Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-11 · Heft 15 (11.4.1871) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 15 (11.4.1871)
Date
1871-04-11
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226814--29372-3252207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

292 bäum von Petersburg aus. Man muß die große Anspannung der Kräfte dieses Mannes rühmend anerkennen, und ist deshalb um so mehr zu wünschen, daß er allseitige Unterstützung finde. Bonn, 30. März. vr. S. H. Sonneschein, der früher eine jüdisch-homiletische Wochenschrift herausgegeben, jetzt aber in St. Louis Prediger ist, giebt seit Anfang des Jahres eine Wochenschrift unter dem Titel „Die Wahrheit, Zeitschrift für freie Menschen" heraus, deren Tendenz sein soll, politische, nationale und confessionelle Vorurtheile zu bekämpfen. — Zur Sieges¬ und Friedensfeier liegen uns folgende gedruckte Predigten vor, deren sammtlicher Ertrag für allgemeine wohlthätige Anstalten bestimmt ist; nämlich von Nabb. vr. A. M. Goldfchmidt in Leipzig, von Rabb. Herz in Göppingen, von Rabb. vr. Jul. Fürst inBayreuth. Außerdem empfingen wir eine geistvolle Predigt „Religion und Wissenschaft" von Rabb. Vr. S. Mühsam in Znaim (Wien, Herzfeld u. Bauer); „Gedächtnisrede auf Eötvös" von Oberrabbiner M. Hirsch in Altofen, sowie von demselben eine am Sarge der Frau Goldberger. Ein besonderes Jnterefie erweckt uns eine Rede des Rabb. vr. I. Mayer in Meisenheim, gehalten am 15. December 1870 am Grabe Gustav Frankels, Einjährig-Freiwilligen im 60. nordd. Infanterieregiment. Von Kayserling's „Bibliothek jüdischer Kanzelredner" ist das 2. und 3. Heft des 2. Jahrgangs erschienen, und führen uns beide interessante homiletische Redner vor, deren meiste noch jetzt in Amtsthätigkeit sind. — An Schulprogrammen erhielten wir: den 16. Bericht über die Religionsschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin (besucht von 178 Schülern und 142 Schülerinnen), mit einer Abhandlung über den Unterricht in der biblischen Geschichte von vr. Kirsch stein; ferner die Programme der hebräischen Unterrichtsanstalt des vr. P. Neustadt in Breslau mit einer Ansprache; der jüd. Elementarschule von vr. P. Joseph in Breslau; der Real- und Volksschule der israel. Gemeinde zu Frankfurt a Main mit einer Abhandlung „Zur Erinnerung an Lazarus Geiger" von vr. Herrm. Värwald; der Religionsschule der Gemeinde zu Colberg mit vier politischen Briefen zur Schulfrage von Rabb. vr. Goldschmidt. — Ueber den von den ungarischen Israeliten so sehr bedauerten Tod des CultusministerS Eötvös erhielten wir auch ein Trauergedicht in hebräischer und deutscher Sprache von dem rühmlich bekannten Hebraisten Simon Bacher in Pest, der dem allgemeinen Schmerze einen sehr beredten Ausdruck leiht. — Herr Rabbiner Dr. Hamburger in Strelitz ersucht uns mitzutheilen: „daß der Druck der Fortsetzung seiner Real - Encyclopädie für Bibel und Talmud im Laufe dieses Monats beginnt, so daß die Versendung des ersten Heftes von Abtheilung II „die talmudischen Artikel" (A—Effaer) noch im Sommer erfolgen wird. Der Preis desselben ist 1 Thlr., doch werden bei directen Meldungen und auf Verlangen Berücksichtigungen stattfinden." — „Schoschanim. Ein Blick in die Vergangenheit. Federzeichnungen aus dem Leben des jüdischen Volkes von vr. Gustav Philippson (Dessau). Berlin, Poppelauer, 1871." Wir brauchen .hier nicht die Momente auseinanderzusetzen, aus welchen sich vorn Mittelalter her bis in die neueste Zeit hinein eigenthümliche Sitten im häuslichen und gemeindlichen Leben der Juden herausgebildet und erhallen haben, Sitten, welche thcils aus dem religiösen und Familienleben, theils aus der Abgeschlossenheit der jüdischen Welt entsprangen, Sitten endlich, welche in den verschiedenen Länderstrichen ihre große Verschiedenheit haben und bei den sg. portugiesischen, deutschen und polnischen Juden sehr von einander abweichen. Ebenso wenig bedarf es der Darstellung der Ursachen, aus welchen diese Sitten seit einem Jahrhundert iinmer mehr abblaßten, dem Verschwinden nahe gekommen und in einem großen Theile des Mittel- und westlichen Europas bereits verschwunden sind. Es ging damit in den letzten Jahrzehnden sehr schnell, und was z. B. in unserer Kindheit uns noch vollständig umgab, davon haben unsere Kinder kaum noch eine Anschauung. Auch in den Streit, was wir dadurch gewonnen oder verloren haben, wollen wir uns hier nicht einlasien, sondern nur hervorheben, daß seit einiger Zeit mehrere Schriftsteller mit mehr oder weniger Glück versucht haben, diese Sitten zu schildern und sie hierdurch literarisch festzuhalten und für die Culturgeschichte zu bewahren. Es ist dies sehr anerkennenswcrth, und wird für die Zukunft von nicht geringem Werthe sein. Man muß sich eben auch damit beeilen, denn noch einige Generationen weiter, und die wesentlichsten Züge werden nicht mehr erkennbar fein. Die meisten dieser Autoren brachten diese Zeichnungen in novellistischer Weise oder in Romanen an. Sie ließen aus diesen Sitten entweder in dichterischer Weise Situationen und Ereignisse hervorgehen, oder brachten an allgemeinen Situationen ihre farbenreiche Abbildung jener '!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.