Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1871)
- Date
- 1871-03-21
- Page
- Seite 246 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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246 kümmert sich Niemand; aber was Ihr gethan, das muß Euch den Hals brechen. Und dann, ich bin Christ,' mein Zeugniß ist glaubhaft; Ihr seid Jude, Ihr wißt, Euer Zeugniß gilt vor Gericht nichts." „Mag sein; ich aber sage Euch, die Schlinge, die Ihr mir um den Hals werfen wollt, faßt Euren Nacken; ich werde meinen Kopf herausziehen, aber der Eure bleibt darin stecken." ' „Das braucht Euch wenig zu kümmern. Kurz, wollt Ihr inir die tausend polnischen Gulden geben, und zwar auf der Stelle? Dann soll mein Mund über diese böse Geschichte auf ewig stumm sein. Wo nicht, so gehe ich geraden Weges zum Bezirksobersten." „So will üf) Euch etwas mit aus den Weg geben," sagte Koref. „Wenn "'.ein Zeugniß nichts gelten sollte, so bringe ich daS Zeugniß eines Andern bei, der auch etwas davon weiß. Ich meine den Fürsten Schuwalof, den Obristen des fünften Ulanenregiments. Das war der verwundete Ofsicier, dessen Geld, Uhr und Ringe Ihr haben wolltet. Ihr werdet sagen, der ist vielleicht todt und aus dem Kriege nicht zurückgekehrt. Aber mein Schwager hat ihn selbst nach Milan gebracht, wo er mit Jubel empfangen wurde, und von wo er wieder zu seinem Regiment ging. Seht, da giebt es noch viele glaubwürdige Zeugen. Ihr staunt? Ja, das sieht Euch ähnlich. Ihr könnt nicht begreifen, wie man einen Verwundeten, der Geld, Uhr und Ringe bei sich trägt, und sich nicht zu wehren vermag, leben lasten kann, Dafür seid Ihr Pole, und ich Jude. Ich habe ihn nicht gelobtet, sondern am Leben erhalten, und mein Leben selbst für ihn eingesetzt; ich habe ihn gepflegt und gerettet. Wer weiß, wie er es mir einst lohnen wird." Iokul war jetzt wirklich niedergedonnert. Er hatte so sicher darauf gerechnet, den Juden durch das Mitwisten jener vorausgesetzten Frcvelthat geschmeidig zu machen; und ihm nach und nach immer mehr auszupressen, er hatte seinen Plan so fest hierauf gebaut und war seiner Sache so gewiß gewesen, daß ihn das Mißlingen wie ein Blitzstrahl traf. Koref weidete sich an der Demüthigung und der völligen Ratlosigkeit seines Gegners. Doch der geriebene Pole erholte sich und sprach, freilich in ganz anderem Tone wie vorher: „Nun, Koref, so gebt mir wenigstens hundert Gulden, um meine Hütte wieder zu bauen und etwas anzufangen; gebt sie mir ans alter Bekanntschaft. Ich werde sic Euch zurückzahlen, und gebe Euch die Hütte zu Pfände, die ich bauen werde." „Wenn sie fertig sein wird, werdet Ihr sie mir schwerlich zinn Pfände geben, ohne daß ich das Geld noch einmal zahle. Ja, wenn Ihr zu mir gekommen wäret, ohne Eure lügnerischen Drohungen, und hättet mich einfach gebeten, Euch hundert Gulden vorzustrecken, ich hätte es gethan; Ihr wißt selbst, Ihr wäret nicht der Erste gewesen. Jetzt aber darf ich sie Euch nicht geben, denn Ihr würdet fortgehen und denken, der Jude hat doch etwas auf dem Gewissen, sonst würde er mir keine hundert Gulden geliehen haben; und Ihr würdet so lange spintisiren und spioniren, bis Ihr eine neue Lüge gegen mich gebrütet. Daß würde mein Dank sein." Der Pole stampfte mit dem Fuße, knirschte mit den Zähnen, hob die geballte Faust gegen Koref und zischte die Worte heraus: „Gut denn, Ihr sollt meine Feindschaft fühlen!" Damit wandte er sich und ging zur Thüre hinaus. Von der andern Seite trat Röchele herein; ihr schönes Gesicht drückte Besorgniß aus. Koref bemerkte dies und sagte: „Rächele, habe ich nicht recht gethan?" Sie antwortete: „Freilich hast du recht getban, Koref; an diesen schlechten Menschen wäre Alles weggeworsen gewesen. Aber ich fürchte doch, daß er uns vielen Schaden verursachen, oder doch Unannehmlichkeiten und Mühen bereiten werde. Er ist zu Allem fähig, und in diesem Lande vermögen List und Tücke gar viel." Koref suchte sein Weib zu beruhigen, aber er theilte selbst diese Befürchtung. — Unterdessen ging Iokul durch das Dorf, bis er an die Straße kam, die er überschritt. Am andern Rande derselben sah eS 'jetzt anders aus als früher. Ein weiter Strich des Waldes war abgeholzt und ansehnliche Gebäude an dessen Stelle gesetzt. Zunächst zeigte sich ein großes zweistöckiges Haus, an welches sich ein Gemüse- und Obstgarten schloß, weiterhin ein längliches einstöckiges Bauwerk. Dies war der Sitz des russischen Bezirksobersten, der seine Residenz in diesem Dörfchen aufgeschlagen, weil es im Mittelpunkte seines weiten Bezirkes, der fast bis zu den Thoren von Polotzk reichte, lag. In dem länglichen Bau waren Wohnungen für ein Dutzend Kosaken und Ställe für ihre Pferde. Die Kasernen des Kosakenregiments lagen einige Stunden weiter hinaus in einer Gegend, deren unruhige Bevölkerung man hierdurch in Schranken halten wollte. Vor der Thür des Hauses lehnte ein Kosak, und an diesen wandte sich der Pole, eine Audienz bei dein Herrn Obersten erbittend. Der Kosak sah den zerlumpten Polen mit verächtlichen Blicken an, und regte sich lange Zeit nicht. Als aber der Pole in russischer Sprache und nachdrücklich verlangte, angemeldet zu werden, ließ der Kosak ihn stehen und ging in's".Haus, kehrte aber bald wieder zurück und winkte dein Polen. Er wurde vor den Bezirksobersten gelasten, der in einem luxuriös, aber geschmacklos ausgestalteten Gemach beim Frühstück saß. Es war ein echter Sarmate, eine gedrungene untersetzte Gestalt mit breitem, rundem Gesichte, aufgeworfenen Lippen, Stulpnase, kleinen langgeschlitzten Augen und niederer Stirn. Das Gesicht verrieth, daß bei nicht geringer Verschmitztheit und vieler Herrschsucht die Leidenschaft für sinnliche Genüste in diesem Menschen die Oberhand hatte, und daß er besonders eine beträchtliche Quantität von Wein und Wisky wahrend seines vergangenen Lebens beansprucht hatte. Der Pole verneigte sich tief vor ihm, erwischte den Zipfel seines Gewandes, um es zu küssen. Der Russe aber gab ihm mit dem Fuße einen Stoß vor das Schien-