Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1871)
- Date
- 1871-03-21
- Page
- Seite 247 (sequence 19)
- Language
- German
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247 {jein, daß Jokul zurückstolperte und Mühe hatte, seinen Schmerz zu verbeißen. „Komm mir nicht so nahe, Mensch/' rief der Russe aus, „ich kenne dich und deine Absichten nicht, was willst du?" „Ich will in die Dienste unsres glorreichen Kaisers treten, den Gott erhalte." Der Oberst sah sich den Mann genauer an und seine Musterung siel nicht gerade nachtheilig aus; die Eigenschaften, die an der ganzen äußern Erscheinung Iokuls erkennbar waren, mußten dem russischen Beamten als brauchbar Vorkommen, denn nach einigen Augenblicken richtete er die Frage an Jokul: „Was wären das für Dienste?" „Ich kenne hier Land und Leute, hier und in der ganzen Umgegend auf's Genaueste, jeden Weg und Steg, was über und unter der Erde sich befindet, kenne die Vergangenheit jedes Einzelnen, viele Meilen in der Runde und weiß darüber Rechenschaft zu geben." Diese Antwort wurde von dem Russen wohl verstanden, und sie gefiel ihm ausnehmend, da darin so klarausgesprochen war, was doch mit keiner Silbe berührt war. Er erkannte, daß dieses Subject nützlich werden könne. Er griff in die Tasche und warf dem Polen zwei oder drei Silberrubel zu, die klirrend auf den Boden sielen und die jener emsig auflas. Er fügte hinzu: „Geh, und sag dem Kosaken, wo du zu finden seist. Erwarte meine Befehle und nach den Diensten, die du leisten wirst, sollst du bezahlt werden. Im Falle der geringsten Zweideutigkeit erhältst du eine Kugel aus meiner Pistole oder einige Lanzenstiche meiner Kosaken. Geh, ich werde mich deiner erinnern." Äokul ging; der Handel war geschloffen, der Pole in die Dienste, sagen wir nicht des Zaren, sondern des Bezirksobersten getreten. Spion brauchte er wohl nicht erst zu werden, denn er hatte in den verflossenen Jahren nichts anderes getrieben. Der Oberst berief ihn bald wieder zu sich und Jokul erschien jetzt in besserer Kleidung und weniger verwildertem Aussehen. Jokul verbarg seinen Landsleuten seinen gegenwärtigen Beruf durchaus nicht: vielmehr machte er ihnen bemerkbar, daß er Unterschiede mache, und den Einen aus mancher Verlegenheit helfen könnte, während er die Andern in's Verderben brächte. Diese Unterschiede machte er nach den Vortheileu an klingender Münze oder au Raturalien, die ihm daraus erwuchsen, und bei welchen er die Geplünderten so geschickt zu verwickeln wußte, daß sie an eine Denunciation nicht denken konnten, ohne sich selbst anzuklagen. O, Jokul hatte viel gelernt, seitdem er das brennende Dorf verlassen. So war er bald ein gefürchteter Mann und die Besorgnis; vor ihm wuchs im Hause Korefs. (Fortsetzung folgt.) Isaak ^owosiy^^ Wer ist jener Mann? höre ich so manchen fragen, man hat doch niemals etwas gehört von diesem Manne. Wohl hat man von ihm nichts gehört, weil er das Unglück hatte zu jenen Gelehrten zu zählen, denen die Gabe fehlte, ihre Gelehrsamkeit, ihr großes Wissen praktisch zu verwerthen. Seine Anspruchslosigkeit und seine grenzenlose Bescheidenheit blieb unberücksichtigt, weil er seinem Exterieur nicht jenen Aplomb zu verleihen wußte, mit dem mau in der jetzigen „Welt des Schwindels" auftveten muß. Geboren in Prag am 10. October 1808, absolvirte er seine akademischen Studien, wo er im Jahre 182b zum Doctor der Philosophie promovirt wurde. Durch eine Trauerrede, die er hier nach dem Hinscheiden Kaiser Franz 1. im Jahre 1835 gehalten, trat er zuerst in die Oeffeutlickkeit, er erhielt dafür ein ehrendes Schreiben aus der kaiserl. Hofkauzlei und einen namhaften Geldbetrag, den er, der Uneigennützigsten Einer, zu einer wohlthätigen Stiftung verwendete. Die Fesseln, welche damals noch die Juden und das Judeuthum umschlangen, verleideten ihm den Aufenthalt in seiner Heimat und er zog nach Königsberg, wo er fast zehn Jahre, mitunter auch kurze Zeit in Berlin gelebt, und in ein geistiges Büudniß mit dem Hegelianer Rosenkranz, mit Alexander Jung, mit dem Geschichtsschreiber Saalfeld und anderen hochgebildeten Männern getreten. Das Berhältniß mit den beiden ersten Gelehrten währte bis zu seinem Tode. In Königsberg sammelte er seinen größten Wissenoschatz, wo er sich aber auch Betrachtungen hingab, die ihn sehr oft in bitterster Weise enttäuschten, abgesehen davon, daß er daselbst sehr für seine Existenz zu kämpfen hatte. Sein Hauptstudium richtete er auf die Religionen aller Völker, und die Religions- Philosophie war das Gebiet, auf dem er sich mit Vorliebe bewegte. Jede Religion achtete er, selbst die Fetischanbeter, nur die Gottlosen waren ihm verhaßt, er selbst stand dabei auf dem Boden des eonservativen Judeuthums, und kam seinen Observanzen mit aller Strenge nach. In Königsberg erschienen von ihm viele philosophische Brochuren, seine erste und ausführlichste war: „Zur Charakteristik des Religionswechsels". Im Jahre 1852 wurde er zum Lehrer der Religion an den Mittelschulen berufen, nachdem damals Professor Wessely diese Stelle aufgegeben; allein auch er mußte diese Stelle bald aufgeben, seine Gestalt war zu wenig empfehlend, sein Vortrag zu wenig fließend, und wurde auch nur von Wenigen verstanden, diesen aber ist er unvergeßlich geblieben. So lebte er denn zurückgezogen von den kargen Ertrag- ') Durch Unpäßlichkeit des Referenten verspätet eingcschickt.