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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-14 · Heft 11 (14.3.1871) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 11 (14.3.1871)
Date
1871-03-14
Page
Seite 215 (sequence 7)
Language
German
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215 schaftlichem Felde suchten keine Stelle an der großen Glocke. Mit Veränderung des Sinnes eines Wortes muß ich, anspruchslos, nach dem Psalmisten sagen: „Die Tage unsrer Lern-Erfolge (n:o lernen) sind 70, wenn es Hochkommt 80, dann sind sie vergessen!" Aber die Freunde, deren Mitgefühl mich überraschte, wußten ihre Lobesertheilung durch zwei Gaben zu würzen, welche ich ohne Erröthen als nicht unverdient willkommen heißen durfte. Tie Redner bezeugten meine Freimüthigkeit auf dem Boden der Forschung und die sittliche Kraft meines unter Tpfern siegreich geführten Kampfes für die Förderung der äußern Lerhältnisse im jüdischen Lehranue. Ja, ich gestehe es mit einigem Selbstgefühle, ich sehe auf jenen schweren, für mich mit bleibenden Dpsern geführten, für die gute Sache mit herrlichstem Erfolge gesegneten Kampf wie auf eine verdicustrciche Leistung zurück, und daher gestatte ich mir auch in den persönlichen Ansprachen der heimischen, wie in den Zuschriften der auswärtigen Männer der Kanzel und des Katheders nur Lertraueusslimmen für mein Wirken in jenem heiligen Kriege zu finden. Wie erfolgreich dieser Krieg war, das werden selbst diejenigen Lehrer eingeslehen, welche damals mit den Wölfen heulten, und wenn ich mir viele Freunde und Feinde geschafft habe, so tröstet uiich die Ueberzeugung, daß Erstere in den Reihen der Lehrer, Letztere in den Reihen ihrer Verfolger getroffen werden. Schon aus der persönlichen Begrüßung der vielen Lehrer ließ sich das Bewußtsein schöpfen, daß jetzt eine reinere Luft in den Hallen weht, wo die grünen Tische der Gemeinde flehen, denn vor zwanzig Fahren würden nur wenige gewagt haben, durch eine mir, dem Hauptverfolgren, gewidmete Freundlichkeit den Zorn der Bedrücker zu reizen. 2a selbst durch die Fernbleibung der Andern wurde jenes Bewußtsein unterstützt. Sie blieben nämlich fern, weil sie am 16. Rov. ihrem Wahlmaunsamre obliegen mußten; in jenen Fahren der Herabwürdigung hatten wenige Lehrer Stimmung, Muth und Zeit zur Bewerbung um die Wahlmannschaft. Die erhebende Wandlung, die sich in den bürgerlichen Verhältnissen der Lehrer seit 1854 vollzogen hat, verdient an sich schon eine Rücksicht Seitens der unparteiischen Darstellung, wenigstens vorläufig eine Sammlung von Schriftstücken und Thatsachen; sie verdient cs um so mehr als sie ein großes Stück der Geschichte der Gemeinde in sich birgt, und schon die Verösfentlichung eines Theiles der Erfahrungen und Urkunden aus meinem Dulderleben in den Fahren 1849—54 würde die Kraft haben beim Leser die Ueberzeugung zu gründen, daß jene jetzt abgethanc Rich tung, welche unter dein Namen „Renonhodoxie" berüchtigt ist, die Wörter „Humanität, Moral, Rechtssinn" u. A." verleugnet, dafür aber Brutalität und Haß in die Herzen der Massen säet und selbst edle Staturen verdirbt. In jenen Tagen des blos lärmenden FudenthumS durfte ein Schulvorfteher während der Unterrichtsstunde dem Lehrer vor den entrüsteten Schülern zurufen, er habe eben falsch erklärt! und in jenen Tagen durfte das hervorspringeudste Mitglied der Verwaltung das der Partei ganz würdige pädagogische Dogma zur Aufstellung gelangen lassen: Man muß den jüdischen Lehrer alle 14 Tage wegjagen können, dannwird er gewiß seine Pflicht erfüllen! Wie glücklich war die Wendung im Fahre 1854! glücklich für den Lehrstand und glücklich für den Ruf der Gemeinde. Seit jener Zeit gelang es der Neuorthodoxie nicht noch einmal die Wähler zu überrumpeln, und seit jener Zeit darf der Lehrer auch mit mehr Freudigkeit an sein edles, wenn auch schweres, Tagewerk hinantreten. Heute steht er geachtet und gesichert an der Spitze seines Wirkungskreises, und die wohlwollende Fürsorge der Behörde begleitet ihn auch in den ehrenvollen Ruhestand. Fch hoffe nun noch int Stande zu sein, bald nähere Mirtheilungen über die Episode von 1849—54 machen zu können, von deren Fnaugurirung durch die Wahlen im Sommer 1849 ein Berichterstatter in der „Eonstitntionellen Zeitung" sagte: „Das Fudenthum ist nun zu seinem alten Ernst zurückgekehrt." Die Conslit. Zeitung war ganz mit nenorthodoxen Mitarbeitern behaftet, darunter Selig Cassel, doch scheint die Phrase vom zurückgekehrten alten Ernst nicht von diesem Rormaljuden der Partei in die Zeitung geflossen zu fein, sondern von demjenigen Phrasen- Meister dessen Apostel er damals war. F. Le brecht. Berlin, 3. März. Die hies. Ztgen. veröffentlichen folgendes erfreuliche Actenslück: Dem Borstande der hiesigen jüdischen Gemeinde ist in Bezug seines Protestes gegen den Evangeliscken Oberkirchcnrath folgendes Schreiben zugegangen:

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