Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1871)
- Date
- 1871-03-14
- Page
- Seite 228 (sequence 20)
- Language
- German
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228 es zur Genüge erfahren hatten, daß sie auch von dem schlauen Franzosen kein wirkliches Heil zu erwarten hatten. Die Kluft zwischen den Polen und den Russen war nur noch weiter geworden, aber sie lief nicht blos zwischen diesen beiden, sondern auch mitten durch beide hindurch. Die Rüsten wie die Polen spalteten sich in zwei Parteien. Von den Russen forderte die eine die unerbittliche Unterdrückung der polnischen Nationalität, weil sie in dieser, so lange sie noch irgend einen merkbaren Bestand habe, eine bleibende, immer wieder erwachsende Gefahr für Rußland selbst erblickte. Alles, was polnisch-national sei, sollte ausgerottet werden. Die andere Partei, und sie war jetzt noch die entscheidende, da der Kaiser Alexander I. selbst ihr angehörte, sah dies für unmenschlich und unmöglich an, und wollte Polen durch die Polen gewinnen. Unter strenger Controle und nach dem Willen der russischen Negierung sollte das Land durch die Polen selbst regiert und verwaltet werden, eine Constitution, ein polnisches Heer haben. Leider behielt die erste durch die Ereignisie Recht, denn 1830 war die Folge des gedachten Systems. Unter den Polen wollte der eine Theil vom russischen Regiment durchaus nichts wisien und ihm durch einen passiven Widerstand das Regieren sauer und unmöglich machen, bis die Zeit der Wwdererhebung gekommen sei. Der andere Theil wollte sich der russischen Regierung zu Gebote stellen, Wenige aus Verzweiflung an der Rettung Polens, die Meisten mit dem Vorbehalt, sich sobald wie möglich aus Dienern zu tödtlichen Feinden zu machen. Zahllose Polen waren arm, wir meinen nicht die leibeigenen Bauern, diese vegetirten in ihrem Elend, sondern in der Masie der Adeligen, die Polen zu seinem Unglück eine Unzahl besaß. Für diese Hilflosen war es ein gefundenes Mittel sich in russische Dienste zu begeben, mit dem Rachegelöbniß im Herzen. So war das Land bald von polnischen Unterbeamten und russischen Oberbeamten überschwemmt. Nachdem der Feind sich verzogen und der Winter vorübergegangen, kehrten die stüchtigen Bewohner des Dorfes mit dem Hauche des Frühlings aus ihrer Zerstreuung wieder zurück, besahen sich jammernd die verkohlten Trümmer ihrer Hütten, deren früherer Standort oft aus dem Aschenhaufen kaum noch herauszusinden war. So wenig sie dabei verloren hatten, so war doch dieses Wenige ihr Alles, und darum ihnen um so theurcr und mühsam zu ersetzen. Jndeß machten sie sich an das Hinwegräumen der Trümmer, und die Negierung bewilligte ihnen fast Alles an den Materialien, die sie zum Wiederaufbau brauchten. Mit größerer Anstrengung als der polnische Landmann sich gewöhnlich auferlegt, ging man an die Arbeit, um vor dem abermaligen Beginn des Winters wenigstens unter Dach und Fach zu sein. — (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgärtner'S Duchbandlung Verantwortlicher Rel Notizen. I Hohes Alter.j In der Nacht vom 25. v. M. ist in Prag Herr Joseph I. Pollak im Alter von 101 Jahren gestorben. Er zählte seiner Zeit zu den bedeutendsten Industriellen Böhmens und genoß wegen seines streng rechtlichen Charakters wie seines frommen Lebenswandels allgemeine Anerkennung und Hochachtung. Einer seiner Söhne war der vor drei Jahren verstorbene beliebte Jschler Arzt Hr. Joseph Pollak, und der zweite ist der in Rom lebende bekannte Maler Leopold Pollak. Xenien. Einer gräbet den Lehm; viel klüger dünkt sich der Andre, Welcher zu Ziegeln ihn formt, dann im Feuer sie brennt. Einer fället den Baum; viel klüger dünkt sich der Andre, Der den gefallenen Stamm richtet zu Balken sich her. Aber so viel du auch häufst der Ziegeln und Balken zusammen, Sag', was sind Steine und Holz ohne den fügenden Riß! Nun, und was bleibet vom Riß, wenn ohne Hölzer und Steine? Dann noch bleibet vom Riß stets der schaffende Geist; Schöpferischer Gedanke, der all' die Steine und Hölzer Mit der Schönheit belebt, mit dem Adel beseelt. Du auch sehnst Dich danach, denn Niemand kann eS entbehren. Niemand leben allhier ohne ein Ideal. Denn dies allein verleiht die rauschenden Schwingen dem Geiste, Daß aus dem Staub er empor steige zu lichteren Höh'n, Daß im Busen das Her; pulsire in rascheren Schlagen, Und mit schnellerem Fuß schreite die langsame Zeit. Doch was ist Dein Ideal? Das unterscheidet die Menschen — Dem das schimmernde Kleid, Jenem die prasselnde Wurst. Leipzig. — Druck von Z. B. Hirfchfeld. cur Dr. H. Lotze.