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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-07 · Heft 10 (7.3.1871) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 10 (7.3.1871)
Date
1871-03-07
Page
Seite 208 (sequence 20)
Language
German
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208 Koref suchte dem Ofsicier aufzuhelfen, und wirklich gelang es diesem, auf den Füßen zu stehen, indem er den linken Arm um den Dtacfen des kleinen Mannes schlang. Es fand sich, daß ihm Der Sturz nur eine starke Cou- Lusion an der Hüfte verursacht, was ihm, verbunden mit dem Blutverlust und den Schmerzen der Wunde am Arm, das Gehen sehr erschwerte. „Könnt Ihr, gnädiger Herr, mit meiner Hülfe bis dort an das große Haus am Rande des Waldes kommen? Das ist mein Haus und Ihr sollt dort einen Verband und so viel Hülfe und Pflege finden, wie ein armer Jude zu leisten vermag. Wo nicht, so müßt Ihr hier warten, bis ich Hülfe geholt, um Euch hinzutragen/' „Item, nein, erwiderte der Ofsicier, laßt mich nickt allein zurück, ich will mit Euch, es wird schon gehen." Es war ein noch ziemlich junger, kräftiger Mann, der den kleinen Juden hoch überragte, und nachdem er am Arm desselben erst ein Paar Schritte gethan, ging es bald besser, und Koref führte seinen Schutzbefohlenen vorsichtig um die Häuser des Dorfes herum nach seiner etwas entlegenen Wohnung. Der Ofsicier trug eine glänzende Uniform, die jetzt allerdings bestäubt und an mehreren Stellen zerschossen war. Aber man erkannte leicht den höhern Rang, und eine Anzahl Ordenßzeichen ließ voraussetzen, daß cr von seinem Kaiser bemerkt und ausgezeichnet worden. So wanderten der Obrist Fürst Schuwalof und der polnische Jude Koref mit verschlungenen Armen langsain zu des letztern Haufe am Rande des dichten Föhrenwaldes, traten ein, und der vorsichtige Eigenthümer verschloß sofort die Thüre hinter-sich und seinem Gaste. Im Innern des Hauses mochte man wohl geschäftig um den Verwundeten sich bewegen, ihrn Speise und Trank reichen, deren er seit dem frühen Morgen entbehrt hatte, und die Wunde verbinden, die zwar den Knochen verschont hatte, aber im Fleische weit klaffte. Rach den Regeln der Kunst geschah dies nicht, sondern eben nur wie man es perstand. Doch half dabei die zarte Hand der schönen Rächele, und das ist schon immer nicht ohne Wirkung. Unterdeß aber sah man fünf Männer durch die Gassen des Dorfes nach dem Hause des Juden eilen. Sie waren mit Knütteln, Sensen und Messern bewaffnet, und dies wie ihre Geberden und Worte, bezeugte, daß sie Böses im Schilde führten. Als sie vor dem Hause angelangt und die Thüre verschlossen fanden, schlugen sie gewaltig an dieselbe, und bewirkten dadurch, daß ihnen nicht geöffnet wurde. Vielmehr erschien Koref an einem Fenster und fragte, was ihr Begehren sei. Sie machten kein Hehl daraus, denn sie glaubten, daß die drei Juden, die sie im Hause wußten, sich ihnen nicht zu widersetzen wagen würden. Sie riefen daher: „Gebt den Russen heraus, Koref, dann soll Euch nichts geschehen. Aber auch sein Geld, seine Uhr, seine Ringe, die Ihr ihm gewiß schon abgenommen, sie gehören uns. Oesfnet, oder wir schlagen Euch allefammt todt, auch Euer Weib und Eure Kwder!" Unser Koref war todtenbleich geworden; einen Augenblick zitterte er an Händen und Füßen. Aber in seinem Entschlüsse schwankte er nicht. Er antwortete: „Ihr wollt doch nichts Bisses thun, Nachbarn. Was hat Euch der verwundete Ofsicier gethan? Ihr sollt Jeder zehn polnische Gulden haben und eine Flasche Wisky, und dann geht Ihr ruhig nach Hause." „Mit Eurem verdammten Wisky!" lautete die Antwort. „Damit denkt Ihr uns immer zu kaufen. Aber wir werden ihn ohne Euch bekommen und Eure polnischen Gulden dazu. - Oesfnet die Thüre, oder wir schlagen sie ein; und habt Ihr Euren eisernen Balken vorgelegt, so stecken wir Euch das 'Jicft über dem Kopfe an!" „Das werdet Ihr nicht thun, denn dann habt Ihr das letzte Faß Mehl und das letzte Faß Wisky verbrannt, und Ihr müßtet verhungern, wie die Kuh im Stall, der Niemand Futter bringt." „Hört auf mit Eurem Gewäsch!" schrien die Kerle, und der eine schlug mit seiner Senfe durch das Fenster, daß es dem Koref übel ergangen wäre, wenn er nicht zur rechten Zeit noch zurückgewichen. Jetzt machten sich die Polen an die Thüre, schlugen mit ihren Knütteln daran, hieben mit ihren Sensen darauf, stießen mit den Füßen; aber die Thüre widerstand, sie war aus Eichen und fest gefügt. Während sie noch daran arbeiteten, erschienen zwei Männer, der Eine ein Schwager, der Andere der Meschores «Diener) Korefs, an den Fenstern zunächst der Thüre, Jeder mit einer Pistole bewaffnet, die der russische Oberst im Gurt getragen. „Laßt ab," riefen sie, „oder wir schießen Euch nieder wie tolle Hunde!" Die Polen wichen vor solchen Waffen zurück, und beriethen sich, was sie vornehmen sollten. In Folge dessen blieben zwei vor dem Hause, und die anderen drei gingen um die Ecke, um in den Hof zu dringen und durch die Hinterthüre sich den Eingang zu öffnen. Hier fuhr zwar der große Hofhund auf sie los, aber ein Hieb mit dem Knüttel streckte ihn alsbald nieder. Die Sache wurde drohender und die Männer entschlossen, das Haus wirklich in Brand zu stecken, wenn sie nicht hiueinkommen könnten. Da erschollen plötzlich vom Dorfe her Trompetenstöße und Trommelklang. Auf der Landstraße kam ein Bataillon französischer Infanterie herangezogen. Ein Zug Plänkler drang in die Häuser, und da sie dieselben leer fanden und nichts als Schmutz und elendes Hausgeräth, so begannen sie durch Schüsse und einige Bränder das elende Dorf anzuzünden. Das war bald geschehen. «Fortsetzung folgt.) Verlag von Barnngärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirkchfrld. Verantwortlicher Redacteur I*r. H. klotze.

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