Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1871)
- Date
- 1871-03-28
- Page
- Seite 266 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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266 Und so führt uns der Roman noch mehrere wichtige Momente aus dem jüdisch-russischen Leben vor, die unsere höchste Theilnahme gewinnen, und Alles ist eng in und mit der Erzählung verflochten und verwebt. ES sind bis jetzt zwei Bände erschienen und ein Bogen vom dritten. Wahrscheinlich dürfte der Hauptheld in diesem Bande Rußland verlassen und sich nach dem cultivirten Europa begeben. So haben wir in kurzen Zügen den Hintergrund des Gemäldes dargestellt, und wollen nun Einiges über die Charaktere erwähnen, die auf diesem aufgetragen sind. Die Charaktere sind im Allgemeinen streng durchgeführt; ihre Handlungsweise fließt aus ihrer Art die Tinge aufzufassen. Sie sind nicht schwankende Schaumgestalten, nicht vage Gebilde der Phantasie; sie sind aus dem Leben gegriffen und ihres individuellen Wesens entkleidet, mn als Typen ähnlicher Gestalten hier verwerthet zu werden. Erlauben Sie mir einige Charaktere in leichten Umriffen zu entwerfen. Joseph aus M. ist ein weiches, empsindsames Ge« müth, seine Phantasie ist stark und lebhaft. Früh sich selbst überlassen, wird in ihm der Gedanke früh geweckt und gereift. Seiner Seele schweben keine hohen Ideale vor; er gehört mehr der Wirklichkeit an, läßt aus sich Zeit und Umstände wirken, und hat nicht jenes gigantische Bestreben, gegen die Zeit zu kämpfen und über dieselbe zu siegen. Er wird leicht, in seiner Jugend wenigstens, beeinflußt, aber der Einfluß ist nicht sehr tief. Er läßt sich von dem Geschicke stoßen und handelt fast wider seinen eignen Willen. Und so ein Charakter war als Hauptheld nothwendig, weil nur ein solcher die entgegengesetztesten Lebeusverhältniffe durchleben und widerspiegeln kann, während ein kräftiger angelegter, energischer Geist über die Zeit sich hinwegzusetzen strebt und daher diese in ihm nicht klar, sondern gebrochen abgebildet erscheint. Die beiden Freunde Josephs (Dan und Gideon) greifen tief in das Ganze des Nomanes ein. Beide stehen geistig höher als der geschilderte, beide sind entschiedenere Charaktere, beide von dem Drange des Wissens erfaßt, den nur Derjenige kennt, welcher längere Zeit in Finsternissen wandelte. Es ist ein geistig Ringen, das alle Gefühle sich unterordnet, jede Grenze überschreitet und aus der engen Sphäre hinauöstrebt. Beide sind die Schüler eines ehrwürdigen, tief gebückten und vom Leben tief gebeugten Greises. Er war es, der das heilige Feuer in ihrer Brust anfachte und ihnen das Licht des Wissens und der Wahrheit zeigte. So weit sind beide übereinstinnnend. Im klebrigen divergiren sie völlig. In dem Gemüthe des Einen hat neben dem Wissensdurst eine andere heftige Leidenschaft Platz gegriffen, die jenen zu bewältigen, zu dämpfen droht, wenn auch ganz nicht zu ersticken verinag. Es ist eine tiefe Bitterkeit gegen die Gesellschaft, gegen die Menschheit. In früher Kindheit hatte er das Glück noch kennen gelernt, er hatte sich noch des friedlichen Familienlebens seiner Aeltern erinnern können, aber auch in zarter Jugend sein väterliches Haus in einer erschütternden Weise zu Grunde gehen sehen — zu Grunde gehen durch die Ränke und Bosheit der chassidistischen Parteigänger und ein Gefühl, ein Gedanke, erfüllt sein ganzen Wesen — die Rache! So der Eine. Den andern hingegen umschwebt eine sanfte Milde, eine Weichheit der Seele; er gehört zu den glücklich angelegten Naturen, die sich mit dem Leben versöhnen, wenn sich auch das Leben mit ihnen nicht versöhnt. Er hat von seinem Lehrer (Jedidja) nicht blos den Wissensdurst, sondern auch die Sanstmuth geerbt. So könnten wir noch eine Menge Charaktere aus diesem Romane zeichnen, die nicht blos nominell eingeführt sind, weil einmal handelnde Personen nöthig sind. Es ist jeder lebenswarm dahingestellt, plastisch gezeichnet. Es wäre ermüdend, wenn auch für den Psychologen nicht unintereffant, die Mannigfaltigkeit und Buntfarbigkeit von Gestalten zusammenzustellen, die dieses Werk in einem so geringen Volumen aufweist, und dabei bleibt der Leser, wenn auch nicht übermäßig gespannt, so doch geistig rege und voll Theilnahme. Was aber diesem Werk besondern Werth verleiht, sind die ethnologischen Schilderungen und die Sittengemälde, welche auf Selbstansckauung und auf tiefer Kenntniß der russischen Zustände beruhend, mit meisterhafter Geschicklichkeit entworfen sind. Es ist eine reiche Quelle zur Erkenutniß des Judenthums überhaupt und des russischen insbesondere. Das jüdische Volksleben in Rußland ist so trefflich wiedergegebcn als nur möglich. Wir werden in das Familienleben eingeführt und finden hier eine Mannigfaltigkeit, die erstaunenswerth ist. Hier lebt eine Familie in innigster Eintracht, in liebevollster Hingebung aneinander, eine wundervolle Seelenharmonie durchfließt ihr ganzes Wesen; dort ein listiges, ränkevolles, habsüchtiges Weib, die ihren Gemahl zwischen ihren Krallen hält und ihn bezwingt durch die Macht des „Rabbi", der zu lösen und zu binden weiß. Dort wieder eine sauftmüthige Frau, von Gesundheit schwächlich und zart, die ein im Grunde gutmüthiger, aber harter und strenger Mann tyranuisirt. Und diese Personen sind in ihrem inneren Wesen und in ihrer äußern Erscheinung ganz übereinstimmend, ganz aus dem jüdischen Volksleben gegriffen! Es werden Lehrer (ir-nzV::) verschiedenen Schlages vorgeführt; der eine fanatisch und bösartig, ja grausam, ein anderer sanft und einfältig; wieder ein anderer läßt sich eigentlich nicht recht desiniren und kann man sich den besten Begriff von ihm machen, wenn man sich gewisser Shakespearischer Personen erinnert mit ihrer unverwüstlichen Sprechlust, die Alles berührt, nur nicht den eigentlichen Kern der Sache. Der Chassidismus ist besonders sorgfältig ausgeführt, ja, ich möchte sagen, nach allen Seiten beleuchtet, wogegen das Wesen der sogenannten Mißnägdim nicht er-