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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-28 · Heft 13 (28.3.1871) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 13 (28.3.1871)
Date
1871-03-28
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
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252 vat- und öffentlichen Tugenden, als das Versinken in Atheismus, Luxus, Wollust, dem Gostendienst des Scheins und der Eitelkeit, in den Verlust aller Familientugenden, in den Materialismus, der nichts als Erwerb und Genuß kennt, in das Verleugnen alles Göttlichen, der Unsterblichkeit, der höheren Bestimmung des Menschen, hält er seiner Nation einen Spiegel vor, den er mit dem Lichte echter Religion und wahrer Philosophie beleuchtet. Die Rettung des französischen Volkes und Staates erkennt er nur in der Umkehr, in der Rückkehr zur Gerechtigkeit und Tugend, zur wahren Frömmigkeit des Herzens und des Wandels. Diese kurze Charakterisirung wird genügen, um die völlige Verschiedenheit in Tendenz und Wesen bei dem französischen Prediger und Kirchenfürsten von jenen deutschen klar zu machen. Freilich wollen wir hiermit nicht sagen, daß auch der Erzbischof von Reims nicht manche Ansichten vorträgt, die uns wenig anmuthen, und daß er nicht gar selten in Widerspruch mit sich selbst verfallt, wie wir alsbald sehen werden. Wenn er z. B. das Gebet, das immer wiederholte Gebet als ein Mittel bezeichnet, um den strafenden Gott zur Barmherzigkeit zu zwingen, wozu sich denn gezwungen zu sehen der liebe Gott sich freut, so werden wir dies bei all' dem unerschöpflichen Werthe, den wir dem Gebete beilegen und den Jeder von uns in sich selbst erfährt, doch dem wahren Begriffe von Gott widersprechend erkennen.*) Wir sehen es dem kathol. Kirchenfürsten nach, wenn er die Schrisen de8 Alten Testaments ganz als „christliche" behandelt und z. B. Ideen aus dem Buche Daniel, Sprüche, die er aus Jesaias und Jeremias zieht, den Atheisten gegenüber als „christliche" Ideen und Sentenzen bezeichnet, wenn er daher auch all' die Tugenden, welche das Judenthmn in Vorschriften formulirt und zu Gesetzen ausgeprägt hat, die „christlichen Tugenden" nennt, obschon er gerade diejenigen, welche als specifisch christliche vom Christenthume hinzugesügt worden, wie „die Tödtung des Fleisches," die Geringschätzung alles Irdischen und Weltlichen und die demüthige Selbstverachtung, unerwähnt läßt, und in *) Der Redner will dies aus Ezechiel 22, Zu erweisen. Hätte er aber den Vers im Zusammenhangs verstanden und 13, 5 verglichen, so mußte er einsehen, daß hier gar nicht von Gebet die Rede, sondern von einem Propheten der das Volk zum Recht und zur Wahrheit zurückführe und durch diese Umkehr des Volkes das göttliche Strafgericht abwende. echt jüdischer Weise den mäßigen Genuß, begleitet vom Dank gegen Gott, wiederholt belobt, wie die jüdische Satzung jeden solchen Genuß mit einer Benediction, d. i. mit einem freudigen Dankgebet gegen Gott, den Geber, begleitet — wir sagen, wir sehen dies dem katholischen Kirchenfürsten nach, denn wir sind es zu sehr gewohnt, von christlicher Seite das Bedeutendste aus dem Judenthume entlehnt zu sehen, und sind schon froh, wenn nicht obendrein dasielbe Judenthum geschmäht wird. Was wir aber entschieden zurückweisen, ist, daß der Rednerwiederholt außspricht, daß der Verlust aller dieser Tugenden, den er als die Ursache des Unglücks seiner Nation betrachtet, .erst „seit einigen Jahren" eingetreten, und bis dahin dieselben in der Uebung gewesen sein läßt. Das gesammte Mittelalter und die neuere Zeit, mit Ausnahme der „letzten Jahre", als ein Zeitalter der Tugendhaftigkeit, der Treue, des Friedens und der Frömmigkeit ausgeben zu wollen, ist doch eine völlige Verwirrung aller geschichtlichen Wirklichkeit, welche uns lehrt, daß die Rohheit, Lasterhaftigkeit, Wildheit und Treulosigkeit niemals ärger, als im Mittelaller, die wüsten Kämpft mehr die Sache aller Tage und der Friede nur eine seltene Ausnahme gewesen, und daß wir, trotz der Erfahrungen des letzten Krieges, die Abnahme jener Laster und die Zunahme jener Tugenden progressiv mit der Entwickelung der Zeiten gewahren. — Aber noch eine Seite müssen wir rühmend an jenen Reden hervorheben. In einer, in voriger Woche gehaltenen Fastenpredigi des Doctorand Wiefinger in Wien — wenn wir nicht irren, Redacteurs der „Wiener Kirchenztg." — sagte dieser ipsissimis verbis: „Gemeine U ebelthäter und Verehrer deö weisen Plato sind gleich, stehen auf Einer Stufe als Christusfeinde. Beten wir zum heiligen Nothhelftr Blasius, daß er uns von diesem Scheusal, das sich Intelligenz benamset, erlöse." Nun, wäre der Herr Erzbischof von Reims unter den Zuhörern des Herrn Wiesinger gewesen, wie hätte er sich schämen, wie zerknirscht sich für einen Ketzer halten, für einen „gemeinen Uebelthäter" ansehen müssen — denn in seinen Discours giebt er sich für einen „Verehrer des weisen Plato" zu erkennen. Der Erzbischof, in der Aufrichtigkeit seines Strebend, seine Nation zu bessern, sagt nämlich, daß die Atheisten ihm einwenden würden, alle diese Ideen und Lehren seien nur christlich, Erzeugnisse des Mittelalters; er will ihnen daher das Gegentheil beweisen, ihnen zeigen, daß die wahre Philosophie der antiken Welt völlig damit überi

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