Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1871)
- Date
- 1871-03-28
- Page
- Seite 265 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine 'Feuilleton-Beilage )\i Nr. 13. Leipzig, den 28. März 1871. Ethnologische Bilder ans \ Die Erkenntlich der volksthümlichen Eigenartigkeit des Judenthums ist noch sehr unvollkommen, weil einerseits die räumliche und zeitliche Ausbreitung dieser Station einzig in der Geschichte dasteht, andererseits ihre steten geistigen und socialen Beziehungen zu andern Böllern die Ergründung ihres eigentlichen Wesens sehr erschweren. Es müssen viele gründliche Vorarbeiten vorangehen, welche alle Erscheinungen des jüdischen Geistes beleucht ten, das Fremdartige als solches ausscheiden und den eigentlichen Kern genau markirt darstellen sollen, um zum Ausbau jener Wissenschaft reiche Materialien zu liefern, welcher Dr. Iellinek in seiner trefflichen Schrift „der jüdische Stamm" die Bahn eröffnete. Einen solchen Beitrag aus dem jüdisch-russischen Wellen liefert uns ein Roman*), welcher in hebräischer Sprache verfaßt ist , und wir halten uns deshalb für berechtigt die Aufmerksamkeit der jüdischen Lesewelt auf ihn zu lenken, umsomehr als derselbe auch als Roman, nach unserer Meinung, den besten unserer Zeit an die Seite gesetzt zu werden verdient. Rußland, dem halb barbarischen, halb civilisirten Reiche, wo keine Loraussetzungen der Bildung auf einzelne Individuen von sicherer Entscheidung sind, entstammen alle seine Helden. Um jeden bestimmten Einfluß von älterlicher Erziehung von dem Haupthelden zu entfernen, wählt der Verfasser als solchen eine Waise, die schon in frühester Jugend jeder Leitung beraubt und ganz sich und dem Leben anheimgestellt wurde. Diese Tendenz ist bald am Anfänge des ersten Bandes in folgender, sehr charakteristischer Weise ausge sprachen: „Eine große Schule ist das Leben. Der Mensch tritt mit seinen wilden ungezähmten Trieben in dasselbe, aber die treffliche Lehrmeisterin, die Zeit, gewohnt ihn endlich *) Hallux" luu'hiiiiu „Lcbcnöirruugcn" von Pctcr Smolensky. Dieser Roman erscheint in der vom Verfasser r< digirteu Monatsschrift Haschachar im l. u. II. Jahrgang. ihren Lehren Gehör zu schenken, und ihr zur Seite die Mühsale und Plagen des Lebens, welche-den Menschen allseits umgeben und ihn klug und erfahren zu machen suchen. In dieser Schule werden die Zöglinge nicht sanft und milde behandelt; da werden sie gezüchtigt, ja bitter gezüchtigt. Rur durch Mühsal und Kummer werden die Lehren erkauft und nach dem Grade der Züchtigung ist der des Wissens. Eitele Prahlerei ist es von. Euch, Ihr Günstlinge des Geschickes, denen das Glück huldvoll lächelt, wenn Ihr vorgebt weise zu sein und für jede Härte des Lebens Auskunft zu wissen glaubet! Wartet nur, es kommen die Tage der Prüfung, es kommen die Examinatoren, die Fähigkeiten der Schüler auf die Probe zu setzen, dann wird es klar werden, wie weit Eure Kräfte reichen!" — Also einen Zögling, oder vielmehr Zöglinge aus der großen Schule des Lebens führt uns dieser Roman vor. In der Form der Selbstbiographie läßt ■ der Verfasser eine Waise ihre Lebensereignisse erzählen, und in dieser Art ist es ihm möglich seinen Helden, der von den Schicksalsmächten durch das Leben gezogen wird, uns in den mannigfachsten Lebensverhältniffen zu zeigen. Bald sehen wir ihn mit einer Bettlerhorde einherziehen, die durch den niedern Stand der Cultur einer- und den milden Sinn der jüdischen Bewohner Rußlands andererseits in jenem Reiche eine Landesplage bilden; bald begleitet er einen betrügerischen Wunderinann, der seine Praxis der Thorheit und der Leichtgläubigkeit zu verdanken hat. Wir folgen ihm nach Odessa, jener Stadt am schwarzen Meere, wo die russiche Bildung und Barbarei in höherer Potenz neben einander weilen. Wir begleiten ihn auch auf seinen Wanderungen durch die kleinen Städte Rußlands, wo uns der Chassidismus und der starre Talmudismus in vollen Gegensätzen ausgeprägt erscheinen. Es wird uns das jüdisch-russische Borbetcrthum (Chazanim) mit seiner Leichtlebigkeit und Frivolität vorgeführt, welches jedes religiöse Gefühl mißachtet und verletzt. Wir treten in die Schulen der Jugend (ir-nn), in die Lehrhäuser der Erwachsenen und werden mit dem ganzen Wesen derselben vertraut gemacht. Es wird uns ein schauerliches Bild deö früheren russischen Rekrutirungswesens gezeichnet.