Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1871)
- Date
- 1871-04-18
- Page
- Seite 328 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Zeit anderweitig genug beschäftigt war und die Ausfuhr der Silber- und Goldmünzen so schwunghaft betrieben wurde, daß der bereits genannte Stadthauptmann in Prag, Graf Hartmann, referirle, es sei nur allzugewiß, daß bald die letzte Spur von Gold und Silber aus den kaiserlichen Ländern verschwunden sein werde. Nichtsdestoweniger beschäftigte das Sanhedrin in Paris die Negierung in Wien nach wie vor. Ueber Vortrag von Sumerau rescribirte am 28. October 1806 Kaiser Franz: . zur mehreren Sicherheit sowohl in Wien als in den Ländern nachzuforschen und auch durch Einsicht der Paffantenliste an den Grenzen zu erheben, ob nicht etwa doch solche Reisen stattgefunden haben." Ueberdies schrieb der Minister des Aeußern, Graf Stadion, an den österreichischen Botschafter in Paris: „auf die sich dort etwa ein findenden eröländischen Juden nach Thunlichkeit zu invigiliren." (Schluß folgt.) Korrespondenz. Zürich, 21. März. (Privatmitth.) Hier hat Herr Nr. Levin einen Verein von jungen Leuten (Studenten, Polytechnikern, Kaufleuten) gegründet, der den Namen Ez-Chajiin führt. Gegenseitige Belehrung wie gemeinsame Theilnahme für gute Zwecke ist seine Hauptaufgabe. In diesem Verein halte ich allwöchentlich Vorlesungen meist religiösen Inhalts. Der Verein hat in der kurzen Zeit seines Bestehens — er wurde Mai 1870 gegründet — seine Lebensfähigkeit bekundet, und wir konnten jetzt daran denken eine jüdische Bibliothek zu gründen und auch ein Lesecabinet für jüdische Zeitschriften cinzurichteu. Notizen. Aus Saybusch in Galizien. Saybusch war eins der polnischen Städtchen, welche das „Privilegium" hatten, daß Juden nicht darin wohnen dursten. Daher der Aufstand gegen einen Israeliten, der daselbst eine Fabrik eröffnet hatte. Die Negierung thut übrigens ihre Pflicht, die Unruhstifter werden streng bestraft und — der Jude wird seinen Wohnplatz einnehmen. Saybusch wird in einem Feuilleton der Olmützer Zeitung in folgender Weise geschildert: Saybusch ist ein Krähwinkel, welches, hinter Bergen versteckt, nicht so bald das Licht der Aufklärung wird durchdringen laffen. Der Saybuscher Bürger ist Pole; als solcher verabscheut er den Deutschen, noch mehr aber den Juden, der nicht in demüthiger Unterwerfung in Jupitza und Peies sich ihm als polnischer Jude zeigt, sondern ihm imponirt, deutsch denkt, deutsch handelt und deutsch sich kleidet. Schon der Haß gegenüber den wenigen, in den Vororten Saybuschs vom Handel und der Industrie sich redlich nährenden Juden verleitet den rohen Theil der Bevölkerung zu Ausschreitungen. Diese Leute haben vor fünf Jahren einen gewissen Nosanis, der eS gewagt hat, in Folge der BerzehrungSsteuer-Pachtung eine Wohnung in der Stadt zu miether» und zu beziehen, unter Hurrahrufen, Glockengeläute, Ausbrüchen entfesselter Leidenschaften, als: „Nieder mit den Juden, henken, würgen, schlachten!" rc. gewaltsam delogirt, indem ihm seine Möbel hinter die Stadt theils getragen, theils hinausgeführt, in den Koth geworfen und acht Tage liegen gelassen wurden, und alles dieses aus dem einzigen Grunde, weil er Jude ist und sich erkühnte, in der von Katholiken bewohnten Stadt Logis zu nehmen. Zur Ergänzung unserer Berichte über die vielbesprochene Judenhetze in Saybusch entnehmen wir einem Berichte der Olmützer N. Zeit folgende Schilderung des gegen daS Fabriksgebäude unternommenen Vandalenzuges: „Als der anwesende Leon den Leuten versicherte, seine Gattin sei nicht anwesend, antwortete man ihm mit Steinwürfen; als dies auch den Gendarmen geschah, gaben diese blind Feuer; es half aber nichts, der Sturm begann. Aus Tausenden von Händen wurden Steine gegen die Fabrik geschleudert, alle Fenster, über hundert an der Zahl, wurden eingeschlagen; da fällt ein Weib nieder, ein Schuß habe sie getroffen, sie ist todt! Himmel! welcher Lärm, welches Geheul und Gejohle, welcher Sturm! Man erstürmte das Einfahrtsthor, man riß die eisernen Fensterrahmen heraus, man erbrach die ganz neu eingerichtete Wohnung des Leon, man untersuchte die Betten und Schränke, ob Leon oder seine Frau nicht da wären, und zertrümmerte dieselben. Sämmtliche Möbel und selbst die Oefen wurden so zertrümmert; man zerschnitt alle Kleidungsstücke, raubte Gold, Silber, Wäsche; man schnitt Betten auf und schüttete die Federn aus, was nicht zerbrechlich war, warf man in den nahen Solafluß; man zerschnitt Tuchwaaren, verdarb Maschinen, stahl Wolle, kurz, die ganze bedeutend große Fabrik samrnt Nebengebäuden glich so ziemlich einer Ruine — eine Fabrik, die 200 Bürger ernährte. Leon und zwei Gendarmen wurden durch Steinwürfe verwundet, ferner noch 2—3 Bürger durch Schüsse; Leon entkam, indem er den Fluß durchwatete." Verlag von Baumgärtner's Duchbandlung iu Leipzig. — Druck von I. 33. Hirschfeld. Verantwortlicher Redacteur üsr. H. Letzt.