Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1871)
- Date
- 1871-04-04
- Page
- Seite 280 (sequence 12)
- Language
- German
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280 die jeden Fortschritt zum Besseren, aller äußerer und inneren Cultur aufs Feindseligste gegenüberftcht, die Schärfe der neuen Verordnung gerichtet ist, ist aus der Fassung derselben unschwer zu erkennen. Es war aber auch hohe Zeit, daß Seitens der Regierung den „Chassidim" mit aller Macht entgegengetretcn wurde. Denn, Dank der Apathie der Vornehmeren und Gebildeteren, die sich jüdischen Interessen gegenüber vollständig gleichgültig verhalten, hat diese Secte in den letzten Jahren sich in den Städten so stark angesammelt, so sehr an Bedeutung und Einfluß gewonnen, daß sie fast überall die entscheidende Stimme in allen Gemeindeangelegenheitenführen; daß die chassidischcn Jünglinge die bevorzugtesten und glücklichsten sind, wenn es gilt, eine „fette" Braut heimznführcn, und zwar nicht etwa auf Grund ihrer größeren persönlichen Liebenswürdigkeit, oder hervorragender talmudischer Kenntnisse, sondern lediglich von ihren künstlich gedrehten Locken empfohlen, die sich in der Regel bereits durch eine vielversprechende Länge auszeichnen, oder durch ihre Fertigkeit im Branntweinconsum namentlich an Fest- und Feiertagen „zur größeren Ehre Gottes!" Es braucht kauin besonders hcrvorgehoben zu werden, daß in dem und durch den Ukas dem Judenthum als solchem nirgends $u nahe getreten, vielmehr überall die gebührende Achtung und Rücksicht gezollt wird,*) daß somit jede kirchliche Propaganda, etwa zu Gunsten des griechisch-katholischen Glaubens, ausgeschlossen ist; daß endlich den Behörden, die über die Befolgung der neuen Bestimmungen zu wachen haben, die größtmöglichste Schonung und strengste Gesetzmäßigkeit**) anbefohlen wird; daß somit, wie der ganze Geist, so auch der Inhalt des Ukases die wohlwollenden, humanen Absichten der Regierung mit der großen Masse der jüd. Bevölkerung nirgends verleugnet. siimmungcn oder, besser, seiner gänzlichen Beseitigung entgcgensehn. Denn wir können nicht glauben, daß die Regierung auch den höheren jüdischen Ständen, die gewiß in keiner Hin sich t eine n Vergleich mit ihren chr ist lichen M itbür gern z u scheuc n brauchen, polizeiliche Vorschriften über ihre Trachten zu machen die Absicht hat. Dder fürchtet die Rcgierung, daß die Chassidim aus Liebe für ihre verwahrlosten Bärte sich selbst zum Tragen moderner Kleidung bequemen könnten? Eorresp. *) S. § 10, § 18. **) S. tz 19, $ 21. Cs wird uns Niemand in Verdacht haben, daß wir für das freie Selbstbestimmungsrecht des Menschen zu wenig Sinn hätten, um der Erziehung einer großen Gesammtheit durch Polizei maßregeln das Wort reden zu können. Nein! Lieber wäre uns gewiß eine solche auf Grund einer natürlichen, inneren Entwickelung, eines gediegenen Volks- und höheren Schulunterrichts, eines regen, alle Menschen und Kräfte gleichmäßig in Bewegung setzenden Eulturlebens! Aber wie die Verhältnisse hier in Polen einmal liegen, würde dieser Weg Jahrzehnte in Anspruch nehmen und auch dann noch nur sehr zweifelhafte und keineswegs allgemeine Resultate zu Tage fördern! Und doch ist es dringend nöthig, daß endlich damit energisch der Anfang gemacht werde, die große jüdische Masse durch Gewöhnung an ein ästhetisches Aeußere — die Grundbedingung eines näheren Verkehrs mit seiner Umgebung — aus ihrer exceptionellen Stellung herauszureißen und. sie für die Culturaufgabe des Staates empfänglich und fähig zu machen. Um dieser guten Absichten willen müssen wir hier das Wort gelten lassen: „Der Zweck heiligt die Mittel!" Freilich werden auch höhere, geistige Mittel und Wege hinzutreten müssen, um die Bestimmungen des Ukases auch vom Standpunct einer über dem Bedürfniß des Augenblicks erhabenen Moral und Humanität als vollberechtigt erscheinen zu lassen, ihren nachhaltigen sittlichen Erfolg zu sichern. Es wird daher vor Allem die Sorge der Regierung sein müssen, den Schulzwang mit größerer Energie durchzuführen; den „Cheiders", diesen Brutstätten alles Schmuzes, aller gesellschaftlichen und staatlichen Abgeschlossenheit, ohne Schwäche zu Leibe zu gehn; daraufzu achten, daß nur diejenigen als Rabbiner und Religionslehrer ihre Bestätigung erhalten, welche durch den Nachweis eines bestimmten Maaßes von moderner Bildung die Garantie bieten, daß sie die geistigen Interessen der Gemeinde in einer der Jetztzeit entsprechenden Weise zu fördern vermögen. Endlich scheint es uns wichtig, bei dieser Gelegenheit auf eine andere brennende Frage hinzuweisen, die, wie uns dünkt, mit den besprochenen in engstem Zusammenhänge steht, und deren Lösung sich die russische Negierung, sofern es ihr mit der socialen und nationalen Erziehung der großen jüdischen Masse Ernst ist, für die Dauer nicht wird zu entziehen vermögen; wir meinen: Abhilfe gegen die Uebervölkerung x