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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-21 · Heft 12 (21.3.1871) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 12 (21.3.1871)
Date
1871-03-21
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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231 k auch die Umgestaltung des modernen Staates auf Grund der Rechtsprkncipien; an die Stelle jener vereinzelten Männer traten die Parteien, und die wirklich liberalen sahen die Gleichberechtigung als ein integrirenves Element des Rechtsstaates an. In einigen Staaten erfüllte sich dies für die Juden mit einem Schlage; in anderen ging es schwer und langsam voran; aber nirgends in der civilisirten Well blieb es zurück. Die Juden sahen diese Kämpfe, nahmen ihren Theil daran, erfuhren die Erfolge und Siege an sich selbst, und üb-'r^ll wurden sie, und zwar alle Schichten derselben, von dem unwiderstehlichen Verlangen beseelt, die Gleichstellung für sich und ihre Religion zu erreichen. Dies Alles aber läßt sich mit wirklichen Gefühlen des Haffes und der Verachtung nicht vereinigen; solche, noch dazu eingewurzelte Gefühle drängen zur Absonderung, zur Absperrung von aller Berührung und Vereinigung, zu feindseliger Haltung in Wort und Thal, in Sitte und Leben. Drei Generationen sind darüber hinweggegangen und die jetzige sieht sich in der That verwundert und entrüstet um, daß man ihr noch eine Gesinnung zutraut, von welcher sie auch nicht die geringste Spur in sich trägt und deren Gegentheil sie jeden Tag und mit jeder Handlung erweist. Noch tiefer liegt das Gefühl des Patriotismus. Dieser ist etwas Natürliches, vom menschlichen Willen und Denken unabhängig. Die Vaterlandsliebe ist eine wahre und tiefe Liebe und hat die Natur dieser edlen Leidenschaft. Oft geschieht es, daß sic gerade durch bittere Erfahrungen erst recht verstärkt wird, und nicht selten ist die Erfahrung, daß diejenigen, welche im Vaterlande stiefmütterlich behandelt werden, dasselbe mit um so gewaltigerer Liebe umfassen, daß Flüchtlinge, welche widrige Geschicke weit über die Grenzen hinaus vertrieben, ihr ganzes Ideal in der Idee ihres verlassenen Vaterlandes finden und von unüberwindlichem Heimweh befallen werden. Wie? waren etwa die Juden in früheren Zeiten die einzige Menschenclasie, die unter- und niedergedrückt wurde? und maß sich jemals der Patriotismus nach der Stufenleiter des Ranges, nach den Vortheilen ab, die der Staat diesem oder jenem Stande weit über die anderen gewährte? Nimmermehr. So haben die Juden zu allen Zeiten eine innige Anhänglichkeit an dem Vaterlande in ihrem Herzen getragen, und wir haben Zeugnifie genug, daß selbst die grausamste Vertreibung ihnen diese Liebe nicht aus der Seele zu drängen vermochte. Man braucht nur an die aus Spanien vertriebenen Juden zu erinnern, welche zu einem nicht geringen Theile selbst noch jetzt die spanische Sprache pflegen und ihr sogar einen gottesdienstlichen Charakter vindiciren. Um wie viel mehr in unserer Zeit, welche den Juden zum berechtigten Glied? der nationalen Gesellschaft gewandelt und ihm gleiche Pflichten auferlegt hat. Es mag schlimm sein, daß wir unö noch immer in solchen Erörterungen ergehen müssen: aber es ist dies eine der weltgeschichtlichen Aufgaben unseres Stammes, und so muß sie gelöst werden. Haben aber die Protestanten kein wirkliches Motiv für eine confessionelle Reaction als eben die pfäfsische Pietisterei, die unduldsam und herrschsüchtig nichts neben sich dulden will, so verhält es sich anders bei den Katholiken, und hier ist ein Motiv vorhanden, das uns für den confessionellen Frieden mehr befürchten läßt. Schon das Unfehlbarkeitsdogma hat Zwietracht und Spaltung in die katholische Welt gebracht, und es läßt sich noch nicht absehen, wie weit sich dieser innere Kampf ausdehnen werde. So viel ist gewiß, wie dieser Streit den einen Theil zu Prüfung und Aufklärung, so drängt er den anderen, mächtigeren Theil zu Härte und Verfolgung. Thatsachen erweisen dies schon. Wo aber Verfolgung aus religiösen Motiven einmal ihr Schlangenhaupt erhoben, da läßt sich das Ende und das Maß nicht absehen: die corrsessionelle Reaction ist im vollen Gange. Hierzu kommt nun aber noch ein zweites, reelleres Moment: die Besitzergreifung des Kirchenstaates durch Italien. Die Zahl der Katholiken ist gering, welche diesen geschichtlichen Vorgang vom politischen und nationalen Gesichtspuncte aus würdigen und die Kirche ohne diesen weltlichen Besitz als frei und unabhängig ausehen. Die überwiegende Mehrheit betrachtet jenen Act als Gewaltthat, Raub und Umsturz der Kirche. Ueberall regt sich daher das Verlangen, Rom dein Papste wieder zu geben, ja nüt den Waffen wieder zu erobern. Man sieht leicht, wie dies von den Ultramoutanen benutzt werden kann, benutzt und mit ihrer Gewandtheit zum Mittel großer Aufregung verwendet werden wird. Hier heißt es dann: wer nicht mit uns ist, ist gegen uns, und so ist die civilisirte Welt von einem neuen schweren Bruche bedroht, von dem Alle benachtheiligt werden. Gerade weil jetzt der Krieg beendet und Eurvpa deS Friedens wieder zu genießen den Anschein hat, tritt viese Bewegung um so stärker hervor und könnte leicht bis zu Erschütterungen anwachsen. . . Hier tröstet lediglich der Geist unserer Zeit, der am 12*

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