Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1871)
- Date
- 1871-03-14
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 feen Feind abzuwehren von unseren Grenzen, der die Absicht niemals verschwiegen hatte, abermals deutsche Provinzen sich anzueignen. Gott, der Sieg und Niederlage nach seinem Nathschlusie vertheilt, gewährte uns den ersteren, und nun ergossen sich unsere Heere, den Feind verfolgend, über die Landschaften Frankreichs. Aber ebenso sicher ist es, daß nicht etwa die Lust zu erobern, der Uebermnth des Siegers Deutschland bewog, bisherige Provinzen Frankreichs im Friedensschlüsse sich anzueignen, Beweis dafür, daß es an der Grenze seiner ursprünglichen Besitzungen stehen geblieben, und seine Hand nur auf Landstriche legte, in welchen ursprünglich Deutsche seßhaft sind und die deutsche Sprache noch heute als Volkssprache gesprochen wird. Aber auch diese geschichtlichen Erinnerungen geben das eigentliche Motiv der Besitznahme nicht ab, sondern augenscheinlich nur die Sicherstellung Deutschlands vor abermaligen Angriffen der Franzosen, welche so viele Jahrhunderte hindurch Deutschland immer von Neuem bedrohten. Und so ist es voraussichtlich, daß die Bewohner dieser Provinzen niemals berufen sein werden, Frankreich anzugreisen, sondern nur das gemeinsame Vaterland vertheidigen zu helfen — was mit Gottes Hülfe mn so weniger in Zukunft der Fall sein wird, je geschützter die Grenzen sind, die zwischen den beiden großen Nationen sich befinden. Gewiß ist es, daß nicht wenig die ursprünglich deutschen Elsässer und Lothringer der Umstand fest an Frankreich schloß, daß dieses einen einheitlichen und besonders auf dem Principe der Gleichheit organisirten Staat bildete — wenn auch die Freiheit in ihm bei dem oslmaligen und stürmischen Wechsel der Verfassungen nur zweifelhaft in ihm obwaltete — während Deutschland das Bild der Zerrissenheit und schwerer Kämpfe bot. Aber dies hat sich jetzt geändert; Deutschland hat sich geeinigt und wird auf dem errungenen Standpuucte in einheitlicher Entwickelung fortschreiten; es vermag jetzt ein Vaterland zu bieten, das von der fernen Küste der Ostsee bis zu den Füßen der Alpen und Vogesen durch Freizügigkeit, freien Verkehr, gleichmäßige Steuer- und Rechtsverhältnisse, in einer, wenn auch langsam zur gesetzlichen Freiheit sich entwickelnden Gesetzgebung und in geeinter Kraft gesichert, einen großen Spielraum zur freien Entfaltung und Verwendung der persönlichen Kräfte eröffnet. Freilich können solche Erwägungen treue Herzen nicht über den Lerlust ihrer Nationalität trösten. Aber gerade Ihr, Israeliten des Elsaß und Lothringens, seid Ihr nicht vorzugsweise deutschen Ursprungs? Wenn Ihr noch heul? die große Mehrheit der Juden in Frankreich ausmacht, wenn Ihr vor 17 89, wo nur ein Dutzend Juden mit besonderer Erlaubniß in Paris wohnen durften, noch einen viel beträchtlicheren Theil unserer Glaubensgenoflen in Frankreich ausmachtet, da neben Euch in diesem Lande nur die verhältnißmäßig geringe Zahl der proven.-alischen Juden bestand, während jetzt die große Gemeinde von Paris größtentheils aus Euren Reihen bevölkert ward, wieso kam dies? Daraus allein, weil Elsaß und Lothringen ursprünglich deutsch waren. Denn wenn auch auf dem Boden Deutschlands unsere Väter älFu oft schwere, blutige Verfolgungen zu ertragen hatten, so wurden sie doch niemals aus seinen Grenzen vollständig verjagt und verbannt und ihre Rückkehr verpönt, wie dies in Frankreich der Fall war, so daß eben Süd- und Ostsrankreich von Juden nur bewohnt werden konnten, weil diese Länder spät in den Besitz Frankreichs übergingen. Daß Ihr also in dem schönen Elsaß und Lothringen ansäffig seid, habt Ihr allein dem Umstand? zu verdanken, daß Ihr ursprünglich deutsche Juden wäret. Wenn nun die Provence ihrem Wesen und Charakter nach viel mehr von Ursprung an französisch war und seitdem geworden, so hat sich doch in Euch und in Eurer Mitte das Deutschthum nachdrücklicher erhalten. Ihr braucht nur auf Euren gottesdienstlichen Ritus zu sehen, um zu erkennen, daß Ihr zu den Aschl'enasiin gehört, nicht zu den Sephardim. Tie Verbindung zwischen Euch und den deutschen Juden war niemals erstorben. Aus Deutschland holtet Ihr Eure bedeutendsten Rabbiner; Eure jüdischen Studien waren deutscher Art, und selbst 1808 traf Euch die berüchtigte Napoleonische Verordnung mit den Juden in den französisch gewordenen deutschen Gebieten des linken Rheinufers zugleich. Dieses Band in Freundschaft und Eintracht wieder auzuknüpsen ist unser Wunsch. Möget Ihr auch ferner Eure Consistorialversassung behalten — in Deutschland werden dergleichen örtliche und provinzielle Einrichtungen nicht überall über einen Kamm geschoren — unsre Absicht ist nur, Eure Sympathien uüs zuzuwenden, Euch unsrerseits mit der eiugetretenen Veränderung ausgesöhnt zu sehen und da, wo ein gemeinsames Vedürfniß, Streben und Ziel eintritt, Euch uns verbunden zu wissen. Unser Aller Vedürfniß, Streben und Ziel besteht, abgesehen von allen weiteren politischen und socialen