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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-25 · Heft 17 (25.4.1871) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 17 (25.4.1871)
Date
1871-04-25
Page
Seite 332 (sequence 4)
Language
German
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332 her sehr deutlich Nachweisen können. Es ist ein ungeheurer Zersetzungsproceß, welchem diese Nation anheimgefallen; aber Niemand kann behaupten, daß er nicht dennoch zu einem Klärungsproceffe werden könnte. Es ist sehr leicht, von verkommenen, entarteten, dem gänzlichen Berfall anheimgegebenen Völkerstämmen zu sprechen, und die Zuckungen und Krämpfe derselben für Zeichen des Lereudens auszugeben. Aber die Menschennatur ist sehr zähe, und so lange ein Volk, eine Nationalität noch nicht zu den verschwundenen und begrabenen gehört, hat Niemand einen richtigen Gradmesser für das noch in ihr pulstrende Leben. So blicke ich selbst aus Spanien und die Donauländer und hüte mich den Ausgang zu weissagen. So erscheinen mir die Dinge, wenn ich über Amerika hinweg nach der alten Welt blicke. Ganz anders Amerika selbst- Um es kurz zu sagen, hier ist Alles neu und fertig; hier lebt Alles in den materiellen Interessen und der Geist ist nur da zur Unterhaltung; ja, der Geist ist nur das Werkzeug der materiellen Interessen und der Unterhaltung. Wie? sagen Sie, Alles fertig? Fand nicht der Unabhängigkeitskrieg statt? War es nicht ein furchtbarer Kampf, der zwischen den Süd- und den Nordstaaten? Nun, die Unabhängigkeitserklärung war schon 17 7 G nach kaum drittehalbjährigem Kampfe fertig und 1782 und 1783 war der Friede geschlossen. Man wird zugestehen, das war kein langer Kamps uin einen so hohen Preis. Und den 17. September 1787 war die Constitution fertig, eine schwere, aber kurze Arbeit, besonders wenn man sie mit den Kämpfen der alten Welt um jeden geringfügigen Fortschritt vergleicht. Erwägt man, was in dem letzten Bürgerkriege auf dem Spiele stand, und wie vollständig der streitige Gegenstand beseitigt wurde, so erscheinen die vier Jahre des Krieges nur als eine kurze Dauer. Um was handelte es sich aber in beiden Kämpfen? In dem Unabhängigkeitskriege wesentlich um Steuern, welche das Mutterland den Colonien aufzwingen wollte, und um Beschränkungen des Handels; im Bürgerkriege um das ganz materielle Interesse des Sklavenhaltens und das Eigenthum in den Sklaven. Wie wenig dabei das eigentliche Princip in Betracht kam, ersieht man daraus, daß das Sklaventbum in Amerika einen so fruchtbaren Boden fand und sich so lange erhalten konnte, während die alte Welt es schon seit so vielen Jahrhunderten beseitigt hatte und so große Opfer brachte, um es auch in den anderen Weltteilen wegzuschassen. Darum eben ist der Geist in Amerika so wenig lebendig und entwickelt eine so geringe schöpferische Kraft, weil er zu wenig zu kämpfen und zu überwinden hat, weil er zu wenig Anreizung zur Thätigkeit sindet. Wenn man die Verwendung des Geistes innerhalb der heimischen Angelegenheiten und der kolossalen materiellen Thätigkeit abrechnet, fo ruht er so ziemlich in jeder anderen Beziehung. In den materiellen Gegenständen findet ein großer Austausch, ein gemalter Im- und Export zwischen der alten und neuen Welt statt. In geistiger Beziehung hat Amerika nur Import, und da hat es sich gewöhnt, das Jmportirte nicht zu bezahlen. Die amerikanische Literatur und das ist hauptsächlich die periodische Presse, lebt, so weit sie nicht amerikanische Verhältnisse und die Industrie befaßt, lediglich vom Diebstahl, den man gewöhnlich Nachdruck nennt, und kommt dem Charakter dessen gleich, von welchem die heilige Schrift sagt: „Er borgt und bezahlt nicht."*) Dies sind die Stärken und Schwachen, die Vorzüge und Mängel der alten und der neuen Welt. In der letzteren giebt es daher all' diese alten Streitelemente und Streitmächte nicht, welche jene so sehr beunruhigen, so oft erschüttern, mit so vielem Blut und so vielen Trümmern bedecken. Wir haben hier keinen Militarismus und keine Hierarchie zu befürchten, und es nöthigt den Amerikanern ein Lächeln ab, wenn sie gewahren, welchen Schrecken die Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit in Europa geweckt hat, wie man dort zu den Waffen ruft, die beiden Armeen mustert und die Felvherrcn aufruft! Hier kommt uns die Aufstellung dieses Dogmas gerade so vor, wie wenn Nom decretirt hätte, die Winkel eines gleichseitigen Dreiecks seien einander nicht gleich, und keine 00°, oder sonst einen mathematischen Lehrsatz verneint oder umgekehrt hätte. Wein kann es schaden, wein Ungelegenheiten bringen? Und wie dieses gesammte Amerikanerthum, so auch das amerikanische Judenthum. Dies hat in der That, wie ich schon bemerkt, einen breiten und sicheren Bestand gewonnen, und es ist bewunderungswürdig in seiner Energie für die mehr materielle Seite. Die großen und prachtvollen Synagogen wachsen überall aus dem Boden , und es ist unglaublich, welche Summen für die Wohlthätigkeitsanstalten aller Art geopfert werden. *) Es versteht sich, daß ich hier nur im Großen und Ganzen spreche, va es an einigen bedeutenden Leistungen der amerikanischen Literatur nicht fehlt. Eorresp.

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