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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-14 · Heft 11 (14.3.1871) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 11 (14.3.1871)
Date
1871-03-14
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
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212 ihnen, durch ihre Vereinigung auch in dem Abgeordnelenhause die Majorität, und sei es auch nur eine schwache, zu erlangen, so wandelt sich ihr gesetzgeberisches Veto in die positivste Macht, das preußische Staatswesen sich wieder zu eigen zu machen; gerade darum ist sie wohl so frühzeitig in die Rüstung gefahren, und daß sie die Stimmung des Volkes bei den jüngsten Wahlen zum Abgeordnetenhaus zu benutzen verstanden, hat die eben abgeschloffene Session deffelben erwiesen. Anders, sagten wir, liegt, es in Oesterreich. Hier gilt es gegenwärtig in erster Linie nicht Neaction und Liberalismus, sondern die Nationalitätenfrage ist die Alles beherrschende, und es fragt sich darum: ob dualistisch oder föderalistisch? od die cisleithanische Hälfte in kleine, mit einander verbundene Staaten zerfallen, oder einen centralistischen Staat bilden soll? Die feudale und confessionelle Neaction spielen daher hier nicht niit, und der Liberalismus ist vorherrschend, so weit die Nationalitätenfrage sich mit ihm vereinbaren läßt. Vielmehr werden die leitenden Persönlichkeiten, so weit sie sich als solche dazu verstehen können, im Einzelnen liberal sein wollen, um sich gewiffermaßen zu decken und nach verschiedenen Seiten hin Freunde zu erwerben. Sie werden sich hüten, durch confessionelle Intoleranz sich noch mehr Gegner zu schaffen, als sie von vornherein schon haben. Der confessionelle Unfug beschränkt sich deshalb in Oesterreich auf die Regionen, die einmal davon leben. Das neue österreichische Ministerium, mag sein politischer. Werth fcin, welcher es will, vom confessionellen Standpunct wird es gewiß correct verfahren, und wir sehen daher den gegenwärtigen Unterrichtsminister das Werk der jüdisch-theologischen Facultät, das sein Vorgänger begonnen, mit Eifer weiterführen. Was aber überall, z. B. besonders in Belgien, vielleicht auch bald wieder in Frankreich, die confessionelle Neaction mächtig unterstützt und ungescheut hervortreten läßt, ist die Stimmung der katholischen Massen, welche der Einsturz der weltlichen Herrschaft des Papstes hervorgerufen hat. Man unterschätze dies nicht. Es mag ein fabelhafter Plan sein, einen römischen Kreuzzug zu bewerkstelligen und die katholischen Massen mit den Waffen in der Hand gegen Italien zu fuhren; aber die Aufregung in denselben ist groß, und die Ansicht, daß ein gewaltiger Raub am Papste und an der Kirche geschehen sei, lebt in der Anschauung selbst der sonst gemäßigten, ja aufgeklärten Katholiken. Wie eine solche Stimmung von den ultramontanen Führern entflammt und vom bigotten Thcile auf den gemäßigteren und aufgeklärteren übertragen werden könne, begreift Jedermann, und sind die Folgen, ohne daß man allzu schwarz sehe, nicht zu berechnen. In den protestantischen Theilen Preußens übersieht man dies gewöhnlich; weil dort die zerstreuten Katholiken ohne Einfluß sind, bildet matt sich ein, die confessionelle Neaction habe keine Macht hinter sich. Wer in überwiegend katholischen Provinzen lebt, weiß dies bester. Bester weiß eS auch der protestantische Pietismus, der sich überall nach Hülfstruppen umsieht-, und so wurde, wie man jetzt aus dem preußischen Abgeordnetenhause anerkennt, die Verbindung der feudalen, pietistischen und ultramontanen Parteien zu Stande gebracht. Dies ist die Trias, die jetzt ins Feld rückt, und deren vereinte Macht wohl zu fürchten ist. Die nächste Schlacht wird in den Wahlen zum deutschen Reichstage geschlagen, und, wenn dieses Blatt in den Händen unserer Leser ist, wird bereits Ausgang dieses Kampfes sich herausgestellt haben. Ja, es würde uns nicht in Verwunderung setzen, wenn jene dunkle Trias auch hier einen bedeutenden Erfolg erlangt haben sollte, und zwar vorzugsweise, weil die liberalen Parteien der Gefahr sich noch zu wenig bewußt sind und daher zum Theil sich überraschen lasten. Einen Beweis hierfür giebt die Zersplitterung derselben an den meisten Orten, während, wenn sie sich über die drohende Gefahr klar gewesen, sie sich dem gemeinsamen Feinde gegenüber vereinigt hätten. Jedenfalls werden diese reactionären Parteien auch im deutschen Reichstage eine bedeutende Zahl Vertreter haben, und wenn derselbe auch nicht berufen ist, confessionelle Fragen vor sein Forum zu ziehen, die vielmehr den einzelnen Staaten überlasten sind, so wird doch die ganze Färbung des Reichstages und seiner Wirksamkeit davon abhangen. Man kann also auf große Kämpfe gefaßt sein. Vielleicht ist dies gut, um den deutschen Geist in Spannung zu erhalten, daß er sich einer stiller wirkenden Neaction nicht ergebe, sondern, schnell geweckt, den Feind zurückschlage, oder doch so lange Widerstand leiste, bis sich seine Kraft wieder gesammelt habe. Vorerst sehen wir Juden den alten wider uns gerichteten Haß vielseitig wieder an den Tag treten. Von katholischer Seite, wo man ein so großes bestimmtes Ziel im Auge hat, bei welchem man doch am Ende die Juden weder als Ursache noch als Hinderniß zu betrachten vermag, überläßt man es den Fastenpredigern, die

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