Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 35 (1871)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1871)
- Date
- 1871-03-07
- Page
- Seite 206 (sequence 18)
- Language
- German
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206 und zuletzt die Fäuste unseres Jeinkof überredend sind. Jeder Ansiedler hat dem Gründer des Dorfes eine unbedeutende jährliche Steuer zu zahlen. Das Recht wird nach den Umständen gesprochen. Allerdings besitzt die Gemeinde auch einen Schriftgelehrten. Sie möchte wohl schwerlich ohne denselben existiren wollen. Es war ein Schwiegersohn, den sich Reb Koref mit vielen Kosten verschafft und eingesetzt hatte, und der nun nichts weiter Lhat als „Lernen" und dann und wann im Beismedresch einen Bortrag hielt, den die guten Leute wenig verstanden, aber desto mehr bewunderten. In Allem, was die religiösen Gesetze betraf, thaten sie nun nichts, ohne den weisen Mann zu befragen, und seine Entscheidung galt. Aber im Mein und Dein, in allen Dingen des weltlichen Lebens hüteten sie sich wohl, an ihn zu appelliren. Sie mußten wohl erfahren haben, daß das jüdische Recht, wie es in Babylon ausgemacht worden, in Sibirien mancherlei Schaden mit sich brächte. Sie suchten sich daher die Frage zuvor nach dem Bedürfnis zu beantworten, und nach dem fait accompli wurde es ihnen nicht schwer, durch eine scharfsinnige Auslegung sich mit der jüdischen Rechtssatzung in Ausgleich zu befinden. Dies war das Judendorf Beisrächele, so weit ich seine Verhältniffe kennen lernte. Ob man mir Alles gesagt und gezeigt, will ich nicht behaupten. Aber das größte Jntereffe erregte in mir die Frage: wie ist es in dieser Ferne und inmitten der Wildniß entstanden? Welches war seine Vorgeschichte und wie konnte es sich erhalten und erweitern? Ich verhehlte meinem Wirthe diese meine Neugierde nicht, er versprach mir bereitwillig, die Geschichte in den Abendstunden zu erzählen, da er nichts davon zu verhehlen habe. Er hat sein Wort gehalten, und hier folge der Inhalt seines Berichtes. 3. Es war am Nachmittage eines Augusttages im Jahre 1812. Der Monat hatte zwar bereits die Höhe seiner Dauer überschritten; dennoch aber war die Hitze sehr drückend, die Luft schwül und das Licht der Sonne grell und blendend. Diejenigen, welche behaupten, daß einem heißen Sommer stets ein strenger Winter folge, hätten dies Mal diese Voraussicht zu hegen genügende Veranlassung gehabt und sich, wie bekannt, nicht geirrt. An einem polnischen Dörfchen, nicht weit von Polo tzk, lief zwar nicht die große Heerstraße, doch eine Nebenstraße, die späterhin in jene mündete, vorüber. Die zerstreuten Häuser oder vielmehr Hütten des Dörfchens zeigten große Armuth. Der leibeigne Bauer Polens hatte die doppelte Last seines Herren und der russischen Regierung zu tragen, und fristete daher kaum sein und der Seinigen Leben. Was half ihm der reiche Ertrag der Felder und die Fülle des Holzes in den Wäldern? Er hatte jene mit dem Schweiße seines Angesichts zu bearbeiten und dieses zu fällen und dabei zu hungern und in Lumpen zu gehen. Darum waren seine Wohnungen mit Schmutz beladen und umgeben, klein und verfallen, und hiervon machten die Hütten dieses Dorfes keine Ausnahme. Nur ein HauS, etwas abgesondert von den übrigen, dicht am Saume des WaldeS, konnte bei näherer Betrachtung einige Verschiedenheit aufweisen. Es war größer und geräumiger, hatte einige kleine Nebengebäude, Glasscheiben und Fensterläden, ein vollständiges und nicht zu altes Strohdach, und die Zugänge zu ihm führten etwas weniger über Düngerhaufen und Schmutzlachen. Das Dorf lag auf einer Lichtung des großen Waldes, so daß von der einen Seite die Straße den Wald vom Dorfe schied, von der anderen Seite dieser die äußersten Hütten wieder umschloß, so daß nur nach Norden zu eine Aussicht auf weite Getreidefelder sich bot. Die Straße, die wahrscheinlich nur dem Sommer eine ziemliche Fahrbarkeit verdankte, bog, ehe sie das Dorf erreichte, um eine Ecke des Waldes, so daß man sie nach dieser Seite hin nicht übersehen konnte. Doch gewahrte man wohl, daß das Dorf auf einem etwas ansteigenden Terrain lag, denn der östliche Wald, den die Straße begrenzte, senkte sich etwas, während der westliche, an dessen Rande jenes Haus lag, sich etwas hob, und verrieth, daß er bald in einen hügeligen Landstrich führen mußte. Am gedachten Nachmittag des 18. August 1812 stand ein untersetzter, schmächtiger Mann nicht weit von der Landstraße, und schien, obgleich kein Gegenstand für eine Anstrengung seines Sehvermögens vorhanden war, doch von großer Aufmerksamkeit eingenommen und von Besorgniß ergrsssen. Wir sagen ein Mann, denn, obschon er erst seit wenigen Jahren die Zwanzig überschritten haben konnte, trug er doch, wie dies bei polnischen Juden in diesem Alter immer der Fall ist, in Blick und Ausdruck, in den Falten der Stirn und um den Mund den Charakter des gereiften Mannes an sich. Seine Aufmerksamkeit war erklärlich. Sie galt dem Donner der Geschütze, der, wenn auch etwas aus der Ferne, doch deutlich genug herüberschallte, und aus welchem sich wohl der Lauscher die Bewegung des Gefechtes oder der Schlacht, die dort drüben bereits seit dem Morgen des vorhergehenden Tages geschlagen wurde, entnehmen wollte. Die Straße wie das Dorf waren menschenleer, letzteres wie ausgestorben. Noch stand der Mann unbeweglich auf seinem Platze, als ein anderes, etwas älteres Individuum und durch Tracht und Aussehen als Pole gekennzeichnet zu dem Manne trat und ihm auf die Schulter klopfte. „Wie, Koref," sagte der Hinzugekommene, „bist Du noch hier? Bist Du nicht mit Weib und Kindern, mit Schwager und Meschores davongelaufen, da es noch Zeit war?" „Meinst Du, Jokul, wir sind so thöricht wie Ihr? wie die Bewohner dieses Dorfes allesammt, da sie Niemanden weiter als vier oder fünf Deinesgleichen zur Bewachung zurückließen? Zur Bewachung, als ob es da Viel zu bewachen gäbe!"