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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-25 · Heft 17 (25.4.1871) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 17 (25.4.1871)
Date
1871-04-25
Page
Seite 331 (sequence 3)
Language
German
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331 entbehren. Doch da muß ich aus das zurückweisen, was ich oben schon bemerkt, nämlich auf die Uniformität, welche in Amerika vorherrschend ist, und da ist denn das amerikanische Judenthum eben nicht anders, als das amerikanische Wesen überhaupt. Und da müsien Sie mir schon gestatten, etwas weiter ansznholen. Sie tragen selbst die Schuld daran, denn Sie haben uns seit längerer Zeit daran gewöhnt, die Angelegenheiten und Fragen des Judenthums nicht von einem Jsolirschemel herab anzusehen, sondern in Vergangenheit und Gegenwart im Zusammenhänge mit der gesummten Menschheit und mit den Epochen und Völkern. Denn fürwahr auch in der Vergangenheit sind es nicht etwa kurze und ausnahmsweise Perioden, in welchen sich Gleichheit der Richtung und des Charakters bei den Juden mit den anderen Völkern zeigt, sondern umgekehrt: die Zeiten völliger Aus- und Abschließung, also des völlig isolirten und verschiedenen Lebens in den Juden sind verhältnißmäßig nur kurze, und die Wechselwirkung zwischen den Juden und den Völkern ist eine viel größere und viel tiefere, als es der oberflächliche Beobachter annimmt. Ich will mich nicht verleiten lassen, diesen Satz näher zu begründen, für welchen die bisherigen Geschichtschreiber des Judenthums nur einen geringen Sinn gezeigt, neuere Forschungen aber schon viel Specielles ausgehäuft haben. Daß die alte und die neue Welt große Verschiedenheiten haben, ist bekannt. Das Merkwürdige ist, daß diese Verschiedenheiten bestehen, trotzdem Amerika ein Kind der alten Welt ist, und c>aß, so viele Elemente auch immerfort aus dieser in jenes hin ein strömen, sie dennoch jene Verschiedenheiten nicht zu verändern vermögen, sondern von ihnen ergriffen und überwältigt werden — ein Beweis, wie mächtig die Natur der amerikanischen Welt ist. Es gab Zeiten, wo man in Europa das amerikanische Wesen hoch verehrte, als ein Ideal anschaute, welchem man die Zukunft der Menschheit zuschrieb, während man sich selbst im Zustande des Niedergangs, ja des Verfalls ansah. Man glaubte eben weder zu besitzen, noch jemals zu erreichen, was der Nordamerikaner sich schnell und ganz entschieden geschaffen hatte. Von der anderen Seite war der Amerikaner bereit, sich diese Superiorität gefallen zu lassen und das amerikanische Wesen in einer Glorie anzuschaueu, aus welcher heraus man mitleidig auf die immer tiefer sinkende alte Welt heruntersah. Ich glaube, diese Zeit wird auf beiden Seiten des Oceans ziemlich vorüber sein, oder doch dem Verschwinden allmälig nahe kommen. Jedenfalls müßten beide Welten sich ungeheuer verändern, um einer solchen Meinung zu entsprechen, und hierzu ist gegenwärtig noch keine Aussicht. Die alte Welt ist eben die alte, d. h. sie hat viele Jahrtausende hinter sich; sie steht auf einem unerineßlichen Boden der mannigfaltigsten Schöpfungen und der großartigsten Entwickelungen. Da herrscht das Bestehende und Ererbte vor; langsam entfalten sich die neuen Ideen, müssen die alten Gestalten durchdringen, umsetzen, in neue Compositionen und Formen hineinentwickeln, und es ist stets ein Wahn, daß man nur immer zu zertrümmern und neu zu bauen brauche. Das Leben weicht nur langsam aus den vorhandenen Organismen, und wo nur.irgend noch Leben vorhanden, läßt es sich nicht erdrücken, oder gar tobt schweigen. Daher die Kämpfe, die ununterbrochenen, ■ der langsame Fortschritt, das Wiedererstehen schon tobt geglaubter Brächte, die beständigen Compromisse, das Drängen, Aufeinanderplatzen und Zusammenstößen. Darum aber auch die Fülle und die Macht des Geistes; ein unaufhörliches Schassen; Regeneration und Wiederverjüngung, Absterben und neues Leben. Man blicke nur auf die letzten Jahrhunderte und die neueste Zeit. Was war Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege, welche Philisterei im vorigen Jahrhundert, wie erniedrigt unter den ehernen Schritten Napoleons I., und wie lag es darnieder unter der Wucht der Neaction. Aber dennoch schuf es in diesem vorigen Jahrhundert seine classische Literatur und Musik, erhob es sich unter der Neaction zur höchsten Staffel der Wissenschaft, und steht jetzt fast wie eine neue 'Nation in einem neuen Reiche da! Wer hat es dem zerrissenen, niedergetrete'nen, von Fremden beherrschten Italien zugetraut, daß es ein einheitlicher, selbstständiger Staat von den Alpen bis zur Südspitze Trinacrium's werden könnte und selbst das tausendjährige Joch des Papstthums abschütteln würde? Zu welcher Blüthe haben sich die nördlichen Staaten Europas, diese dem Nordpol so nahen Gebiete entfaltet! Und wer könnte es leugnen, daß das große Ezaareureich mir seinen neuesten Evolutionen, durch welche es zu einem ganz anders gearteten Staate, als es früher war, hinsteuert, eine der kräftigsten Manifestationen des modernen Geistes ist? Darum verzweifeln wir nicht an den Zuständen der französischen 'Nation, wenn wir sie auch durchaus nicht als blos augenblickliche ausfassen, sondern wohl wissen, daß diese Zustände von langer Hand vorbereitet sind und ihren Ursprung von Ludwig Xlll. 17*

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