Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1871)
- Date
- 1871-03-28
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Parteien wird, und daß diese immer wieder sich der Staatsgewalt zu bemächtigen suchen, um ihre (Gegner zu unterdrücken. Die katholischen Bischöfe rufen den weltlichen Arm an, wo ihre geistliche Autorität nicht ausreicht, die Gegner der päpstlichen Unfehlbarkeit aus den kirchlichen und Lehr-Aemtern zu beseitigen. Tie protestantischen Pietisten ziehen in die Cnltus- und Unterrichtsministerien ein, um ihre Dogmen in Kirche und Schule zur Alleinherrschaft zu bringen. Da endlich, wo die Orthodoxie die weltliche Macht nicht mehr für sich zu gewinnen vermag, wendet sie sich an die Masse, und sucht diese zum Fanatismus aufznstacheln. Wie diese Dinge im Augenblicke in den verschiedenen europäischen Staaten liegen, ist höchst interessant zu beachten. In der pyrenäischen Halbinsel ist gegenwärtig der kirchliche Einfluß so gut wie ganz erloschen, und die Parteien sind dort rein politischen Charakters: Republikaner oder Monarchisten, die letzteren in verschiedenen Fraclionen. In Italien regt sich die kirchliche Partei eigentlich nur noch in Rom, wo die eben gestürzte Herrschaft noch einen bedeutenden Niederschlag eifriger Anhänger zurückgelassen, denen sich die schwankende Masse wohl immer wieder einmal zuwenden könnte. Die kirchliche Partei hat in Oesterreich jeden Einfluß auf den Staat verloren; während aber in Ungarn und seinen Nebenländern die katholische Kirche sich gemäßigter Oberhirten und eines besonnenen Klerus zu erfreuen scheint, die übrigen Confessionen eine autonome Verfassung besitzen oder erstreben, unterläßt es in West Österreich, wo die katholische Kirche so sehr überwiegt, der Klerus nicht, alle möglichen Versuche, die Masse zu fanatisiren, zu machen, bis jetzt nur sehr theilweise mit Erfolg, wie in der Schulsrage in Tyrol. Ganz anders verhält es sich in Frankreich. So kräftig in der französischen Nation die Staatsidee, also die staatliche Einheit Frankreichs dominirt, so geht doch ein tiefer Riß durch die ganze Nation, eine Zwiespältigkeit, welche als die eigentliche Ursache der furchtbaren Erschütterungen und Wandelungen, die Frankreich seit 178!) erfahren hat, anzusehen ist. Und diese Spaltung beruht ebenso sehr auf politischer wie religiöser Verschiedenheit. Das Volk der großen und größeren Städte ist republikanisch und antikirchlich, ja atheistisch durch und durch; das Landvolk ist monarchistisch und klerikal. Tie beiden Richtungen in ihrem schroffen Gegensätze bekämpfen sich unaufhörlich, erlangen abwechselnd den Sieg, wüthen dann, mit der politischen Gewalt ausgerüstet, gegen einander, bis immer wieder eine starke Hand erscheint, welche, beide im Zaum haltend, aber auch beiden schmeichelnd, eine Pause eintreten läßt, die jedoch nur dazu dient, beide Parteien durch möglichste Wühlereien wieder aufwachsen zu machen. So verhielt es sich in der ersten Revolution, unter Napoleon 1., der Restauration, den Revolutionen von 1830 und 18-18, dem Julikönigthum und Napoleon III., und so verhält es sich in diesem Augenblicke, wo die Republik anscheinend besteht, obschon die Monarchisten die Mehrheit in der Nationalversammlung besitzen, und wo der Kampf zwischen Republik und Monarchie erst recht beginnen wird, dessen AnSgang um so schwieriger vorauszusehen ist, als die Republikaner in blaue und rothe, die Monarchisten in Legitimisten und Orleanisten zerfallen. Durch diese Betrachtung gelangen wir nunmehr zu einer Skizzirung, welche wir in unserem heutigen Artikel vornehmlich beabsichtigten. Durch eine günstige Vermittelung liegen uns zwei in einer Broschüre erschienene Predigten des E r z L i s ch o f s von R e i m s vor: l’ensees ehretiennes sur les evenements. Discours prononces;i la catliedrale, les 3e et les le Dimanclies de Tavent 1 870 par Mgr. rarcheveque de. Reims. Reims 1871 Zugleich liegen uns die Hirtenbriefe mehrerer deutscher und österreichischer Bischöfe und die Berichte der Wiener Blätter über dort gehaltene Fastenpredigten vor, Berichte, welche ohne jede kritische Bemerkung nur den Eharak- 1er und Inhalt jener .Kanzelreden wiedergeben und die Worte der Redner selbst oft genug anführen. Dies fordert wie von selbst zu einer Vergleichung auf. Führwahr, sollte man ans diesen Erzeugnissen der Kanzel, die doch jedenfalls auf die Zuhörer berechnet sein müssen, auf den Standpunkt dieser schließen wollen, in welchem Lichte müßte das deutsche Volk den Franzosen gegenüber erscheinen! In diesen deutschen Hirtenbriefen wie in den Fastenpredigten weiß man nicht, ob man mehr die Armulh des Geistes oder die Geschmacklosigkeit des Ausdrucks bedauern soll. Da herrscht eine Gehässigkeit der Gesinnung, eine Verketzernngßsucht, eine blasphemisirende Verlästerung, namentlich in diesen Fastenpredigten vor, welche alles Maß übersteigen und der gewöhnlichsten Bildung Hohn sprechen, ja wir müssen sagen, eine Irreligiosität und Unsittlichkeit ist darin ausgeprägt, die bis zur Verwilderung reicht. AlleS, was Wissenschaft und Intelligenz heißt, wird mit Koth beworfen, was Recht und Tugend ist, ohne den kirchlichen Flitter mn sich zu tragen, was gegen Verdummung und