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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-14 · Heft 11 (14.3.1871) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 11 (14.3.1871)
Date
1871-03-14
Page
Seite 226 (sequence 18)
Language
German
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226 Völker und ihre Herrscher immer mehr zum Bewußtsein kommen, daß ihre Größe und ihr Heil nur in der Eintracht und in der friedlichen Wechselwirkung, im kräftigen Wachsthum von Junen heraus besieht, daß jede Wunde, die geschlagen wird, beide, ja alle trifft, daß Ehre und Ruhm nicht in der Uebermacht, sondern in der Höhe des Geistes und in der Smlichkett des Volkes liegen! Und so richten wir mit Zuversicht die Augen aus die Zukunft. Die Pforten des Friedenstcmpels sind geöffnet, wir schreiten hinein und bringen Dir, der dieses Heiligthum erfüllt, die Opfer unserer Lippen, die Farren unseres Herzens dar. Herr, segne das Vaterland! Von welcher Zunge, in welcher Sprache dieses Wort zu Dir aufsteigt, erhöre es! Segne es mit Frieden, beschütze seine Grenzen, laß mit dem Frieden den Geist des Rechtes, der Freiheit und der Duldsamkeit einziehen. Uns Alle, tue wir den grausigen Kwg Überständer'., die wir seine-Aengste und Verluste ertragen, die wir so oft unter seinen ehernen Schrillen geseufzt und selbst des Sieges nur trüben Gemülhes uns freuen konnten, und jene, welche unterlagen, welche die furchtbaren Schläge, die ihr Vaterland traf, niedergeschmettert, uns Alle, Deine Söhne, Deine Menschenkinder, segne uns im Frieden! Das Judendorf in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. (Fortsetzung.) Als die Franzosen sich überzeugt hatten, daß weder Fourage noch Nahrung in dem Dorfe zu. finden, zog das Bataillon weiter und ließ nur eine kleine Anzahl zurück, um das Werk der Zerstörung zu vollenden. Dles wurde ihnen durch den starken Ostwind erletchtert, der schon seit einigen Tagen wehte, und schnell die Flammen über die Dürren Strohdächer des Torfes ansbreitete, und keine der Hütten verschonen zu wollen drohte. Als die ersten Töne der französischen Signalhörner sich vernehmen ließen, standen dre Polen von ihrem Unternehmen gegen das Hauü Koress ab und tiefen der Fronte des Dorfes zu. Sie mochten wohl die Franzosen begrüßen und ihnen von der Anwesenheit deö verwundeten Ofsicrers Kenntniß geben wollen. Als sie aber näher kamen, das Gebühren der Franzosen gewahrten und die Flammen aus den ersten Hütlen anfsteigen sahen, flohen sie voll Schreckens zurück, eilten ein Jeder nach seiner Hütte und erschienen bald wieder mit einem Bündelchen versehen, um vor den ersehnten Befreiern und Erlösern sich über die Ebene zu zerstreuen, die sich gegen Norden ausbreikete. Aber auch in dem Hause Koress hatte man die Trompetenstöße gehört und konnte von ihm aus, da cs, wie bemerkt worden, auf ansteigendem Boden lag, die französischen Züge und ihr Beginnen beobachten. Es mußte schnell ein Entschluß gefaßt werden, denn die Anwesenheit des russischen Ofsicier s hätte ihnen allen zum Verderben gereicht. Sie zögerten denn auch nicht, und nach kurzer Zeit sah man die Bewohner des Hauses sämmtlich dasielbe verlassen. Voran kam aus der Hiuterlhüre die schöne junge Frau Koress mit einem Kinde auf dem Arme und einem an der Hand; dann der Mann selbst mit Bündeln ganz beladen, und endlich der Verwundete auf einem Stuhle, welchen der Sckwager und Der Meschvres trugen. Die Kräfte des Ofsiciers waren durch den Gang nach dem Hause völlig erschöpft und die Contusion der Hüfte so schmerzlich geworden, daß er sich nicht mehr allein forlbewegen konnte. So bewegte man sich, so schnell es gehen konnte, nach dem Walde, und erreichte ihn, ohne vom Feinde bemerkt worden zu sein. Weiter ging es in die Tiefe des Waldes bineui; aus dem Bestände der hochgewachsenen Föhren kam man bald in dichtes Unterholz; aber unsere Lerne wußten Bescheid, und sich geschickt durch das verschlungene Dickicht zu winden. Man ruhete mehrere Male aus und gelangte nach einer Stunde in die Gegend, wo der Boden sich zu kleinen ansteigenden Hügeln erhob. Man drang in diese Gegend hinein, und lenkte zuletzt in eine schmale Schlucht, die nach mehrfachen Windungen am Fuße einer ziemlichen Anhöhe endete. Hier wurden Gebüsche zurückgebogen, Steine hinweggeräumt und dadurch der Eingang zu einer Erdhöhle geöffnet, in welche man zwar gebückt eintreten mußte, sich dann aber bald wie in einem geräumigen und wohlverwahrten Keller befand, der durch eine Spalte des Gesteins Luft und Licht erhielt. Hier war man am Ziele, und es wurde alsbald ein Lager für den Verwundeten zubereiret, sowie nach und nach die Zurüstung getroffen, um hier seinen Aufenthalt längere Zeit nehmen zu können. Der russische Ofsicier sah sich voll Staunens um; aber seine Neugier konnte sich bald befriedigen, als er, nachdem seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, in einem Winkel des Kellers aufgeschichtete kleine Ballen und Fässer gewahrte. Er befand sich in einem geheimen Versteck für Schmuggelwaare. Dies konnte damals selbst einem russischen Ofsicier nicht beleidigend ausfallen. Die russische Regierung hatte Napoleon gegenüber wiederholt sich zur Einhaltung der sogenannten Contmentalsperre, d. h. des unbedingten Verbotes aller Waaren Englands und seiner Colonien, das hieß der gesammten außereuropäischen 'Welt vel pflichtet, ohne es jedoch mit der Erfüllung dieser Verpflichtung ernst zu meinen. Sie ließ den geheimen, wie den offenen Schmuggel unbeachtet, sobald man nur einen gewissen Schein bewahrte, welcher der Negierung immer noch einige Ausflüchte gegen die französischen Beschwerden zuließ. Freilich säete sie damit eine Saat aus, die später zu ihrem großen Schaden üppig wucherte. In Polen benutzte man aber die Gelegenheit, den Schmuggel im großen Maßstab zu organisiren und sich für zukünftige Fälle geheime Plätze ein-

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