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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-28 · Heft 13 (28.3.1871) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 13 (28.3.1871)
Date
1871-03-28
Page
Seite 267 (sequence 19)
Language
German
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267 schöpfend dargestellt ist. Sie werden vorübergehend vielfach berührt, ohne jedoch so treffende Vertreter zu haben, wie die Aufklärung, wie der Chassidismus. Es sind eine Art jüdischer Puritaner, die streng festhalten an jedem Worte der Schrift, der Bibel sowohl, als deS Talmuds, wie auch der später« Casuisten. Es sind eisige Männer, die jedes Gefühl, jede Handlung, jede Regung streng dem Gesetze unterordnen, und indem sie das Gesetz buchstäblich vollführen, dem Geiste desselben zuwiderhaudeln. Eine eiserne Consequenz beherrscht ihren, man könnte sagen, stoischen Charakter, und bei all der Genauigkeit, mit der sie die Gebote in sklavischer Weise erfüllen, schweben sie noch immer in Furcht, ihrer Pflicht nicht Genüge geleistet zu Haben, und das mit Recht, weil ihnen auf Schritt und Tritt eine Unzahl von Ge- und Verboten gegenübertritt. Man wäre fast geneigt ihnen jedes Gefühl, jede leidenschaftliche Regung abzusprechen, wenn sie nicht einen ebenso tiefen als heftigen Hast gegen den Chassidismus zur Schau trügen. Einer solchen Person, die recht dem Chassidismus als Gegenbild aufgestellt werden könnte, einem solchen starren und eisigen Charakter begegnen wir im Romane nicht. Eine Möglichkeit bleibt es allenfalls, daß der Lerfaffer uns einen solchen in nächster Zeit zeichnen werde, womit die Illustration der russischen Juden eine vollständige wäre. Das Jeschiwawesen in Rußland ist lebenstreu geschildert und der Verfasser hat hierin das Verdienst der erste zu sein, der uns mit diesen Institutionen bekannt macht und uns so vorzügliche Schilderungen von demselben liefert. In einigen Capiteln führt er uns durch diese Lehrhäuser und läßt uns den verschiedenartigsten Beschäftigungen der Schüler von der Nähe Zusehen. Bald erschallen die weiten Räume von der bekannten Talmudmelodie, es erbraust das Lehrhaus, wie das Meer vom Sturm getrieben. Der Stum läßt bald nach, die Wellen fliesten ruhiger und sanfter, das Tosen wird inuner schwächer und schwächer, nur einzelne Stimmen sind noch vernehmbar; bald sehen wir das Lehrhaus in eine Börse verwandelt, wo Jeder, der von seinen Lebensmitteln für diesen Tag etwas erübrigte, cs in der Dämmerungöstunde zürn Tagescurse feilbietet. Die Nacht brach heran und die Bevölkerung der Schule findet in diesen Räumen auch ihr Nachtlager. Alles liegt im tiefen Schlummer, kein Auge ist mehr wach, ein heftiges Schnarchen ertönt von allen Seiten. Eine düstere Finsternist ist über die Räume der Äeschiwa verbreitet, nur dort in einem Winkel zittert leise die Flamme der „ewigen Lampe" und zwei Schüler des Lehrhauses sitzen bei offenen Folianten und streiten bald über talmudische Lehrsätze, ergehen sich aber auch in andern Gesprächen, worunter Gespenstergeschichten ein Lieblingsthema sind. Noch einige Worte über die Sprache! Es ist ein biblisches, leichtfließendes Hebräisch, das von Germanismen und Judaismen fast frei ist. Es werden die volksthümlichen Ausdrücke mit trefflicher Meisterschaft in biblischen Wendungen wiedergegeben, ohne den Geist zu schwächen, ohne dem Ausdrucke die Spitze abzubrechen. Bald ist die Sprache schwungvoll, erhaben in hohen Bildern einherschreitend, bald stießt sie sanft und klar, wie die epische Erzählung. Bald ertönt sie gewaltig und heftig, wie die Sprache der Leidenschaft, bald sprudelt sie von herbem und heiterem Witz, und bald ist sie voll Ruhe und Plastik, voll Natur und Innigkeit. Bei den vorzüglichen Eigenschaften dieses Werkes hält es der Recensent für seine Pflicht, das „Institut zur Förderung der jüdischen Literatur" auf dasselbe aufmerksam zu machen, das nach reifer Prüfung entscheiden möchte, ob es nicht von Nutzen und Verdienst wäre eine Uebersctzung*) ins Deutsche veranstalten zu lasten. Es wäre eine üppige Pflanze moderner Literatur in orientalischer Hülle in den Boden des Nordenverpflanzt. Viele deutsche Leser würden über den Charakter und die Lebensweise ihrer Brüder in fernem Lande Auskunft und Belehrung erhalten. Es hätte aber auch für manche Gelehrte den Nutzen, daß sie sich nicht als den Mittelpunkt der Geschichte zu betrachten fortfahren und von ihrer eingebildeten Höhe von Allem, das außer ihrem Gesichtskreise liegt, wissentlich oder unwissentlich keine Notiz nehmen. Dr. Kimchi in Wien. Der Commllndant Franchetti. Wir entnehmen über den Heldentod dieses unseres Glaubensgenossen, der in Italien geboren war, etwas Ausführlicheres ans dem PariS-Journal: „Der Counnandant Franchetti hat seinen hervorragenden Platz auf den ruhmreichen Seiten, welche das goldene Buch der Verteidigung von Paris bilden werden. Der Counnandant Franchetti, welcher seinen Wunden erlegen ist, die er am 2. December in der Schlacht bei Villiers erhalten, war ein alter Soldat. Er war schon zehn Jahre im Dienste. Nach einem tapferen Kriegszug in Afrika machte er den italienischen Krieg mit, wo er an der Seite des Marschall Baraguay d'Hilliers verwundet wurde. Seit sechs Jahren mit der Tochter des Herrn Worms, eines unserer reichsten Wasfenhändler, verheirathet, hatte er den Militärdienst verlassen und sich mit seinem Schwiegervater associirt. Als er die Niederlagen unserer Armee erfuhr, erinnerte er fick, daß er Frankreich gedient habe und daß es seine Pflicht sei, auf's Neue für dasselbe zu kämpfen. Er wandte sich zunächst an den General Pa- Utao, um die Erlaubnis; zu erhalten, ein Corps dV-olairrturs zu schaffen. Der General Palikao, welcher gewiß *) Laut einer Mitteilung im „Hamagid" im Namen de« „Halarmel" sollen Uebersetzungcu ins Russische und Englische davon veranstaltet worden sein.

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