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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-18 · Heft 16 (18.4.1871) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 16 (18.4.1871)
Date
1871-04-18
Page
Seite 327 (sequence 15)
Language
German
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327 Synagoge eine bestimmte Einladung ergangen sei. Selbstverständlich mußten Jedem die Pässe zur Abreise nach Paris verweigert werden, und Jeder, der abreisen wollte, sei darüber zu belehren, welche Folgen dieselbe für ihn und vielleicht auch für sein Volk haben dürfte. Man .wird zugeben, daß die Sache ziemlich energisch angepackt wurde, als sollte wirklich irgendwie das österreichische Staatsinteresse durch das Sanhedrin in Paris bedroht werden. Wie natürlich durfte man auch voraussetzen, daß der Chef der Polizeibehörde von der unter den Juden herrschenden Stimmung unterrichtet, der Ansicht war, es würden recht zahlreiche Juden aus Oesterreich nach Paris gehen. Doch die österreichische Polizei war diesmal, wie gar oft, falsch und schlecht unterrichtet. Sie wurde vom schlechten Gewissen gequält und sah allerorten Gespenster. Hierauf folgten Stimmungsberichte. Der Gouverneur in Linz, 10. October 1806, schreibt: Es wohnen zwar keine Juden in Oberösterreich, aber er werde die Inden, die zu Markte nach Linz kommen, und deren Correspondenz genau überwachen lassen. Der Statthalter in Mähren referirt, die der Versammlung in Paris vorgelegten Fragen haben bei den Juden, welche streng dem Talmud ergeben sind, eine ungünstige Stimmung hervor gebracht, und würde man diese Grundsätze annehmen, so wären die Juden weder Juden, noch Christen, sondern schlechte Menschen (sie.'). Man glaubt ferner, Frankreich wolle durch die Synode den gesunkenen Handelszweigen aufhelfen und sich durch neu zu eröffnende Wege den Handel mit auswärtigen Producten verschaffen. Frankreich wolle daher die Juden begünstigen und von dem türkischen Reiche die Stadt Jerusalem sammt den umliegenden Gebiete verlangen und dort den Sitz des israelitischen Volkes wieder errichten und Herstellen. Die Juden wollen jedoch das Vaterland nicht verlassen und nach dem Talmud leben. Schließlich meint die Statthalterei, es sei unter den mährischen Juden Niemand tauglich, nach Paris zu gehen, da die dortige Negierung Leute, die in der Politik gewandt sind, wünscht, und solche Juden gebe es nicht. In ähnlicher Weise berichtete der Stadthauptmann Graf Hartmann in Prag. Auch nach Böhmen erfolgten keine Einladungen aus Paris. Der Gouverneur in Lemberg glaubte ebenfalls, es sei nichts -zu befürchten. Er theilte die Inden nach folgendem Schema ab: 1. stricte Juden, die größtentheils stockdumm sind; nur in Brody gebe es aufgeklärte Juden. 2. Chassidim, ein Pendant zu den Ouäkern und Herrenhutern, äußerst frömmelnd, und :i. Karäer, die ganz einfach sind und sich an die Thora halten. Einen komischen Eindruck macht der Bericht des Polizeidirectors in Wien. Er charakterisirt die Wiener Juden folgendermaßen: Einige halten sich an die mosaischen Gesetze, Andere an den Talmud und Andere bekennen sich zu beiden, handeln jedocb in Religionsgegenständen nach eigener Meinung. Letztere genießen weder Koscher fleisch noch Kofcherwein und essen mit unbedecktem Haupte; an Sabbaten jedoch verrichten sie ihr Gebet mit den andern Juden. Es wurden dann namentlich die Namen der frommen und nicht frommen Familien angeführt, woraus hervorgehl, daß die damalige Polizei genau Küche und Keller der Juden überwachte. Der Bericht schließt mit der Bemerkung: Die anderen Juden wollen nur, daß ihre Weiber und Kinder sich so kleiden können, wie die der reichsten Tolerirten. Am 20. October 1806 referirte der Chef der Polizeibehörde über die eingelangten Berichte an den Kaiser. Er konnte constatiren, daß die Juden von Napoleons Plane für ihre Nation nichts erwarten und in demselben nur eine Finanzspeculation wittern, was wir allerdings bezweifeln. Herr Baron von Sumerau fügt jedoch hinzu, daß die in jener Zeit erfolgten Beschränkungen der Juden in Ungarn durch den Contrast. einen nicht ganz günstigen Eindruck gemacht haben. Ueber Nacht wechselte jedoch die Stimmung. Am 21. October berichtete Herr v. Sumerau wieder an den Kaiser: „Bon nichts Geringerem als von einer gänzlichen Regeneration des jüdischen Volkes ist in der Ansprache an die Deputirten die Rede, und unverkennbar spricht aus jedem Worte Napoleons die Tendenz, mit seinen übrigen Rollen auf dem Welttheater auch noch im strengsten Sinne die Nolle eines Pseudo-Messias zu vereinigen." - Am nächsten Tage wieder, am 22. October, erfolgt ein Bericht, der sehr beruhigt klingt. Er constalirt, daß, so viel bekannt ist, keine Einladungen von Paris an israelitische Gemeinden in Oesterreich erfolgt seien. Der Kaiser Franz nahm wohlgefällig diese Berichte zur Kenntniß und bemerkte: „Uebrigens war leicht vorherzusehen, daß oie Pariser Verhandlungen auf die strengen Anhänger der alten Lehre nie einen günstigen Eindruck machen werden; um so leichter könnte dies bei einem Theile der deutsch-jüdischen Schullehrer in Galizien und bei anderen neueren, die sich mehr dem Deismus nähern, der Fall sein, aus welche daher die bezügliche Aufmerksam^;.; zu richten sei." 'Aus dieser Resolution geht hervor, in welcher Weise man in Wien über inländische Verhältnisse hier, in sofern sie Juden betrafen, unterrichtet war. Die deutsch-jüdischen Schullehrer in Galizien, die 'Apostel der Reform, Deisten! 'Allerdings hatte die Regierung selbst einen Schüler Mendelssohns, Herz Homberg, nach Galizien geschickt, um Reformen anzubahnen. Dieser hatte jedoch zu jener Zeit schon das Kronland verlassen, weil er in Folge seiner reformatorischen Anschauungen mit den Gemeinden in Conslict gerieth. Nach all' dem wäre man berechtigt, anzunehmen, daß die Negierung zur Einsicht kam, sie habe sich unnöthigerweise echaussirt, und hätte ihr diese Einsicht um so mehr zu Statten kommen können, da sie zu jener

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