Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1871)
- Date
- 1871-04-04
- Page
- Seite 285 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Beilage zu Nr. 14. Leipzig, den 4. April 1871. Jüdische Auswanderer im Anfänge dieses Jahrhunderts. Herr B. Reiner erzählt unter obigem Titel als „Eine wahre Geschichte" im „Pester Lloyd" Folgendes, von dem wir nur die für uns überflüssige Besprechung jüdischer Sitten hinweglassen: Ich kam nach dem Dorfe Bököny, einem großen Dorfe mit acht ungarischem Gepräge. Auf der Straße traf ich viele Leute, die in Gruppen sich unterhielten und betrübt und traurig schienen. Auf meine Frage, was es gebe? lautete die Antwort: „Der alte Abraham liegt im Sterben." Ich trat in das Trauerhaus. In einem Winkel der großen Stube lag der alte Mann geschloffenen Auges auf dem Krankenlager. Der lange weiße Bart quoll über die Bettdecke, auf der auch die bleichen Hände lagen; auf dem schneeigen Haupte saß ein schwarzes Sammtkäppchen, und die auf dem mit Flaschen und Glasern bedeckren Tische brennende Kerze beleuchtete ein blaffes, gutmüthiges und offenes Gesicht, auf welchem die Hand des Todes ruhte. Am Bette des Sterbenden stand mein Freund Doctor W. aus Balkan und nickte mir, als er mich erblickte, ein trübeö Willkomm zu. Nach einigen Augenblicken langen Stillschweigens, in denen man nur das Ticken der Wanduhr hörte, die dem Sterbenden die letzten Minuten seines Lebens zuzuzählcn schien, wendete sich der Doctor an die Anwesenden und sagte bewegt: „es ist vorbei." Wer war der „alte Abraham", was für ein Bewenden hat es, daß sein Tod eine so allgemeine schmerzliche Theilnahme hervorgerufen, fragte ich meinen Freund, den Doctor, als ich Tags darauf mit ihm dem großen Leichenzuge des Verstorbenen folgte. Er war als ältester Mann der ganzen Gegend, von Jedermann wegen seiner Anspruchslosigkeit und Herzensgüte geliebt; seine Glaubensgenossen blickten mit einer wahren Pietät zu ihm empor, denn an seinen Namen knüpften sich für sie gar trübe Erinnerungen aus alter langst verschollener Zeit. Und in der That, es ist das eine Geschichte, die in ihren Einzelheiten erforscht, den Stoff zu einer ergreifenden und abenteuerlichen Erzählung geben würde. Ich kann Ihnen, fuhr mein Freund fort, nur das wiedergeben, waS mir im Allgemeinen darüber mitgetheilt wurde. „Das sogenannte „Finanzpatent" oder der Bankerott des Kaisers Franz I. brachte vorzugsweise über Jene großes Elend, deren Eigenthum in Geld bestand, und somit über die Juden Galiziens, die kein Grundeigenthum haben durften und dabei noch neben den anderen Steuern des Staates landesväterlich mit einer besonderen Judensteuer bedacht waren. Dazu war in Folge de- Krieges eine allgemeine Geschäftölosigkeit eingetreten und die Juden des offenen Landes, die ausschließlich auf den Handel angewiesen waren, versanken in drückende Armuth. Von Auswanderungen nach Amerika wußte man damals in Galizien noch nichts und so kam ein unternehmender Kopf auf den Gedanken, nach Palästina, in die Urheimath auszuwandern und daselbst das Feld zu bauen, wie es die Väter gethan. Dieser neue Mosedurchzog die Umgegend seines Dorfes im südlichen Galizien, wo das Elend besonders groß war, und hatte bald eine Anzahl von 50—60 Familien um sich versammelt, alle bereit, in das Land ihrer Sehnsucht auSzuwandern und die Mühen und Gefahren einer solchen Reise über sich zu nehmen. Sie verkauften alle unnütze Habe, schafften Ackerbaugeräthe an, bewaffneten sich auch theilweise und luden, waS sie brauchten, mit Weib und Kindern auf leichte, von einzelnen Pferden gezogene Leiterwagen, die mit Leinwand gedeckt waren, und während der Reife die Zelte ersetzen sollten. So machte sich der lange Wagenzug auf dm Weg, Männer , Weiber und Kinder, auch viele Greise, die im heiligen Boden begraben werden wollten, ausgerüstet von vielen galizischea Rabbinern mit hebräischen Empfehlungsschreiben an die jüdischen Gemeinden, mit denen sie auf ihrer langen Fahrt in Berührung kommen konnten. Anfangs ging Alles gut. Die Gemeinden im Norden Ungarns nahmen sich der Auswanderer auf'S Brüderlichste an. Aber bald nachdem sie unfern von Totay über die Theiß gesetzt, auf der großen Ebene, die sich bis tief gegen Süden erstreckt, begannen ihre Leiden. Einige Nachzügler wurden von Schweinehirten und ähnlichem Volke, daS stets über den Punkt des Mein und Dem höchst verworrene Begriffe gehabt, ausgeplündert,