Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-18 · Heft 16 (18.4.1871) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 16 (18.4.1871)
Date
1871-04-18
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226815--29397-3252233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

316 Kaders aus die Adresse, daß der Reichstag den Sinn seiner Worte in der Thronrede durchaus richtig begriffen habe, wirst jene Römlinge in das tatsächliche Nichts hinein. Und wie immer wurde hierdurch noch mehr erreicht, als sie selbst zu zerstören trachteten. Denn auf diese Weise Hai duö deutsche Reich Gelegenheit gedabt, der Welt unbedingt zu versichern, daß es den Frieden will, daß eS auf keine politische Suprematie Anspruch macht, daß es in die inneren Angelegenheiten keines Volkes sich mischen wird; es hat dies sofort an einem sactischen Beispiel zu bewahrheiten Veranlassung gehabt. Die Nichteinmischung in ein Gebiet Hai aber stets denselben Grundsatz auch aus anderen Gebieten zur Folge. Und hiermit steht die ultramontane Partei noch vor einem zweiten, vor einem inneren Kampfe, in welchen die Staatsgewalt sich ebenso wenig eindrängen, in welchem sie ihr ebenso wenig zur Seite stehen wird. Wir meinen das Unsehlbarkeitsdogma. Es ist dies ein Kampf, der wegen der Ausdehnung des Katholicißmus ein hohes Interesse, fast so groß wie die sociale Frage, für alle Theile der civilistrten Welt hat. Auch hier haben die Ultramontanen die Geduld verloren und sind allzu früh vorgegangen. Sie wollten alsbald ihre alten Mittel der Unterdrückung und Verfolgung, wo Wissen und Glauben sich ihnen nicht ergeben wollten, anwenden. Wer wüßte mehr davon zu erzählen als wir Juden. So haben sie selbst ihre Gegner alsbald auf den Kampfplatz gefordert und aus den Stuben der Gelehrten in die allgemeine Arena beschworen. Wozu schwächliche Gegenerklärungen nicht ausreichten, das hat der gewaltige Streich, von der Hand des greisen Döllinger, eines der gelehrtesten Kenner der katholischen Kirchcngeschichte, ausgeführt. Er hat innerhalb des Katholicismuß selbst, auf kirchliche Gläubigkeit gestützt, die Scheidelinie breit und tief gezogen, und unwiderleglich gezeigt: — hier ist die Treue und Richtigkeit der geschichtlichen Ueberlieserung, und bei Euch geschichtliche Fälschung und Betrug. Die Folgen können nicht auöbleiben. Wir Juden sind an diesem Streite nicht betheiligt, wohl aber an dessen Folgen und Wirkungen auf die Welt. Für uns enthält auch die geschichtliche Ueberlieserung, auf welche Döllinger fußt, keine objective Wahrheit. Schon der Protestantismus zieht ihm die Kirchenväter ab, wir aber auch die Schriften des sg. dienen Testamentes. Aber innerhalb der einmal von Döllinger vorausgesetzten Grundlagen der katholischen Kirche müssen wir ihm das Zugeständniß der Richtigkeit, den Gegensatz zu willkürlichen und beabsichtigten Täuschungen und Fictionen machen und ihm eine rühmliche Stärke und Festigkeit des Charakters zuerkennen, die ihn uns auf seinem Standpuncte verehren lassen. Wenn aber somit die Aussicht, daß unsere Kinder und Enkel die großen Streitfragen der Menschenwelt ohne Waffenkamps durchzuführen hätten, geschwunden, so mögen wir doch die Hoffnung festhalten, daß mit dem Ende dieser unsäglichen Wirren in Frankreich für längere Zeit ein dauernder Friede in Europa, oder doch wenigstens für Deutschland, anheben werde. Für uns Juden steht aber eine neue Probe, wie weit das Rechtsgcfühl im deutschen Reiche erstarkt sei, in der Behandlung bevor, die unseren Glaubensgenossen in den beiden neu annectirten Provinzen gewährt werden wird. Es handelt sich hierbei weniger um die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden, als um die Gleichstellung des jüdischen Cultus, die dieser in Frankreich seit gerade 40 Jaheen erlangt hat. Mögen nur unsere Söhne und Brüder recht bald und wohlerhalten in die Heimath zurückkehren! .Skizzen über die Frage: Was haben die Inden vom Staate zu fordern? XI.*) Aus Bayern. Zu dem Artikel Ihres geschätzten Blattes: „Was haben die Juden vom Staate zu fordern," erlaube ich mir vorn diesseitigen Standpunct aus Folgendes zu bemerken. Inwiefern ün Königreich Bayern die Pfarreien durch Stiftungen begründet sind, oder aus Staatsmitteln erhalten werden, soll und kann hier nicht untersucht werden, da hierzu die nöthigen statistischen Nachweise fehlen. Es ist auch für unfern Zweck nicht nvtbia darauf einzugehen, indem wir nur den einen Gesichts-/ puunct hervorheben wollen, von dein aus die Rabbinats-j stellen rechtlich eine Unterstützung von Seiten des- Staates beanspruchen können. > Es wurde bekanntlich schon vor mehreren Finanz-\ *) Die Fortsetzung von Nr. X. über die Lehrerse-! minare erfolgt in einer der nächsten Nummern d. Z. | Nedaction.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.