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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-18 · Heft 16 (18.4.1871) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 16 (18.4.1871)
Date
1871-04-18
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 Experimente vor sich, ohne zu wirklichen Resultaten zu führen. So aus dem kirchlichen Gebiete durch die Kämpfe der Hugenotten, die Janscnisten, die Gallicaner, das Concordat Napoleons 1. So auf dem poliiischen Gebiete durch den vollendeten Absolutismus, die Revolutiouen, die Militärdictatur, den Constitutionalismus und den Cäsarismus. So endlich auf dem socialen Gebiete schon durch die socialistischen und communistischen Theorien, die Nationalwertstätten und die Junischlacht von 1848 und den gegenwärtigen Pariser Aufstand. Es ist daher nicht zu verkennen, daß in dem letzteren Jnteresien der gesammten civilisirten Gesellschaft enthalten sind, wenn auch zu keinem Austrag kommen. Würde das Pariser Stadthaus siegen, so könnten die 'Nachwirkungen in allen großen Städten und Fabrikdistriclen der Welt nicht ausbleiben. und der Kampf, der jetzt um Paris geführt wird, geht also mittelbar für die gesammte Menschheit vor sich. Vielleicht, wenn der Leser diese Zeilen vor sich hat, ist jener bereits entschieden. Denn wenn einerseits dieser Aufstand offenbar die gegenwärtige französische Staatsgewalt und die deutschen Staatsmänner überrascht hat und zwar in einem Augenblicke, wo die erstere noch keine angemessenen und zuverlässigen Streitkräfte zu Gebote hatte, und das deutsche Heer durch den Friedensschluß gewisiermaßen gebunden war, so trug doch glücklicherweise die noch stattsindende Anwesenheit des deutschen Heeres zu der Begrenzung des Aufstandes bei, gestattete der französischen Regierung Kräfte zu sammeln, und gab auf diese Weise der Ordnungspartei in den anderen großen Städten Frankreichs eine rechtzeitige Warnung, sich von dem Aufstande nicht überrumpeln zu laßen. Wie es also auch in der nächsten Zeit sich gestalten wird, ob die französische Executivgewalt allein den Aufstand zu überwältigen vermag, oder ob das deutsche Heer activ eintreten muffe, die Dinge stehen in diesem Augenblicke schon so, daß diesem Aufstande des Proletariats derselbe Ausgang bevorsteht, wie dem römischen Sklavenkriege, dem Bauernkriege, den irländischen und galizischen Aufständen, dem Juniaufstand von 184 8 — er wird niedergeschlagen werden. Aber solche blutige Vorgänge sind zwar iui Stande, vorbereitete politische Neugestaltungen fertig zu machen, nicht aber sociale. Die gewaltthärigen Werkzeuge werden zerbrochen: Bedürfniß und Phasen der inneren Entwickelung werden durch sie nur zu größerem Bewußtsein gebracht; und so wie das Sklaventhum und die Leibeigenschaft doch einige Jahrhunderte später beseitigt wurden, wie England dennoch auf die Stimme deS irischen Volkes hören mußte, so wird auch in der Aufeinanderfolge der Zeiten die sociale Frage der allmäligen und der Natur des Menschen und der Gesellschaft angemessenen Lösung näher zureisen. Diese gewaltigen Zustände in Frankreich bleiben aber nicht ohne Einwirkung auf Deutschland, und zwar zugleich auf dessen Staatslenker, Volksvertreter und das Volk selbst, und dies in erfreulichster Weise. Es ist dies die Lichtseite der Gegenwart, der wir uns an unserem Feste erfreuen können. Kaiser, Negierungen, Reichstag und Volk stehen in einem jener seltenen Zeitpuncte wahrhafter Eintracht. 'Nach oben wie nach unten werfen die französischen Wirren den Wunsch nach Verständigung in die Herzen, mäßigen das Verlangen nach einseitigen Vortheilen, und ein solcher Zeitpunct ist stets fruchtbar für eine längere Folgezeit. Er schleift die Ecken der Gegensätze für längere Zeit ab und läßt sie sich angemessen zusammensügen. Es kann daher nur willkommen sein, daß nur eine Fraction diesen erhabenen Moment niasi zu verstehen vermochte und von ihrer Leidenschaft geblendet, Conjuncturen, die vielleicht für sie günstiger wären, nicht abzuwarten — die romanische oder ultramontane Partei. Verblendet, sagen wir, denn nur eine leidenschaftliche Verblendung war im Stande, Kaiser und Reich in einen Römerzug zu verwickeln oder nur dazu zu verpflichten in einem Augenblicke, wo das Bedürfniß und die Sehnsucht nach Frieden allgemein ist und die furchtbaren Wirren in Frankreich unsere Kräfte, wir wissen nicht wie lange, noch auf dem gallischen Boden fesihalten. Und doch wäre die geringste positive Phrase im Stande gewesen, einen neuen Kriegszustand hervorzurusen, in welchem Italien sicher nicht allein gestanden hätte. Es war also, man kann es sagen, eine hochverratherische Absicht, ein Zeugniß des Mangels an allem Patriotismus, aber auch zugleich an allem Verständniß der politischen und socialen Verhältnisse, der die sg. katholische Partei zu einer Petition an den Kaiser um einen Kriegszug gegen Italien verleitete und sie in der Adreßdebatte des Reichstages dem Ausspruch des Grundsatzes der Nichteinmischung entgegentreten ließ. Wir können diese Verblendung der Römlinge nur mit Freuden begrüßen, denn sie haben dadurch nichts als ihre ohnmächtige Jsolirung erwiesen, und nicht blos die Thronrede des Kaisers, nicht blos der präcise und scharfe Ausdruck der Nichteinmischung in der Adresse des Reichstages, sondern ganz besonders auch die Antwort des 16*

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