Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1871)
- Date
- 1871-03-07
- Page
- Seite 207 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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20? „Nun, wenn Du Etwas zu bewachen hast, Dem Mehl und Deinen Wisky, und all die Spezereien und Maaren, mit denen Du uns betrügst und die Haut abschindeft, warum bist Du hier geblieben? Ich meine es gut mit Dir, Kares, noch ist es Zeit, denn der Geschützdonner verliert sich doch immer weiter nach der Düna zu, Beweis, daß unsere Peiniger, die Rüsten, immer weiter zurückwcichen, und die Befreier Polens, die Franzosen , mit dem großen Kaiser bald hier sein werden. Ihr Juden haltet es aber mit den Rüsten, Nun, ich biete Dir an. Dein Haus milzubewachen, also lauf nur und nimm Dein schönes junges Weib mit, daß vielleicht den Herren Franzosen allzusehr gefallen möchte. Denn stattlich ist sie, und schön dazu, sage ich." „Wie viel meinst Du, Jokul, daß ich, wenn ich Dich zur Wache dalaste, von meinem Wißky und meinem Mehl wiedersinden werde? Ich bleibe hier, und gerade meine Rächle will es so. Ich gestehe Dir, das ich auch lieber gegangen wäre, denn mit dem Kriegsvolk, es sei russisch oder französisch, habe ich nicht gern etwas zu schaffen. Aber meine Frau meinte, wenn man dableibt und giebt den Soldaten die Hälfte von dem, was man hat, so lasten sie Einem die andere Hälfte und dazu das, was sie nicht brauchen können; geht man aber fort, so nehmen sie Alles, nnd vernichten, was sie nicht genießen und fortschleppen können. Ja, und was Du von den Rüsten sagst, Jokul, das ist wahr. Wie es früher hier zu Lande gewesen sein mag, weiß ich nicht; jetzt aber, weiß ich, mag sein, weil Ihr die Knechte der Russen geworden, wollt Ihr Polen uns Juden, die wir doch auch Kinder dieses Landes sind, knechten und unterdrücken, und so Ihr die Herren des Landes würdet, hätten wir Plünderung, Mißhandlung und Mord zu erwarten. Darum halten wir es mit den Rüsten, die uns doch etwas Sicherheit des Lebens und des Eigenthums verbürgen, während Ihr Polen nun einmal nicht im Stande seid, Ruhe und Ordnung zu halten. Und dann, Jokul, wärest Du wie ich in Wilna gewesen, und hättest da den großmächtigen Kaiser und seine zahllosen Generäle und Officiere nnd seine Soldaten wie Sand am Meer gesehen und die Kanonen und die Reiter und all' das Volk — Du würdest auch nicht glauben, daß der besiegt werden kann, und wenn da drüben die Russen etwas zurückweichen, in den nächsten Tagen kommen sie wieder und schießen über ihre Feinde dahin, wie die Wellen der Düna, wenn sie über die Ufer tritt." Der Pole machte bei dieser Rede des Juden große Augen und blickte ihn mit solchem Grimm und Haß an, daß dieser zurückschreckte und erbleichte. „Da verstehst Du gar nichts davon, Jude!" erwiderte er. „Wenn Du ein wirkliches Kind dieses Landes wärest, Du würdest unter allen Bedingungen die Rüsten hasten als Deine Todfeinde; Du ließest Dich lieber von polnischen Herren mit den Füßen zertreten, als von den Rüsten aufrichten und beschützen. Sie haben unsere Nation mit Hinterlist gefangen, dieses Land zerristen und an die Nachbarn vertheilt, sie wollen uns und unsere heilige Mutter, die Kirche, ausrotten, und nicht eher wird zwischen unö und ihnen Frieden, als bis wir oder sie sich zu Tode verblutet. Nun die Stunde der Rache ist gekommen; größer als ihr Kaiser ist der unsrige, der siegreiche Kriegsheld, der alle Völker Europas sich'unterworfen. Sechözigtausend Polen, habe ich mir sagen lasten, stehen unter seinem Befehl, und die werden mit ihm in Moskau so gewiß einziehen, wie Du und Deinesgleichen aus dem Lande gejagt werden. Nur wenige Wochen noch, und wir werden Beides erleben!" „Nun, nun, Jokul," sprach der Andere besänftigend, „Du meinst es nicht so schlimm, und wirst, wenn Du erst Herr geworden, denn Du bist ja auch ein Adeliger, wenn jetzt auch Knecht, mit einem armen Juden Gnade üben —" Der Pole hatte nickt Zeit zu antworten, denn plötzlich erdröhnte lauter Hufschlag auf der Straße, und im Nu bog ein starker Haufe russischer Ulanen um die Ecke und brauste in gestrecktem Galopp an das Dorf heran, ohne jedoch Miene zu machen, hier erhalten. Obschon an der Spitze der Reiter ein höherer Ofsicier sich befand, schien doch der ganze Schwarm in voller Unordnung zu sein und in unaufhaltsamer Flucht vorwärts zu eilen. Eben waren die Reiter dem Orte nahe gekommen, an welchem die beiden Männer standen, auf deren Gespräch wir gehört, als das Pferd des OfsicierS aufheulend zusammenbrach und sein Reiter zu Boden fiel. Die Uebrigen kümmerten sich nicht darum, sondern schossen wie ein Hagelfeuer vorüber, ohne ihren gestürzten Anführer eines Blickes zu würdigen. Noch einige Augen* blicke, und die Reiter waren in der Staubwolke verschwunden, welche ihre Roste aufwirbelten, und selbst ihr Hufschlag verlor sich. Die beiden Männer standen noch immer einige Schritte von der Straße, und der Ofsicier und das Pferd lagen auf dieser, sonst war Alles wieder still. Da richtete der Russe seinen Oberkörper auf und rief die Männer mit bittender Stimme an: „Kommt, gute Freunde, helft mir auf und bringt mich in ein Haus, wo ich verbunden werden kann. Ich habe einen Schuß im rechten Arm, und der Sturz vom Pferde hat mich unfähig gemacht, aufzustehen. Um GotteSwiüen helft mir.. ." Der Pole blieb wie angewurzelt stehen; er rührte und bewegte sich nicht. Der Jude rief ihm zu: „Komm, Jokul, hilf mir den armen Herrn zu retten, es soll Dir eine Flasche meines besten Wisky einbringen..." Das war ein großes Wort von einem polnischen Juden an einen polnischen Bauer, und der erstere zweifelte an dessen Wirkung keinen Augenblick, sondern sprang über den schmalen Graben auf die Straße und eilte zu dem verwundeten Ofsicier. Aber der Pole hatte mit dem Kopfe geschüttelt, sandte Blicke des Hasses auf den Russen wie auf den Juden und murmelte: „Nicht um ein Faß Wisky! Der soll mir übrigens doch nicht fehlen!" Hiermit wandte er sich und rannte in das Dorf zurück.