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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-21 · Heft 12 (21.3.1871) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 12 (21.3.1871)
Date
1871-03-21
Page
Seite 245 (sequence 17)
Language
German
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* llgemelne Femlleton-Mlage )u Nr. 12. Leipzig, den 21. März 1871. ♦ Das Jndendorf in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. .(Fortsetzung.) Koref befand sich in seinem Hause. Aber es waren bereits einige Jahre verflossen. Kaiser Alexander war längst von seinem Triumphzuge in die große Seinestadt nach seiner Residenz an der Newa zurückgekehrt, während der französische Kaiser auf dem fernen Felseneilaud in der Gefangenschaft seinem Tode entgegenschmachtete. Nächele hatte ihrem Manne noch zwei Kinder geschenkt, aber sie war nur schöner und stattlicher geworden. Die Natur hatte sie dazu bestimmt und belohnte sie dafür. Koref war in der geräumigen Stube beschäftigt, in welche man durch die Hausthüre eiutrat und in deren Hintergründe auf dem Heerde das Feuer praffelte. Da trat ein Mann herein, den Tracht und Auss heu als Polen bezeichneteu, aber jene war sehr zerlumpt und dieses sehr verwildert. Er trat ohne Gruß vor Koref, und die beiden Männer sahen sich scharf an. „Ei, Jokul, rief Koref aus, seid Ihr auch wieder da? Wie ging es Euch und wo seid Ihr gewesen?" Der Angeredete sah finster drein und erwiederte: „Wo ich gewesen? An vielen Orten, sehr weit von hier. Wie es mir ging? Abwechselnd gut und schlecht. Ich plagte mich, mit Lohn und ohne Lohn; wurde verwundet und wieder geheilt; hatte viel Geld, und verlor es wieder. Jetzt habe ich nichts." „Da habt Ihr schlecht hausgchalten," antwortete Koref. „Wer erwirbt, muß es auch zu erhalten wissen. Etwas haben und wieder verlieren, ist schlimmer, als es niemals gehabt haben." „Ja, wenn ich ein Jude wäre! Ich sehe, Ihr wußtet die Zeit bester zu benutzen. Da sieht ja Alles nach Ueberfluß aus, und Euer Neichthum ist so groß, daß Ihr ihn nicht zu verstecken vermögt, und er aus jedem Winkel herauSguckt. Das nehmet Ihr Alles den armen Polen ab, ha, bisweilen auch den Rüsten, wenn's Keiner merkt ... man sollte Euch Alle aus dem Lande jagen." Koref wurde doch ärgerlich und antwortete mit scharfem Tone: „Damit Ihr Polen in Eurer Faulheit und Eurem Schmu; ganz und gar verhungern könntet! Wer verkauft Euer Korn? Wer schafft Euer Holz ins Ausland? Wer holt Euch Tuch und Leder? Und bis auf die Werkzeuge, mit denen Ihr grabt und pflügt^ Wer sind Eure Schneider und Schuster, Eure Tisckster und Schlosser? Ihr doch nicht, Jokul, und Euresgleichen?" Jokul schüttelte den Kopf; er meinte wahrscheinlich, daß machte sich Alles von selbst, und ohne Juden. Er hatte keine nationalökouomischen Begriffe, und Koref sicher nur, weil er selbst dabei betheiligt war. „Mag sein, doch kommt dies nicht zu unserm Handel", erwiederte jener und sein Gesicht wurde noch sterer, und sein Blick stechender. „Ich habe jetzt nichts, sagte ich Euch, will aber etwas haben, und zwar von Euch." „Sö", antwortete'Koref gedehnt. „Und worauf soll ich Euch etwas geben?" „O, Ihr werdet es mir schon geben. Ich will tausend polnische Gulden, und nehme keinen weniger. Ich verlange sie als meinen Antheil an dem Gelde, der Uhr und den Ringen des verwundeten Osficiers, den wir beide dort auf der Straße fanden, den ich dummer Weise Euch überließ und den Ihr todtgeschlagen und beraubt habt. Ihr gebt sie mir, oder ich gehe sofort zum Bezirksobersten und zeige ihm die ganze Sache an. Ihr wißt, der fackelt nicht lange mit solch' einem armseligen Juden, und da für ihn auch Etwas dabei abfällt, wird er schnell zur Hand sein." Koref hatte den Drohreden des wüsten Gesellen aufmerksam zugehört. Wenn aber Jokul gedacht, seine Worte würden den Juden niederschmettern, und er ihn alsbald vor sich im Staube sehen, so hatte er sich geirrt. Koref war ganz ruhig geblieben und erwiederte: „Das werdet Ihr nicht thun, Jokul, denn dann würde ich anzeigen müsten, daß Ihr mit Euren Spießgesellen den russischen Ofsicier habt heraushaben, tödten oder den Franzosen übergeben wollen. Ihr wißt doch noch, wie Ihr mir das Haus über den Kopf abbrennen wolltet und zu den Franzosen lieft, als diese ins Dorf gekommen." „Damit wäre Euch schwerlich geholfen, das müßt Ihr selbst einsehen, Koref," antwortete Jokul mit höhnischem Tone. „WaS ich g e w o l l t, ist gleichgültig, darum

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