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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-21 · Heft 12 (21.3.1871) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 12 (21.3.1871)
Date
1871-03-21
Page
Seite 234 (sequence 6)
Language
German
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234 Noch, hauptsächlich Folgen des letzten polnischen Aufstandes, nahmen überhand, und die gesummte Indenheit in allen Ländern Europas lenkte ihre Ausmerksamkeit ihren unglücklichen Glanbcnsbrüdern zu. Aber diese materielle 'Roth ist nicht ohne Wirkung auf die inncrn Zustände, nicht ohne Einfluß auf die geistigen Kämpfe geblieben, denn von Armuth und Elend hcimgesuchc haben die westrussischen Juden endlich einsehen lernen, daß die Erziehung, welche sie ihren Kindern zu Theil werden lassen, der Zeit und den Verhältnissen, in welchen sie leben, nicht mehr angemessen ist. Beim Anblicke so vieler jungen Leute, welche die besten Jahre ihrer Jugend mit dem Studium des Talmuds zubrachten, und ohne irgend ein Handwerk erlernt zu haben, ohne Kenntnis; der Landessprache, nicht im Stande ihr tägliches Brod zu verdienen, dem traurigsten Schicksale preisgegeben sind, oder ihren Aeltern, welche während der letzten gefchäfrs- und brodlosen Jahre ihr kleines Eapital verzehrten, und mit ihren Familien in dem bedräugtesten Zustande sich befinden, zur Last fallen, beeilt sich mancher Vater seinen Sohn nach der Volksschule zu schicken, wie deren überall von der Regierung errichtet worden sind, um die Landessprache zu erlernen, findet sich mancher Vater bewogen seinen Sohn, um die Zukunft desselben zu sichern, zu einem Handwerker heranzubilden. Von allen Städten der westrussischen Provinzen verlassen viele Jünglinge und Männer ihre Heimath, ihr Vaterhaus, und gehen nach dem benachbarten Deutschland, woher das erste Licht der Aufklärung dahindraug. theils um in den verschiedenen Fächern der Wissenschaften sich atiszubilden, theils um ein nützliches Handwerk zu erlernen. In allen Straßen Berlins zerstreut, leben viele junge Leute aus Rußland die fern von ihrer Heimath ohne Rath und Stütze, bei immerwährenden schweren Kämpfen, bei allen Hindernissen, die dem Unbemittelten im Wege stehen, inuthig nach dem Vorgesetzten Ziele streben. Mit Freuden wurde die von einigen Studirendeu aus Rußland vorgebrachte Idee begrüßt, hier einen Verein zu gründen, der um sämmtlichc hier anwesende nach einem Ziele strebende junge Leute ein Baud der Freundschaft, Geselligkeit und Brüderlichkeit schlingen, dieselben bei ihrem gemeinschaftlichen Streben Zusammenhalten sott. Am 16. Oktober 1870 wurde in einer feierlichen Versammlung von Studirendeu, Handwerkern und Ge- .werbetreibenden jüdischen Glaubens aus Rußland ein Verein „Amicitia" gegründet, dessen Zwecke: materielle Unterstützung der unbemittelten Mitglieder, Verbreitung allgemeiner Bildung unter den Letzteren, und Theiluahme an den Angelegenheiten der Glaubensbrüder in Rußland sind. Kaum waren die ersten Anordimugen getroffen und einige Versammlungen abgehallen, als in der Mitte der Gründer und des gewählten Vorstandes ein Zwiespalt ausbrach, indem einige derselben bei der Bezeichnung des Vereines in den Statuten, welche lautete: „Der Verein Amicitia, gegründet von Studirendeu, Handwerkern und Gewerbetreibenden aus Rußland," das 'Wort „Polen" hinzngesetzt haben wollten, und trotzdem daß bei einigen aufeinanderfolgenden Abstimmungen die Majorität gegen Hinzufügnng des Wortes „Polen" sich entschied (da doch Polen, wie jede andere Provinz des russischen Reiches unter „Rußland" verstanden wird», hörten sie nicht auf, durch Proteste und Agitationen die Mitglieder auszuwiegeln und Zwiespalt unter dieselben zu streuen, wodurch in den Vereinsversammlungen Streitigkeiten und heftige Debatten solcher Art hervorgerufen worden sind, die mit dem Wesen des Vereines durchaus nicht übereiustimmen. In Folge dessen fand sich ein Theil der Mitglieder veranlaßt, ans dem Vereine „Amicitia" auszutreten, und atu 2.7/13. Decemb.! 870 einen russisch-jüdischen Verein „Coucordia" zu gründen. Der Verein „Eoncordia" hat außer dem Zwecke, seinen Mitgliedern geistige materielle Stütze zu leisten, und ihre Theilnahme für die Angelegenheiten der Glau bcnsbrüder im Vaterlande rege zu erhalten, ein allgemeines Streben, geselliges Leben unter seinen Mitgliedern zu fördern und ihre Anhänglichkeit und Liebe zum Vaterlande zu pflegen. Der Standpnnct des Vereines ist folgender. Die unzweckmäßige Erziehung, die Unkenntniß der Landessprache und die gesonderte Stellung im Staate sind die Ursachen des Uebelstandes der westrussischen Juden, welche zu heben das Streben derselben, das Streben aller einflußreichen Männer unter ihnen sein muß. Die westrussischen Juden, denen alle Provinzen des großen russischen Reiches zum Theil geöffnet sind, und hoffentlich in nächster Zeit gänzlich geöffnet werden, haben die Aufgäbe dem Vaterlande die Hälfte des WegcS entgegen - zugchen, demselben sich anzuschließen, ihr Jargon mit der Sprache des Landes zu vertauschen und aus der gesonderten Stellung im Staate herauszutretcn. Möge der Verein „Eoncordia" seine Aufgabe erfüllen und

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