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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-14 · Heft 11 (14.3.1871) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 11 (14.3.1871)
Date
1871-03-14
Page
Seite 227 (sequence 19)
Language
German
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227 zurichten, die den Spaheraugen der absichtlich nachsichtigen Aufsichtsbehörde entzogen waren. Zn einer solchen Räumlichkeit befand sich jetzt der Fürst Schuwalof bei der polnischen Judenfamilie, die für ihn wiederholt das Leben eingesetzt. Als die Nacht hereingebrochen, kehrten Koref und sein Schwager nach dem Torfe zurück, um in vorsichtiger Weise von dessen Zustand Kenntnis zu erlangen. Nach einigen Stunden kehrten sie zurück und meldeten bekümmerten Herzens, daß die Flammen das ganze Dorf ergriffen und der größte Theil bereits zu einem rauchenden Schutthaufen geworden. Auch ihr Haus war mit Allem, was es barg, ein Opfer der Flammen geworden. Nur ein glücklicher Umstand war eingetreten: das kleine Nebengebäude, in welchem ein beträchtlicher Theil ihrer Waarenvorräthe gelegen, war in wundersamer Weise, ohne daß sie sich die Ursache erklären konnten, verschont geblieben. Da sie nicht wissen konnten, ob nicht der Brand auch noch zu ihm dringen, oder ob Bagabunden die stehengebliebene Niederlage nicht bemerken und plündern werden, hatten sie sich trotz der außerordentlichen Gluth daran gemacht, die Waaren auszuräumen und im nahen Dickicht zu verstecken. Dies war ihnen denn auch unter dem Schatten der Nacht gelungen, und sie konnten am folgenden Tage daran gehen, die Waaren allmälig nach ihrer jetzigen Zufluchtsstätte zu schaffen. An eine Rückkehr nach dem Dorfe war somit, obgleich die Franzosen abgezogen, weder für sie noch für die übrigen Bewohner des Dorfes zu denken, sowie Niemand die Lust verspüren konnte, fein Haus wieder aufzubauen, so lange dieser Krieg währen würde. Man mußte also in Aussicht nehmen, den nächsten Winter in dieser Erdhöhle zuzubringen, was, wenn erst für eine Feuerstätte gesorgt war, für so genügsame und an Eomsort durchaus nicht gewöhnte Leute gar nichts Ab> schreckendeß enthielt. Der Oberst brauchte mehrere Wochen, um sich von seiner Wunde und Entkräftung zu erholen, und genoß während dieser Zeit der sorgfältigsten Pflege, besonders Rächeles, soweit sie unter den obwaltenden Umständen möglich war. Das Beste mußte seine kräftige Natur thun. Am Ende dieser Zeit legte er die Kleidung eines litthauischen Bauern an, und wurde vom Schwager Koress, der jeden Weg und Steg des Landes kannte, glücklich durch das vom Feinde besetzte Land gebracht. Indessen hatten sie den Weg mehr nordwärts genommen, wo die Preußen unter Jork nach Riga zu standen, weil von diesen zu erhoffen |ianö, daß sie selbst im Falle einer Entdeckung den russischen Ossicier durchschlüpfen lassen würden. So etwas mag auch bei dem Gelingen der Wanderung der Fall gewesen sein. Bor seinein Abschiede von der Zudenfamilie hatte der Fürst nicht allein den reichen Inhalt seuier Börse bis auf den ihm nothwendigen Rest in die Hände Koress gelegt, sondern auch ibm, seiner braven Gattin und allen Berwandten seinen Schutz für immer angelobt und sie aufgesorderl, wenn er sein Leben aus dem Kriege retten würde und ihnen irgend ein Unglück zustöße, sich an ihn zu wenden; die Erinnerung an Alles, was sie für ihn getbrn, werde ihn niemals verlassen. Nun, der Inhalt dieser fürstlichen Börse entschädigte Koref wenigstens für das, was ihm der Brand seines Hauses gekostet. 4. Koref und seine Familie befanden sich wieder in ihrem Hause. Es war zwar ganz nach dem Vorbilde deS früheren wieder aufgebaut, doch waren nach Rächeles Angaben im Inneren mehrere Veränderungen getroffen, die es etwas behaglicher und vortheilhafter machten. Jede Veränderung bringt dem Menschen ein verändertes Bedürfen und Können, und Rachele hatte jener Erdhöhle manches abgelernt. Das Torf war im völligen Wiederaufbau begriffen, unt> um so besser ging das Geschäft Korefs, der für Herbeischaffung mancherlei Materials zu sorgen hatte. Es war natürlich, daß Korefs Haus zuerst fertig geworden, weil er zuerst das Geld dazu hatte. Die Fluth des Krieges, welche das Dörfchen über¬ und hinweggeschwemmt, hatte sich schnell von dort verlaufen , da sie ein größeres und weit entlegenes Ziel hatte. Es hatte aber nicht lange gedauert, so war sie zurückgekehrt. Nur kurze Zeit hatte der Sieger im niederge^rannten Moskau verweilen können, und war schnell in den Besiegten gewandelt worden. Wer kennt nicht jenes furchtbare Trauerspiel, den Rückzug der Franzosen aus Rußland im .harten Winter von 1812 genannt? Auch dies Mal fanden harte Kämpfe bei Polotzk, nämlich am 18. und. 19. October. statt; aber wie es Koref zwei Monate früher vorausgesagt, dies Mal trieben die Russen die Franzosen nach Westen, umgekehrt wie in der ersten Schlacht. Nun, dem Dörfchen konnte dieses zweite Treffen nichts zu Leide thun, weil ihm überhaupt Schaden nicht mehr zugefügt werden konnte. Das Berbrannte läßt sich nicht noch einmal verbrennen. Hiermit kehrte aber der Frieden für diese ganze Gegend zurück, während draußen, in den westlichen Ländern Europa's, noch drei Jahre der Krieg wuchere. Der Friede! In die Herzen der Völker kehrt die Ruhe noch lange nicht wieder zurück, selbst wenn die Tinte getrocknet, mit welchen der Friedenstractat geschrieben worden. Die Polen waren tief gedemüthigt. Sie hatten mit seltener Tapferkeit unter den französischen Heeren gekämpft, und ihr Eorps war fast das einzige, das von den Eisfeldern Rußlands, wenn auch an Zahl sehr vermindert, doch geschlossen und in militärischer Mannözucht erhalten, zurückkehrte. Es verließ die vaterländischen Fluren, wich mit den Franzosen gegen Westen zurück, focht die Schlachten des französischen Cäsars noch weiter mit, doch die Todeöwunde in der Blust, an der es endlich verblutete. Diese polnischen Reste fochten weiter, weil der Feind Napoleons nun einmal auch ihr Feind war, obschon sie

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