Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1871)
- Date
- 1871-03-14
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
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antipapstlichen Parteien mit den Juden zu identificiren, um nach dem beliebten, wenn auch ziemlich abgenutzten Spiele, jene durch diese, indem man auf die alten Lolksvorurtheile speculirt, verächtlich zu machen. Was hier von den abendlichen Kanzeln in den spärlich erleuchteten Kirchen ertönt und nur in den von den öffentlichen Blättern gegebenen Berichten, thöricht genug auch von den liberalen, wenn auch hier in ironischer Weise, auf ein größeres Publicum verbreitet wird, das macht sich in Preußen auf der Tribüne des Herrenhauses, in den Erlässen der evangelischen geistlichen Behörden Luft, dringt hiermit durch das gesummte Volk und hallt von den Kanzeln pietistischer Prediger wieder. Das Stichwort ist hier: um den eigenen tödtlichen Haß zu verbergen, insinuirt man den Juden unvertilgbaren Haß gegen das Christenthum, seine Lehren und seine Institutionen! Da dies augenblicklich überall wiederholt wird, kommt man zu der Annahme, daß sich die Führer hierüber verständigt haben. In der Augusiinerkirche zu Wien behauptet der Pater Anton Steiner, daß es von den jüdischen Glaubenösatzungen unzertrennlich sei, Christenhaß zu hegen und zu cultiviren. Er ruft aus: „Wer, Geliebte, nicht weiß, daß der orthodoxe Jude uns aus Religion haßen müsse, der ist über den Judaismus und dessen Evangelium, den Talmud, schlecht unterrichtet." Ihm folgen die Patres Wiesinger, Brenner u. A. und wüthen gegen die Presse, der sie den heftigsten Haß gegen das Christenthum zuschreiben, und sie als eine „gottverdammte Juden-Juden-Juden-Presse" schreiend ausgeben'. So schimpft auch Pater Kliukowström weidlich auf die Liberalen, nennt die Gleichstellung der Confessionen im staatlichen Leben eine Infamie, denn die römisch-katholische Kirche als Königin darf nimmer Dienstmägden coordinirt werden. Die Liberalen, welche gegen das Gewissen, gegen den Papst, gegen Gott Attentate verüben, diese Knechte Belials und der Mächte des Abgrundes, haben den Ruin Frankreichs herbeigeführt und untergraben gegenwärtig die Grundfesten des schönen Oesterreich. Nun, was anders predigt unter dem großen Beifall des Herrenhauses von dessen Tribüne aus der Herr Baron Sensft-Pilsach? Was anders spricht das ganze Herrenhaus mit der Verwerfung der unter Zustimmung des Ministeriums vom Abgeordnetcnhause fast einstimmig und ohne Discussion genehmigten Aufhebung des § 043 des A. L. R. aus?*) Was anders *) Niemand wird an unS billiger Weife das Verlangen stellen, daß wir in d. Bl. die von dem gedachten verkünden der Oberkirchenrath und die Consistorien in ihren bekannten Erlässen? Es ist überall der unerwiesene, unbethätigte Haß gegen das Christenthum, dessen man die Juden beschuldigt, um die Gemüther des Volkes gegen sie einzunehmen und jeden ihnen günstigen Fortschritt zu Hintertreiben. Daß man hinter den katholischen Fasteupredigern nicht zurückbleibe, dafür sorgen dann die einzelnen pietistischen Prediger. Diese behaupten fort und fort, das Judenthum lehre seine Freunde zu lieben und seine Feinde zu hassen. Auf diese Weise sei es sonnenklar, daß die Juden überall hassen, wo sie nicht lieben können. Es liegt uns als ein Beispiel die 9t v. 30 des „Magdeburger Correspondenten," der zugleich „amtlicher Anzeiger" ist, vom 1. Febr. vor, wo die Grabrede am Sarge eines gestorbenen französischen Kriegsgefangenen skizzirt wird. Daß sich auch einige Einwohner zum Begräbniß eingefunden und die gewöhnlichen militärischen Ehren eingehalten wurden, bewegt den Geistlichen zu der Lobhudelei, daß die Christen auch ihre Feinde lieben, während die Juden sie hassen! Der beschränkte Mann dachte nicht, daß der fern von der Heimath und den Seinigen gestorbene französische Kriegsgefangene den sprechendsten Beweis für den Mangel aller Feindcsliebe abgiebt, der in der christlichen Welt vorhanden und die Völker zu den blutigsten, verheerendsten Kriegen gegen einander bewegt. Ein solcher Geistlicher hat leichtes Spiel; er beruft sich auf die bekannte Stelle im Neuen Testamente,*) wo der obige Satz ausgesprochen wird. Daß die Verfasser des Neuen Testaments die Stellen des Alten Testamentes,**) in welchen die Feindcsliebe zur Pflicht und der Haß gegen Feinde verworfen wird, nicht gekannt, oder nicht haben kennen wollen und dabei selbst nichts weiter als Haß gegen ihre Gegner gelehrt haben, genirt diese Leute nicht; wiederholen sie doch nur, was sie von Kindesbeinen an gehört haben. So traten uns in den letzten Wochen überraschend die Symptome einer haßerfüllten Reaction , wieder Herrenhäusler in der Sitzung vom 10. Febr. c. gehaltene Rede wiedergeben und der Nachwelt unsrerseits überantworten sollen. Die Gesinnung des Herrenhauses ist durch dessen Abstimmung documenurt; was den Herrn Baron aubetrisst, so hat ihm der „Kladderadatsch" genügend das überreichen lassen, was seinem Haupte gebührt. *- Matth. 5, '13. **) 3 Mos. 1‘), 17. IS. 2 Mos. 23, 1. 0. epr: Sal. 2l>, 22. 21, 20. 25, 21. 22. u. a. O.