Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 14 (4.4.1871)
- Date
- 1871-04-04
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226798-3226813--29347-3252181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
271 stimmtheit verneint werden. Allerdings ist es sehr zweifelhaft, ob eine Veränderung der katholischen Diöcesen eintreten werde. Denn dies hängt vom Papste ab, und so weit man es in Erfahrung gebracht, hat dieser bereits jede Veränderung entschieden abgelehnt, ebenso wie z. B. der Fürstbischof von Breslau auch das österreichische Schlesien unter seinem erzbischöflichen Krummstab behielt. Frankreich und Deutschland werden demnach in finanzieller Beziehung Arrangements hierüber mit einander zu treffen haben. Mit der protestantischen Kirche und mit der Synagoge liegen aber die Dinge anders; hier hat der Staat allein daß Wort zu sprechen und kein Dritter, und da wird Deutschland zweisellos jede fremde Behörde ablehnen. Für die kirchliche Verfassung der Juden im Elsaß und Deutsch-Lothringen liegt also die Frage bei dem deutschen Reich. So weit man bis jetzt weiß, werden diese Provinzen ein deutsches Reichsland bilden; sie unterstehen dann dem deutschen Reichstage. Hinsichtlich der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden sie sich dabei bester befinden als die preußischen Israeliten. Denn sie unterstehen dem Bundesgesetze, das völlige Gleichheit ausgesprochen hat, ohne die preußisch ministerielle Interpretation und können jeder Zeit beim Reichstage selbst unmittelbar Beschwerde führen, während dies in Preußen zwar bei dem- Abgeordnetenhause geschehen kann, hier aber das ausgesprochener Weise judenfeindliche Herrenhaus cin nachdrückliches Wort mitzureden hat. Wir glauben daher, und wollen es glauben, bis Thalsachen dagegen sprechen werden, daß die gegenwärtige kirchliche Berfastung der Juden in den beiden Provinzen für die erste Zeit aufrecht erhalten werde;*) jedenfalls aber werden auch hier wegen des Wegfalls deS Eentralconsistoriums und des Pariser Rabbinerseminars einige Modificatiouen getroffen werden müsten. In Frankreich wird wahrscheinlich nur der CultuSetat verweigert werden, ohne damit den allgemeinen Instituten und dem Rechtszusiande der kirchlichen Berfastung der Juden irgend einen Abbruch zu thun. Allerdings wird es dadurch kommen, daß die Ausgaben des französischen Cultusetats nach der Kopfzahl der Israeliten berechnet, sich erhöht finden werden. *) S. die Corresp. „aus dem Hannöverschen" in dieser Nummer. X. 2. Die Lehrerseminare. Zu den dringendsten Bedürsnisten und zu den Anstalten, zu deren Subvention die jüdische Glaubensgemeinde auf Grund der bestehenden Berhältniste von Staats Seiten die berechtigtsten Ansprüche hat, gehören jüdische Lehrerseminare. Wenn durch die Errichtung einer jüdisch-theologischen Facultät der Wistenschaft des Judenthums und der Ausbildung der der jüdischen Theologie im Geiste und im Amte Beflistenen Genüge geschieht, so tritt hier das unmittelbare Bedürfniß der großen Maste für ihr religiöses Bewußtsein und Leben und für die Geistescultur derselben überhaupt in dringlichster Weise uns entgegen. Beleuchten wir hier zuvörderst die Bedürfnißfrage. Zwar wäre dies im Allgemeinen überflüssig, denn man kann sich ja an den Fingern abzählen, daß für alle Schichten des Volkes nichts nothwendiger ist, als der Lehrerstand, und daß hinwiederum ein tüchtiger Lehrcrstand ohne Lehrerbildungsanstalten nicht möglich ist. Allein es gilt doch, sich die Sache zum vollen Bewußtsein und zum klaren Lerständniß zu bringen. Giebt es doch oberflächliche Leute genug, welche meinen: der Staat hat ja Seminare genug, wozu also noch jüdische Anstalten? Diese Herren glauben sogar, ihre religiöse Freisinnigkeit zu erweisen, indem sie alle speeisischen Anstalten für die Juden perhorresciren. Jndeß religiöser Freisinn ist dies durchaus nicht, sondern nur eitle Nivellirungösucht und Mange? an wirklich religiöser Ueberzeugung. Der religiöse Freisinn liegt ganz wo anders, und ist gerade mit der Bethätigung für die eigene religiöse Ueberzeugung, jedoch ohne Fanatismus und Intoleranz und in Anerkennung und Achtung jeder anderen Anschauung, verbunden. Gehen wir zur Beantwortung der Bedürfnißfrage von dem unmittelbarsten Momente aus. Wir bedürfen vor Allem tüchtiger, wissenSreicher und gutgeschulter Religio nSl ehr er. Dies kann Niemand verkennen, der überhaupt von Religion noch etwas wisten will, und Gott sei Dank! das ist die unermeßliche Mehrheit. Wir glauben auch, daß Niemand den Grundsatz leugnen wird: jeder Lehrer muß mehr wisten, als er seinen Schülern zu lehren hat. Denn nur aus der Beherrschung des Stoffes heraus kann der Lehrer in genügender Weise das wählen und mittheilen, was er seinen 14*