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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1871-03-07 · Heft 10 (7.3.1871) · p. Seite 205

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
35 (1871)
Issue
Heft 10 (7.3.1871)
Date
1871-03-07
Page
Seite 205 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Femütloll-Mlage zn Rr. 10. Leipzig, den 7. März 1871. Das Jndeudors in Sibirien. Erzählung eines Reisenden. lForlsctzuug.) Es verstand fick von selbst, daß ich den Samstag in Beiörächele blieb. Denn da ich ohne Führer nickt weiter konnte, so mußte.ich schon den Sonntag abwarten, um einen Bewohner dieses Dorfes erhalten zu können. Denn das Dorf war eben ganz und gar von Juden bewobnt, und nur zwei Familien anderen Glaubens, von welcher Secte weiß ich nicht, denn deren giebt es in Rußland viele Hunderte, waren hier ansässig, und dienten als Thorwächter, vorzugsweise aber, um am Schabbes diejenigen Verrichtungen in sämmtlichen Familien zu leisten, welche die Juden selbst an diesem Tage nach ihrem Gesetze nicht verrichten durften. Dies war denn auch das Einzige, wozu sie Andersgläubige verwandten; sonst wurde Alles, Ackerbau und Handwerk von ihnen selbst auSgeführt, was mir auch gar nicht aufsiel, da dies, in Unterschied mit ihren Glaubensgenossen anderer Länder, in den polnischen und russischen Städten überall der Fall ist, und z. B. in jenen Provinzen fast alle Steinklopfer, Slraßenpflasterer, Maurer und Zünmerleute Juden sind. Man brachte mich in eine Kammer, welche die kluge Hausfrau gewiß für mich mit besonderer Sorgfalt hatte zurüsten lassen, denn ich fand mein Bett darin viel sauberer, als die Polen es bedürfen und verlangen. Es war offenbar, daß mein Wirth mit seinem Dorfe vor mir paradiren wollte; aber es kann auch leicht sein, daß er nicht weniger vor den Bewohnern des Torfes, welche nicht Glieder seiner Fainilie waren, mit mir paradiren wollte. Ich mußte mit in die Schul', unter dem Vorwände, daß sie einen ausgezeichneten Sänger hätten, was ich bestätigen könnte, wenn ich den Gesang mit dem Maßstabe furchtbarer Kraft, ich könnte sagen Gebrülls, und wilden sprungartigen Umherwerfens in allen möglichen Tonarten messen wollte. Und dann führte mich der Greis durch Alles, was zum Dorfe gehörte, und pries mir den Zweck und die Einrichtung, wobei dann unwillkührlich die Rächele, feine Frau, eine große Rolle spielte. Da ich dies von Anfang an vorausgesetzt, so hatte ich meine beste Uniform angelegt, den Degen umgeschnallt und die drei funkelnden Orden angeheftet, welche mir meine Arbeiten und Erfolge bereits eingebracht hatten. Dafür wurde ich denn auch angestannt und hatte die Ehre, bei dem Rundgang durch das Dorf von der gesammten Bevölkerung, Männer, Frauen, Kindern und Hunden begleitet zu werden. Es mochte wohl schon lange her sein, daß sie keinen Fremden gesehen; das Dorf lag zu weit ab von der einzigen Heerstraße, die durch das Land führt. Ich bekam allen Respeet vor dem Fleiße, der Mäßigkeit und Sparsamkeit, welche sich überall unzweifelhaft bekundeten. Der Acker- und Gartenbau war die Grundlage ihrer Existenz', aber nichtsdestoweniger hatten die Bewohner des Dorfes auch verstanden, sich den Zwischenhandel mit den einzelnen Ansiedlern, die nordwärts in den Bergen wohnten, anzueignen. Diese brachten die Pelze der von ihnen erlegten Thiere und erhielten dafür, was sie an Bedürfnissen hatten. Die Pelze wurden dann nach PetropawlowSk gebracht, von wo sie hinwiederum die nöthigen Waaren bezogen. Ich fand hier bestätigt, was sich in Galizien und Polen mir öfter aufgedrängt, nämlich, daß die Juden polnischer Raee thätige und schlaue Händler , dagegen aber zu jeder größeren Specnlation sehr wenig befähigt sind, den Blick in das Weite und Große nicht besitzen, nur nach dem greifen, was sie vor sich haben, und hierüber den besten Vortheil und Gewinn verlieren. Ich habe schon gesagt: der Czar ist weit von hier, und es kann daher nickt wundern, daß die Bewohner unseres Dorfes von den Gesetzen und Befehlen der russischen Negierung wenig beobachten, und zwar weil sie noch weniger von ihnen wissen. Die jährlichen Abgaben werden pünktlich abgeliefert, die nöthigen Geschenke an die obrigkeitlichen Personen des Bezirkes überreicht, und nun kümmert sich Keiner mehr um den Anderen. Mein Wirth, der Greis von fast achtzig Jahren, ist das Oberhaupt des Dorfes, und seinen Anordnungen wird Folge geleistet, nicht etwa, weil es an Parteiungen und an Individuen fehlt, welche sich dieser Autorität gern widersetzen möchten, sondern weil die Mehrzahl doch Glieder seiner Familie, das Ansehen der Frau Koref entscheidend

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