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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-04-04 · Heft 14 (4.4.1871) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 14 (4.4.1871)
Date
1871-04-04
Page
Seite 279 (sequence 11)
Language
German
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279 Erscheinung als die innere Bildung, die aufrichtige Volksbildung entscheidet. Bleibt die letztere vernachlässigt, bleiben Unwissenheit und Unbildung in der polnisch jüdischen Masse vorherrschend, und kommen die äußeren Zwangsmittel dazu, so kann an eine Erhöhung des Patriotismus nicht gedacht werden, und die Vermehrung der polizeilichen Vexationen, welche das Rescript selbst so deutlich voraussieht, wird nur zerstörend wirken. Russisch Polen, Mitte März. (Privatmitth.) Daß die russische Regierung den Juden der russischen Länder gegenwärtig eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwendet, sie als einen höchst wichtigen Factor im nationalen Leben betrachtet und ihnen demgemäß die größtmöglichste materielle und geistige Pflege zu Theil werden lassen will, dafür sprechen die bedeutsamsten officiellen Kundgebungen und Verordnungen. So erließ, den öffentlichen Blättern zufolge, der Minister des Innern vor Kurzem ein vertrauliches Rundschreiben an die ihm untergebenen Behörden, in welchem er, anknnpfend an die patriotische Haltung der jüdischen Bevölkerungen der beiden kriegführenden Länder, auf die hohen Tugenden und geistigen Fähigkeiten des jüdischen Stammes hinweist und mit Nachdruck betont, wie nothwendig und wohlthätiz es für den Staat sei, die Inden aus der epceptionellen Stelluug herauszureißen, in welche sie die Engherzigkeit und Barbarei der früheren Zeiten gestoßen, sie nach den Gesetzen der Gerechtigkeit, Humanität, des nationalen Gedankens zu behandeln und für dieselben zu erziehen. In gleichem Sinne, von gleich wohlwollenden An- und Absichten durchdrungen, äußert sich ein Artikel im officiellen Organ des Warschauer Lehrberzirks (1. Circular für Mon. Januar 1871) mit der Ucberschrift: „Ueber Familien- Crziehuug und den Einfluß der Familien auf das bürgerliche und staatliche Leben."* *) Nun, von diesem Ge- *) Wir citiren nur folgende Stelle aus dem betr. Art.: „Niemand wird leugnen, daß der jüd. Stamm, der in den schwersten Zeiten rein und unbefleckt blieb, eilt überaus starkes Element und das trefflichste Material zu allem Guten und Schönen in sich trägt; daß in ihm, in der Familie des in in vieler Hinsicht noch verkannten Stammes, eine unverwüstliche Kraft für' sein geistiges und materielles Leben ruht. Die Richtigkeit dieser Ansichten wird von der Wirklichkeit der Dinge unwiderleglich bewiesen. Denn überall, wo man den indischen Stamm von den ihn bindenden sichtspuncte aus ist der neueste, „die Trachten der Juden in Polen" betreffende UkaS zu beurtheilen, über den die Leser dies. Zeit, durch die politischen Blätter wohl schon hinreichend informirt sind. Der in den Motiven zu dem Ukas klar ausgesprochene Zweck der neuen Bestimmungen ist der, die äußeren Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden — Unterschiede, die, wenn wir das Gros der jüdischen Bevölkerung ins Auge fassen, gerade nicht zu Gunsten der crsteren sprechen, — zu beseitigen und jene ihrer christlichen Umgebung in gesellschaftlicher und nationaler Hinsicht näher zu bringen; mit einem Wort: den grellen äußeren Contrast, der wohl in keinem Lande mehr als hier zwischen Jude und Nichtjude hervortritt, aufzuheben und zu entfernen. Wer mit den hiesigen Verhältnissen vertraut ist; wer von der, in Folge des nationalen Elends und der Unwissenheit der niederen jüdischen Masse, bei derselben eingerissenen, grenzenlosen Verwilderung*) der äußeren Erscheinung eine Ahnung hat; wer jene absonderliche, dem „Rebbe" abgöttische Anbetung zollende Secte der „Ehassidim" kennt, die mit ihren Stramels, Schubbezes und sonstigen barbarischen Kleidungsstücken, mit ihren mystischen Bartspitzen und in imponirender Länge hcrabwallenden Peies — hier allgemein Pfropfenzieher genannt — förmliche Caricaturen auf das Menschenthum abgeben, — der wird die Absichten, welche dem Ukas zu Grunde liegen, seinen vollsten Beifall nicht versagen können. Denn diese abnormen Trachten, dieses verwahrloste Aeußere, welches jedem ästhetischen Gefühl Hohn spricht, bildet allerdings, wie wir nun einmal nicht anstehen dürfen, offen auszusprechen, das Haupthinderniß einer größeren Annäherung der übrigen Bewohner des Landes, eines engeren Anschlusses an das Eulturleben des modernen Staates. Und daß namentlich gegen die letztgenannte Secte,**) Fesseln der Ab- und Ausschließung befreit, sehen wir ihn rasch zu derjenigen Stufe der Bildung und Gesittung, aller bürgerlichen Tugenden emporsteigen, aus welcher die civilisirten Völker nach langem Ringen und Arbeiten stehen." Corresp. *) Die sich gar noch auf religiöse Vorschriften deS Schulchan Aruch beruft! Corresp. **) Die Fassung des zweiten Theiles deS 5 des Ukas ist wohl geeignet, zu vielen Mißverständnissen Anlaß zu geben und dürfen wir wohl klareren Be- 14*

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