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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-11 · Heft 15 (11.4.1871) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 15 (11.4.1871)
Date
1871-04-11
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
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2!)S Ausschuß ein 2Nemorandmn überreicht, welches seine Bemerkungen über die Beschlüsse des israelitischen Congrcsses von 1868—1866 enthält. Die Petitionscommission stellte nun in dieser Angelegenheit folgenden Antrag: „Indem eine derartige definitive Lösung der israelitischen Eongreßangelegenheit, welche alle Interessen beruhigen würde und auch denjenigen Principien entspräche, die das Abgeordnetenhaus in seinem Beschlüsse vom 18. Mär; v. I. als die den Eonfessiousaugelegeuheiten gegenüber zu befolgende Richtschnur bezeichnet'?, nur durch das bezüglich aller CSonfcffioucii zu schassende besetz über die Religiousinid Gewissensfreiheit und Gleichheit erzielt werden kann , so beantragt die Petitionseommission, daß diese, die israelitische Eonfessionsangelegeuheit von verschiedenen Standpuucten darstellenden und beleuchtenden Petitionen vom Hause gegenwärtig zur Keuntniß genommen und dein Eultus- und Unterrichtsministcr zu dem Zwecke übergeben werden mögen, damit er dieselben eingehend erwäge und bei den eventuell einzubringenden Vorlagen, die sich auf die Regelung der israelitischen Eonfessionsangelegenheit beziehen werden, berücksichtigen wolle." Das Haus nahnr den Commissionsantrag an. Saybusch (Galizien», 26. März. Man schreibt von hier: Seit vorgestern revoltirt die christliche Stadtbcvölkerung, vertreten durch die niederen Volks - classen, gegen die Juden. Gestern Abends erreichte die Aufregung den höchsten Grad, und da sich die Vorsichtsmaßregeln der Behörden als unzureichend erwiesen, so gewannen die Ruhestörer die Oberhand und demolirten die Brück'sche Tuchfabrik vollständig. Die Wohnung des Werkführers wurde ausgeplündcrt und sämmtliche Möbel zerstört. Die Bemühungen der reqnirirten GeuSdarmen und Fiuanzbeainteu,die Menge zu zerstreuen, scheiterten an der Uebermacht der versammelten Volksmenge. Nachdem ein bei der Revolte betheiligtes Weib durch einen Schuß in den Kopf tödtlich verwundet wurde, ließ sich die Wuth der Volksmenge nicht mehr zähmen, und die SicherheitSorganc verließen den Platz. Das verwundete Weib ist bereits gestorben. Die Aufregung dauert fort, und wenn heute die von den Behörden in Aussicht gestellte militärische Unterstützung nicht aukommt, so ist für die hiesige israelitische Bevölkerung das Schlimmste zu befürchten. —. Ueber diesen traurigen Vorgang wird ferner berichtet: AuS Biala, 27. d., wird geschrieben: Ich bin als Augenzeuge in der Lage, Ihnen im Nachfolgenden einen Gewaltact mitzutheilen, der nicht verfchlen wird, allgemeines Aufsehen zu erregen. Der Fabriksdirector Arnold Lion sin Saybusch beabsichtigte, sich mit einem daselbst wohnhaften Mädchen zu verheirathen, und wurde auch am 23.. d. in Leipnik bei Biala die Trauung vollzogen. Jedoch vor einigen Tagen bereits hörte Herr Lion munkeln,' daß die dortige Einwohnerschaft, respective Gemeinderath, es nicht dulden werde, daß ein Jude in ihrer Stadt wohne. In Folge dieses Gerüchtes ergriff Herr Lion Präventivmaßregeln, erstattete die Anzeige an das dortige Bezirksgericht, und wurde ihm auch seitens der Behörden jedweder Schutz zugesagt. Allein schon Freitag nach dem Hochzeitstage fand ein kleiner Exceß statt. Derselbe wurde jedoch seitens der Gendarmerie unterdrückt, wiewohl mehrere Verhaftungen vorgenommen werden mußten. Jedoch Samstag Abends um halb 7 Uhr nahm der Exceß bereits Dimensionen an, die man kaum für denkbar halten sollte, würde ich nicht durch eigene Wahrnehmung davon authentisch überzeugt sein. Ter Pöbel rottete sich zusammen, stürmte die Wohnung des Genannten, sprengte Fensterläden und Thüren, zerbrach sämmtliche Möbelstücke, raubte Alles, was in den Zimmern sich befand, zertrümmerte die Fensterscheiben der Brück'schen Fabrik, so daß keine einzige ganz geblieben war. Der Bezirkshauptmann kam selbst an Ort und Stelle, um die Ruhe Herzustetten, mußte sich jedoch vor den Insulten des Pöbels flüchten. Ein Weib aus der Menge verletzte einen Gensdarmen durch einen Steinwurf; dieser machte von der Schießwasfe Gebrauch und feuerte ihm eine Kugel durch den Kopf, die das Weib tödtlich traf. Herr Lion flüchtete sich, den Kopf voller Wunden, bluttriefend nach seinem Heimathsorte Biala. Bereits am 27» d. M. rückte das am 26. d. in der Nacht telegraphisch requirirte Militär nach Saybusch ab. Herr Lion hat von Biala an die Obcrstaatsanwaltschaft nach Krakau telegraphirt und sofort die Drahtantwort bekommen, daß ein Untersuchungsrichter schon am selben Tage nach Saybusch abgehen werde. Aus Galizien, 28. März. (Privatmitth.) Lassen Sie mich einmal mit wenigen Worten das ausdrücken, was in Wirklichkeit unserem ganzen politischen Lande 15*

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