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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-25 · Heft 17 (25.4.1871) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 17 (25.4.1871)
Date
1871-04-25
Page
Seite 330 (sequence 2)
Language
German
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330 fcer man auf Stufen hinan stieg, die hohen Fenster mit den kleinen, runden, in Blei eingelassenen Glasscheiben, wie viele Reihen von Sitzen rechtö und links, und in der Mitte das hohe Almemor, die messingenen Kronleuchter, die silberne Lampe vor der Lade, und dann die ganz bestimmten Menschengestalten mit der ganzen Mannigfaltigkeit ihres Eitzens, Stehens und besonders Schaukelns, o was gehört Alles zu dieser Synagoge; auch heimliche schaurige Winkel um dieselbe mit Legenden und Märchen, die dem Kinde das Herz bange machten . . . Tics ist meine wahre und einzige Synagoge, die mir selbst, da ich als Manu dasselbe Gebäude betrat und es dem Blicke des Mannes klein, zusammengeschrumpft, unbedeutend in all den bewunderten Stücken erschien, vor das geistige Auge trat und die Seele erfüllte. So kann ich Ihnen, wenn ich es auch sonst vermöchte, keine der zahllosen Gotteshäuser beschrieben, die ich bereits betreten habe. Doch wohin reißt mich die Erinnerung, während ich Ihnen einsach sagen wollte, was Sie eigentlich genugsam wissen, daß Sie nämlich von mir keine Statistik des nordamerikanischen Jndenthums zu erwarten haben? Es hätte diese auch wirklich kerne wesentliche Bedeutung. In Amerika ist Alles uniform. Die Gesammtheit trennt sich in einzelne Parteien, und von diesen findet sich nun ein größeres oder kleineres Abbild, aber immer dasselbe, au jedwedem Orte. Da in Amerika Alles neu ist und Alles von dem Gesetze der Nützlichkeit geboren und gestaltet wird, so läuft Alles aus dasselbe hinaus und stellt sich in derselben Erscheinung dar. Die Statistik des amerikanischen Jndenthums hätte daher nur die einzige Bedeutung, daß sie vergewisserte, wie die große Mehrzahl der Juden von innen heraus sich gedrungen fühlt, ihrer Religion und deren überlieferter Weise überall einen Raum und eine Wohnstätte zu schassen, und wie sich daher mir der Vermehrung der jüdischen Auswanderer auch die Gemeinden, Synagogen, Friedhöfe, Hospitäler u. s. w. über die ganze Union ausbreiten. Diese Ueberzeugung ist von großem Werthe, aber sie ist bereits gegeben und völlig gesichert, und ich brauche mich daher darum nicht weiter zu kümmern. Man weiß ferner, daß es hier zu Lande viel entschiedener ganz und halb orthodoxe, ganz und halb reformirte Synagogen giebt als in der alten Welt, und zwar darum entschiedener, weil Jedermann sich seiner Ansicht nach einer derselben aiisckließen, und wenn die statutenmäßige Frist vorüber ist, sich wieder von ihr trennen kann, was übrigens selten geschieht, so daß das Schwanken einer.emmal fest constituirten Gemeinde viel geringer ist, als man es sich bei uns von dem Einflüsse voller Freiheit denkt. Die Elemente, die nicht mehr ganz zu einander passen, haben sich von Anfang an mehr geschieden, und in Amerika besteht ein wesentlicher Ehrenpunct des Mannes in seiner Conseauen; für die von ihm angenommene Richtung und Partei. Ein Hauptgrund dieser Stabilität innerhalb der Gemeinden bei der unbedingtesten Freiheit besteht darin, daß der Eintritt in eine Gemeinde in den Individuen nicht blos vom religiösen Interesse, sondern mindestens ebenso sehr von dem Bedürfnis veranlaßt wird, einer abgegrenzten Gemeinschaft anzugehören, einer Familie im weiteren Sinne, da, wo es an den Jugend- und Lcbensgenossen fehlt, doch einige Bande anzuknüpfen, welche nicht blos auf dem materiellen Vortheil beruhen, und so zu sagen ein Stück festen Bodens unter seinen Füßen zu haben. Dieses Gefühl ist in Amerika vorherrschend, da hier Alles ins Große, ins schnell und weithin Wachsende hinausstrebt. Das Dörfchen wird zur Stadt, die' Stadt zu einem Coloß vor den Angen des Individuums; es strömt hinein und hinaus und wechselt unaufhörlich. Ta ist es natürlich, auch etwas Vegrenzies, Gekanntes und Verwandtes als einen Halt und einen Zaun zu haben. Dies begründet und conservirt die Gemeinden und läßt die Einzelnen in ihren Gemeinden verharren. In unserer alten Welt ist gerade hiervon wenig vorhanden. Die Staaten und die Städte haben da ihre alten Grenzen, ihre alten Gemeinschaften, denen auch der moderne Jude zugehört und sich völlig anschmiegt. Da verliert die jüdische Gemeinde ihre sociale Bedeutung für düs Individuum. Wer auf dem Festlande spazieren geht, dem ist der Stab gleichgültig, den er in der Hand hält und der ihn gelegentlich stützen kann; wer aber auf dem Ocean fährt, dem ist der Anker seines Schisses ein Heiligthum, denn er weiß, es kommt die Zeit, wo jener allein in Sturm und Wogendrang ihn zu retten vermag. Es erweist sich dies am besten aus der Ausdehnung, welche das sg. Logenwesen (Bne Berith) gefunden, und das im Wesen nichts anderes als unsere Chewroth in der alten Welt bedeutet. Es sind Mohlthätigkeitsgemeinden innerhalb der gottesdienstlichen Gemeinden. Es kommt mir also nur zu, den allgemeinen Eindruck zu schildern, den das amerikanische Judenthmn auf mich gemacht, und dabei kann ich natürlich der Dinge östlich vom atlantischen Ocean zur Vergleichung nicht

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