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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-11 · Heft 15 (11.4.1871) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 15 (11.4.1871)
Date
1871-04-11
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 und insbesondere unseren Glaubensgenossen daselbst fehlt. Es ist — der Schulzwang, der mit Nachdruck durchgcführte Schulzwang, ohne daß er, wie es mit derartigen Einrichtungen bei uns der Fall ist, unter allerlei Vorwänden umgangen werde. Zwanzig Jahre dieser durchgeführt, und man würde unsere galizische Judenschaft nicht wicdcrcrkennen. So aber bleibt sic der Unwissenheit und dem Chassidismus überlassen. Denn neun Zehntel der galizischen Bevölkerung lassen ihre Kinder ohne Schulunterricht aufwachsen. Die Polen selbst wollen ein solches Gesetz nicht, denn ihre Absicht ist es, die Bauern und die Juden unwissend zu erhalten, und unsere Glaubensgenossen im Reichstage zu Wien gehen von der Besorgniß aus, die Juden würden dann polonisirt werden, während sie dieselben jetzt als Mittel betrachten, um zu germanisiren. Allein all dergleichen wird nicht erreicht, sondern nichts weiter als die Erhaltung der Unwissenheit und der Uncultur. Ucbcrall herrscht nur Parteigctriebe, nicht aber der Zweck, das wirkliche Wohl des Volkes zu begründen. Ucbcrall die hohle Phrase, ohne irgend Werk und That. So wird das Gute vernachlässigt, und man wundert sich dann über den Verfall, wenn dieser durch irgend einen Sioß von Außen zum Vorschein kommt. Möchte doch das Beispiel Frankreichs die Männer unserer Zeit belehren: die Grundlage alles Bestandes und auch der politischen Kraft ist der Volksuuterricht, der schmähliche Parrcikampf aber deckt nur die Faulheit und Leere, die im Innern vorhanden sind und wuchern bis zur nächsten traurigen Gelegenheit. Brody, im März. Von hier 26. d. M., wird der „N. Fr. Pr." geschrieben: Ein junger Lieutenant trat unter Beobachtung der üblichen Ritualformen zum Judcnrhume über. Seine Bekehrung ist einem Wiener Mädchen, seiner Braut, zu danken. Der Eorrcspondent hebt hervor, daß dem Lieutenant weder von Seite der Militärbehörde noch von der Bczirkshauplmannschaft ein Hinderniß in den Weg gelegt wurde. Frankreich. Pariö 17. März. Die Kreiszeitung hatte behauptet, daß Herr Hendle, der Secrctär des gegenwärtigen französischen Minister des Auswärtigen, Jules Favre, ein Deutscher, geboren in Stuttgart sei, woselbst noch sein Vater und seine Familie wohnen, welche in Verdacht stünden, mit den französischen Kriegsgefangenen zu conspiriren und ihnen Waffen zu verschaffen. In Folge dessen sei das Haus dieser Familie umzingelt, und dessen Bewohner in Haft genommen worden. Tics ging denn auch durch alle deutschen Blätter. Allein die Untersuchung in Stuttgart erwies die völlige Unschuld dieser Leute, welche auch schon am folgenden Tage ihrer Haft entlassen wurden. Jetzt bemerkt die „Presse isr." hierzu, daß der Vater des Herrn Hcudle bereits vor zwei Jahren in Paris verstorben sei und eine Verbindung mit einer deutschen Familie um so weniger hätte stattfinden können. — Auch in den jüdischen Journalen finden sich bittere Ausfälle gegen Deutschland, wir fühlen uns aber nicht veranlaßt, sic zu erwidern, oder ihre Auslassungen zu rcctisiciren. Leidenschaften lassen sich nicht überzeugen, und wenn sie erst erloschen sind, stellt sich der klare Blick der Vernunft und Gerechtigkeit von selbst wieder ein. Ein beliebtes Thema ist jetzt, die Bewohner von Elsaß und Lothringen zur massenhaften Auswanderung nach Frankreich auszufordern Auch an die Juden wird dieses Verlangen gestellt. Nun, die Zustände in Frankreich sind gegenwärtig nicht so verlockend, um glaubhaft zu machen, daß solchen Anforderungen Folge gegeben wird; scheint es vielmehr doch, daß unsre Voraussagung, die Elsässer könnten leicht froh werden, den grauenhaften Wirren in Frankreich entzogen zu sein, schnell in Erfüllung .gehen solle. — Crömieux ist, wie einige Blätter melden, auf einer Reise durch Oberitalien nach dem Oriente auch durch Wien gekommen. Unmittelbare Nachrichten hierüber haben wir nicht. Algier, im März. Zu den Stürmen, welche jetzt über Frankreich hinrasen. gesellt sich nunmehr auch ein Aufstand der arabischen Bevölkerung Algeriens und zwar in so großem Maßstabe, daß man vom Mutterlands bereits eine Verstärkung von 50,000 Mann verlangt, wenn man des Landes Herr bleiben wolle. Wir haben schon in einer früheren Nummer über die, diesem Aufstande vorangegangenc Erneute in Algier selbst, die besonders gegen die Juden gerichtet war, rcferirt. Ter Vorgang ist zugleich zu charakteristisch , als daß wir ihn nicht ausführlich nach dem Akhbar und der Presse isr. schildern sollten. „Am 1. März brach in Algier eine kleine Emeute

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