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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-21 · Heft 12 (21.3.1871) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 12 (21.3.1871)
Date
1871-03-21
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 einer Staatsbehörde, die aus den Staatsmitteln erhalten wird, und die Autorität deS Staates für sich hat, ausging. Würde er von irgend einer größeren oder kleineren Schaar fanatischer Geistlichen erflofsen sein, so hatte man sich schnell beruhigt und ihn als eine der zahllosen Außlaffungen betrachtet, welche von der Pfaffenpartei vorgebracht, wenig beachtet und schnell vergessen werden. Anders aber verhält es sich bei dieser Sachlage. Denn weil jener die Verordnung einer Staatsbehörde ist, hat er zunächst die Wirkung, daß sich alle Füchse aus ihren Höhlen herauswagen und den Moment für günstig halten, um ihr Müthchen wieder einmal an uns zu kühlen, um den Geist der Eintracht, den der gemeinsame Kamps auch zwischen den Bekennern der verschiedenen Eonsessionen, geweckt und genährt hat, zu stören und nicht auskonnnen zu lassen, um die Vollendung der Gleichstellung der Juden und des Jndenthums zu verhindern. So kommen uns denn auch jetzt fast täglich Blätter aus verschiedenen Provinzen zu, welche aus den mannigfaltigsten Gesichtßpuncten Jnvectiven gegen Juden und Judenthum enthalten, und die offenbar darauf berechnet sind, Haß und Verachtung da wieder auszustreuen, wo sie eben durch die Wucht der Thatsachen verdrängt worden. Nach der Melodie, welche jener Erlaß angcstimmt, spielt man auf: man sucht den Juden Gefühle der Verachtung und des Hasses zu insin uiren, um solche gegen' sie aufzuwecken und zu rechtfertigen. Man tischt Fabeln aus der Geschichte, vergesiene und oft widerlegte, auf, um anzndeuten, daß die Juden stets von Rache beseelt waren, die sie nur nicht bethätlgten, weil ihnen die Macht fehlte, aber wirklich bethätigten, wenn und wo ihnen die Macht zur Seite stand. Dies Mänoeuvre ist nicht ungeschickt, weil die Menge, und zwar auf allen Bildungsstufen, zu einerernsten und gründlichen Prüfung sich nicht heranläßt, aber schnell für wirklich hält, was sich leicht voraussetzen läßt. Man raisonnirt: wir haben den Juden so lange und so viel Böses gcthan, daß sie uns hasten müsten; thnn sie dies aber, so müssen wir uns vor ihnen hüten und sie von uns fern halten. Diesen oberflächlichen Menschen, und das ist ja die Mehrzahl, geht es hiermit wie mit dem Patriotismus. Man hat den Juden das Vaterland so lange abgesprochen und auf jede Weise vergällt, daß sie es nicht begreifen mögen, auch der Jude hege Patriotismus und sei im Stande, dieser edlen Empfindung schwere Opfer zu bringen; man hat ihm immerfort die Nationalität abgesprochen, wie solste er sich für die nationale Idee begeistern können. So raisonniren diese Leute und geben so einen fruchtbaren Boden für die Aussaat ab, welche schwarze Hände absichtlich und planmäßig auostreuen. Sie alle haben keinen Begriff von dem, was in der Tiefe des Menschercherzens vorgeht. Die blutigen Verfolgungen der Juden sind ja längst vorüber, Jahrhunderte, die seitdem verflossen, haben selbst das Gedächtniß an sie abgeschwächt, ja fast verwischt. Die Beschränkungen, die schlechte Behandlung, die an die Stelle jener Verfolgungen traten, wurden von den Juden viel weniger empfunden und leichter ertragen, weil sie von Kindesbeinen varan gewöhnt waren, einen anderen Zustand nicht kannten und' weil sie factisch von dem Gedanken beherrscht waren, sie seien im Galuth , d. h. in der Zersteuung und Verbannung, und da verstände sich das von selbst, ein Gedanke, der über alle Mühsale hinweghob und tröstete. Aber auch dies hat sich geändert, und bereits ein Jahrhundert ist über die Umwandlung, über den allmäligen Fortschritt hinweggegangen. Die Juden, denen das Culturleben geöffnet wurde, erhoben sich schnell aus der Mißachtung, welche sie, in ihren eigenen Kreis und in die alleinigen Studien der biblischen, talmudischen und rabbinischen Literatur gebannt, für alles Nichtjüdische gehegt halten, sic lernten Wissenschaft und Kunst kennen und verehren, auch die äußere Erscheinung der Bildung achten; ja, jene Mißachtung schlug in das Gegentheil um, und es gab eine lange, kaum jetzt erst vorübergegangene Periode, in welcher die Juden die Produkte ihres eigenen Stammes verächtlich ansahen und nur das Nichtjüdische bewunderten. Derartig gesinnte und gestimmte Individuen trifft man auch heute noch in Menge. Der Boden, ans welchen hiermit die Juden gestellt waren, war somit ein gegen den früheren völlig entgegengesetzter, und cs konnte auf ihm von Verachtung und Gehässigkeit gegen die übrige Welt garnicht mehr die Rede sein; es trat vielmehr ein kräftiger Wettstreit ein, ein fast leidenschaftliches Streben und Ringen, auf das Eulturniveau'der übrigen Welt zu gelangen, und dies kann wahrlich nicht unter Gefühlen der Mißachtung und der Gehässigkeit geschehen. Zu gleicher Zeit trat eine Reihe edler christl. Männer für die Rechte der Juden auf, und verfocht dieselben mit Nachdruck und Ausdauer. Sie erkannten diese Rechte an und bezweifelten die Würdigkeit und die Fähigkeit des jüdischen Stammes keinen Augenblick. Diese christlichen Vorfechter starben nicht aus, sondern folgten einander mit wachsettder Zahl. Glücklicher Weise erstand damals

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