Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-04 · Heft 14 (4.4.1871) · p. Seite 286

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 14 (4.4.1871)
Date
1871-04-04
Page
Seite 286 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226798-3226813--29362-3252196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

286 und darauf folgten mehrere vereinzelte Angriffe, die aber die Juden meist mit Glück zurückschlugen. Allein die Zurückgeschlagenen verbreiteten unter ihres Gleichen rasch die Nachricht, daß eine Schaar Juden durch's Land ziehe, die, als Juden, wahrscheinlich große Schätze mit sich führten, und lockten so auch andere herbei, die, obwohl sonst nicht Räuber, Theil an dem Raube haben wollten. Schweine- und Roßhirten, in diesen damals noch höchst dünn bevölkerten Gegenden besonders zahlreich, strömten herbei, zu Fuß und zu Pferde, alle bewaffnet. Die Juden, die sich so bedroht sahen, bildeten aus ihren Wagen eine Wagenburg, nahmen die Kinder und Weiber in die Mitte und schlugen von Verzweiflung getrieben, die Räuber mit Tapferkeit zurück. Aber schon beim ersten Angriff fiel ihr Moses. Sie stellten nun den „alten Abraham", dessen Leiche wir jetzt folgen, an ihre Spitze. Dieser traf in der That so gute Anordnungen, daß sich die Feinde der Wagenburg kaum zu nähern wagten und sich darauf beschränken mußten, ihr von der Ferne zu folgen. In der Nähe des heutigen Bökönh, das damals nur ein einsames Gehöft war, wurde Halt gemacht und da es der zehnte des jüdischen Monats Tischri war, beschloffen die Auswanderer allen Gefahren zum Trotze, allhier das Versöhnungsfest, den Jom-Kipur, zu feiern. Ging doch der Glaube, dieses milde Grubenlicht, welches wir an die Tageshelle des Gedankens gewöhnten modernen Menschen nicht als Leuchte anerkennen wollen, diesen Männern über Alles und sie würden eher den Tod mit allen seinen Schrecken über sich heraufbeschworen haben, als die Feier dieses Festes nicht würdig zu begehen. Jehova schien die Auswanderer, die unter Jammer und Trübsal sein Fest begingen, unter seinen besonderen Schutz genommen zu haben, denn während der Dauer des Jom-Kipur hatten sie keinen Angriff des Gesindels abzuschlagen. Damit war aber den Auswanderern nicht gedient; sie mußten aus dieser gefährlichen Gegend fort und überhaupt weiter zu kommen suchen. Abraham verwandelte die Wagenburg in ein Viereck und setzte die ganze Karawane in Bewegung. Man kam wohl eine Strecke weit, aber die Räuber schossen eine Anzahl von Pferden nieder und der Zug kam in's Stocken. Die Lücken und die Verwirrung, die da entstanden, benützten die Räuber, um einzudringen und es entspann sich ein blutiges Handgemenge. Es gab Todte auf beiden Seiten; die Weiber und Kinder ergriffen die Flucht, kamen ans der Wagenburg heraus und mehrere von ihnen wurden unbarmherzig niedergemachi oder von den Räubern gefangen. Die Wagenburg wurde wieder hergestellt, die Räuber waren zurückgeschlagen, aber diese halten viele Weiber und Kinder in ihrer Gewalt. Die Bedrängten versuchten einen Ausfall und es gelang ihnen, mehrere Gefangene zu befreien. Diese Kämpfe dauerten bereits zwei volle Tage und Nachte; man war im Hochsommer, die Sonne brannte und den Belagerten fehlte cs an Waffer. Sie litten furchtbar und waren dem Verschmachten nahe. Sie begannen mit dem Gesindel zu unterhandeln, aber diesen schien jedes Lösegeld zu gering, da sie bei den Juden ungeheure Schätze vermutheten. „Wenn das Maß voll ist, wenn alle Sünden erschöpft sind, sagen die Juden, erscheint Messias, um sein Volk zu erlösen." Das Maß war voll; die Erlösung nahe. Ein Küllay kam zufällig über den Kampfplatz. Er erfuhr, was hier vorging, und suchte das Gesindel von seinem Vorhaben abzubringen. Die Räuber wagten nicht, den Edelmann, der außerdem von Bewaffneten umgeben war, anzugreifen, aber andererseits kehrten sie sich auch nicht an seine Ermahnungen und Drohungen. Er zuckte die Achseln, als ob er die Sache gänzlich aufgebe, und ritt weiter. 'Aber schon nach wenigen Stunden kam er an der Spitze einer Anzahl Hajduken und Panduren zurück; die Juden erkannten sofort, daß er als ihr Retter kam, brachen aus ihren Verschanzungen hervor und mit ihren Kampfgenossen vereint, fielen sie über das Gesindel her, das wie Spreu anseinanderstob und nach allen Seiten die Flucht ergriff. Einige wurden gefangen und von den Panduren gebunden abgeführt. Die Juden überhäuften ihren Befreier, der der Großvater des bekannten Deputirten Källay Ödön war, mit Segenswünschen und gaben entmuthigt den Gedanken an das gelobte Land auf. Unter dem nachhaltigen Schutze ihres Retters schlug der größte Theil von ihnen ihren Wohnsitz in den ihm gehörigen Ortschaften Napkor, Oroß und K-M-Semjsuy auf. Ein kleiner Theil, unter ihnen auch der „alte Abrahain", der damals ein junger, thalkräftiger Mann war, siedelte sich in Bökönh an. Heute wird der letzte dieser Auswanderer zu Grabe getragen." Juda nur die Gruft", singt der britische Dichter. Sie ließen, am Gottesacker angelangt, den aus rohen Brettern gezimmerten Sarg des alten Abraham dorthin hinab, wo auch dem Aermsten, dem Unglücklichsten eine freundliche Stätte bereitet ist. Sie stiegen hinab zu feiner Gruft die Männer, deren Vätern er vor langen Jahren ein treuer Führer gewesen, und baten ihn nach allein jüdischen Brauche um Verzeihung, wenn sie ihn etwa im Leben beleidigt. Sie riefen bewegt: „Gott tröste Dich unter den andern Trauernden um Zion und Jerusalem" dem einzigen Sohne des Verstorbenen zu, und schaufelten thränenden Auges die Schollen auf das Grab des letzten jüdischen Auswanderers. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.