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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-14 · Heft 11 (14.3.1871) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 11 (14.3.1871)
Date
1871-03-14
Page
Seite 211 (sequence 3)
Language
German
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211 Verhältnissen, in der Erhaltung unserer heiligen Religion und in der Sicherstellung des Standpunctes, den wir geschichtlich, sei es noch bestritten oder unbestritten, erreicht haben, nämlich der Gleichberechngnng in Staat und Gesellschaft. Was für diese beiden großen Momente nützlich oder schädlich ist, was ste fördert oder gefährdet, das ist und wirkt für Euch wie für uns. Vereinigen wir daher überall, wo es Noth thut, unsere Anstrengungen, und kommen wir uns hülfreich entgegen! Seit dem Falle Jerusalems hat der israelitische Stamm alle großen Geschicke, Erschütterungen und Bewegungen der Völker mitdurchgemacht, und auf der großen Fluth der Geschichte fuhr sein Schiff, mitten unter den Fahrzeugen der Nationen wellenauf und welleuab, unter denselben Stürmen, denselben Cours und in dieselben Häfen. Wir haben alles milgetragen, innerlich mitgekämpft, und so weit es unser Autheil und uns vergönnt war, auch äußerlich. Ueberall, wo dieser Stamm einen festen, sicheren Boden unter seinen Füßen fand, sah er ihn als sein Vaterland an und widmete ihnr ein warmes Herz voll treuer Anhänglichkeit. Ganz besonders war dies mit den Juden der Fall, welche eine längere Zeit hindurch auf deutschem Boden seßhaft gewesen, und noch heute, nach Jahrhunderten, sprechen deren Abkömmlinge, wenn auch in alterthümlicher Weise, deutsch in den Steppen Rußlands, auf den Straßen Jerusalems, wie an den Küsten des stillen Oceans. So haben wir Alle nur Einen Wunsch: „rrsu* vmn:: cirs Der Frieden schasst in seinen Himmels- Höhen," der schaffe auch Frieden über alle Menschensöhne. Er schaffe Frieden zwischen den beiden großen Culturvölkern, welche jetzt die Waffen niederlegen, Er schaffe Frieden für ganz Israel, denn dies ist auch, so. lange jenes zerstreut ist unter allen Nationen, gleichbedeutend mit dem Frieden für alle Menschenvölker! 22'rs aibtt Friede sei mit Euch! Die couftsslünrlle llknetiou. Kaum ist der Donner der Kanonen verhallt, noch das von allen Söhnen des Vaterlandes in gemeinsamem Heldenmuth vergossene Blut auf den französischen Schlachtfeldern nicht ganz verraucht, und schon hebt die eonfessionelle Reaelion von allen Seiten ihr sinsteres Haupt wieder empor. Dies ist in der That nach der alten Fabel die Hvdra, deren Kopf, abgehauen, immer wieder aus dem Rumpfe wächst, und welche die Wucht der schwersten Ereignisse nicht zu erdrücken vermag. Wir können uns hierüber eigentlich nicht wundern. Diese Reaelion giebt sich selbst nie auf. Sie tritt vor mächtigen Begebenheiten einen Augenblick zurück; sie verstummt auf einige Zeit vor einem gewaltigen Rufe, der ergreifend und erschütternd durch die Völker geht — immer aber mit dem Vorbehalte, sich wieder in den Vordergrund zu drängen, sobald die Ruhe wieder eingetreten. Sie specnlirt dann auf die Abspannung und Erschlaffung, welche nach gewaltigen Parop)Smen einzutreten pflegt, auf die Steigung der Menschen, sich wieder andern Motiven und Juchtungen zuzuwenden, wenn die vorangegangene Bewegung der Geister erschöpft ist. In unsrer schnelllebigen Zeit beginnt diese Reaction sehr früh ihr Spiel von Neuem, und noch sind die deutschen Heere vom fremdländischen Boden, wohin sie ein einheitlicher Enthusiasmus begleitet hatte, aus dem die einheitliche Gestaltung Deutschlands hervorgegangen, nicht zurückgekehrt, da fängt bereits die confessionelle Reaetion ihr spaltendes und zerwühlendes Werk von Neuem an. Es versteht sich,- daß dieselbe auch die politische Reaction einleiteu soll und will; denn beide Parteien sind miteinander innig verbunden, und haben ein und dasselbe Ziel. So zeigten sich und wirken sie gemeinsam nach 1815, so in den fünfziger Jahren. Doch wir hoffen, daß die Jetztzeit eine kräftigere, bewegtere und durch die Geschichte der jüngsten Vergangenheit belehrtere ist, so daß diese Reaction ihr Spiel dadurch erschwert und verschlimmert haben wird, weil sie in ihrer Ungeduld es zu frühzeitig begonnen hat. Wir haben hier vor Allem Preußen und Oesterreich vor Augen. Aber in beiden Staaten liegen doch die Dinge anders, wenigstens gegenwärtig. In Preußen handelt es sich noch immer um die Frage: ob reactionär oder liberal? ob die zum Theil erlangte liberale Gestaltung des Staates vollständig, in ihrer Art vollendet werden soll?, oder noch imrner mehr eine scheinbare und formelle zu bleiben verurtheilt sei? In Preußen sind deshalb die feudale mit der pietistischen und ultramontanen Partei innig verbunden, und haben den größten Einfluß sowohl auf die Gesetzgebung als die Verwaltung; ste haben durch das Herrenhaus das unbedingte Veto gegen jeden gesetzgeberischen Fortschritt in Händen und herrschen in den meisten und für den inneren Staat wichtigsten Ministerien vor. Gelingt es 11 *

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