A. Frankl, ^.'röfsnete die Sitzung mit einer Ansprache, aus der wir Folgendes hervorheben. Er begann: „Es muß eine gute Stunde genannt werden, in der sich, mitten in emer idealen Richtungen fast abgewendeten Gegenwart, Fronen und Männer zusammenfinden, um eine für unglückliche Menschen stille That der Erlösung, ein Werk edelster Humanität zu vollbringen. Dieses Werk ist zugleich eines, das in den Annalen des Judenthumes Epoche machend und völlig neu ist. Neu aber nur der Ausführung nach, während der ethische Gedanke, der dasselbe durchseelt, dem Judenthume ureigen ist. Schon der biblische Laokoon, wir meinen Hiob, wußte nichts Gottgefälligeres zu preisen, als: „Ein Auge war ich den Blinden." Sie hochverehrte Frauen und Herren! haben sich ebenfalls um ein Auge zu sein den Blinden. Das schöpferische Wort, wenn es gestattet ist göttliches auf menschliches Thun anzuwenden: „Es werde Licht!" Sie dürfen es üder die Pforten des Asyles schreiben, das Sie den unglücklichsten der Menschen: den Blinden erbarmenvoll aufthun. Es werde Licht im Herzen und Geiste der Menschheit, aber auch Licht in den Herzen und Geistern derer, die ein grausames Geschick verurlheilt hat, in physischer, ewiger Finsterniß zu wandeln. Hierauf gab der Redner eine kurze Uebersicht der Geschichte und der Statistik der Blindeninstitute. Er fährt fort: Nach der hier gegebenen Uebersicht befinden sich 132 Blindeninstitute auf der ganzen Erde, deren weitaus größere Zahl nur Bildungsanstalten sind. Mit der, die wir nun gründen, ist die Zahl 133. Diese statistischen Daten, im Detail aüsgeführt, würden einen bisher noch nichl aufgestellten Gradmesser ermöglichen, um an ihm die Humanität der Völker zu prüfen. An einem solchen würde England den höchsten, Rußland den niedrigsten, Oesterreich kaum den mittleren Grad zeigen. Die österreichische Negierung hat die zu geringe Anzahl ihrer Blindeninsüture bereits erkannt und vor wenigen Monaten erklärt, daß sie diesfalls Vorlagen bei den Landtagen einzubringen gedenke. Die hochverehrten Frauen und Herren dürfen eine schöne Genugthuung darüber fühlen, daß sie, das Bedürfniß gleichsam vorahnend, durch ihre hochherzigen Spenden der ernsten Absicht der Negierung zuvorgekommen sind. Der Umstand, daß in einigen Blinden-Erziehungs- Anstalten, wie es in ihrem Statute heißt: der Aufnahme von Juden das Speifegesetz entgegenstehe, weckte schon im Jahre 1862 in uns den ersten Gedanken, wenn auch nicht das einzige Motiv, eine israelitische Blinven-Erziehungs-Anstalt zu gründen.

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